Technologie
Vorlage:Begriffsklärungshinweis
Technologie im heutigen Sinne ist die Wissenschaft und Lehre von der Technik zur Planung und Herstellung von Industrieprodukten. Sie erforscht und vermittelt im Wesentlichen technisches Know-how zur Gestaltung verfahrens- und anwendungstechnischer Prozesse in Industriebetrieben einschließlich der Planung und Bereitstellung der erforderlichen Betriebsmittel und technischen Dokumentationen.
Etymologie
[Bearbeiten]Das Wort Technologie leitet sich ab von Vorlage:GrcS „kunstgemäße Abhandlung über eine Kunst oder Wissenschaft“,<ref>Vorlage:Literatur</ref> das seinerseits auf Vorlage:Lang „Kunst, Handwerk“<ref>Vorlage:Literatur</ref> sowie Vorlage:Lang (hier wie Vorlage:LaS in der Bedeutung „Wissenschaften“, vergleiche -logie)<ref>Vorlage:Literatur</ref> zurückgeht. Im hellenistischen Griechisch (Koine, ab ca. 300 v. Chr.) wurde damit gelegentlich die „systematische Behandlung der Grammatik und Rhetorik“ bezeichnet.<ref>Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon. Oxford, 1940, S. 1785 (vergleiche Digitalisat Vorlage:Lang; Abruf am 20. Juli 2020).</ref>
Allgemeines
[Bearbeiten]Der Begriffsinhalt hat sich im Laufe der Zeit verschoben. Das Wort besaß früher die Bedeutung einer Kunstlehre zur Gewerbekunde.<ref>Gablers Wirtschaftslexikon. Band 5, Verlag Dr. Th. Gabler, 1984, Sp. 1580.</ref> In neuerer Zeit überwiegen Bedeutungen wie „Lehre vom Handwerk“, „Wissenschaft von der Technik“ oder „technisches Know-how“, doch unterscheiden sich die verschiedenen Begriffsauffassungen teilweise beträchtlich. Technologie ist insgesamt betrachtet naturwissenschaftlich-technisches Wissen, welches die Grundlage für Produkte und Produktionsverfahren darstellt.<ref>Luitpold Uhlmann: Der Innovationsprozess in westeuropäischen Industrieländern, Band II, 1978, S. 41.</ref>
Technischer Fortschritt bringt Produkt- oder Finanzinnovationen hervor; wer einen Vorsprung in der Anwendung neuer Techniken gegenüber der Konkurrenz aufweist, heißt Technologieführer.
Verschiedene Bedeutungen in der Neuzeit
[Bearbeiten]18. Jahrhundert
[Bearbeiten]Bis ins 18. Jahrhundert verstand man, vermutlich unter dem Einfluss des hellenistischen Wortgebrauchs, unter Technologie die Vorlage:".<ref>Johann Heinrich Zedler: Großes vollständiges Universallexikon. Halle 1732 ff., zit. n. A. Timm: Kleine Geschichte der Technologie. Stuttgart 1964, S. 44.</ref> Diese Bedeutung ist bloß von sprachgeschichtlichem Interesse und spielt längst keine Rolle mehr.
Der Aufklärungsphilosoph Christian Wolff schrieb 1740 von einer Vorlage:".<ref>Christian Wolff: Philosophia Rationalis sive Logica. übersetzt aus dem Lateinischen. Frankfurt/ Leipzig, 1740, S. 33.</ref> Mit Handwerken und Handwerkserzeugnissen ist aus damaliger Sicht offenkundig die gesamte „Technik“ gemeint (ein Wort, das es im heute geläufigen Sinn seinerzeit nicht gegeben hat). Ausdrücklich nennt Wolff auch die Architektur als einen Teil der Technologie. Interessant ist der Umstand, dass Wolff die Technologie als einen möglichen Zweig der Philosophie betrachtet. Das lässt sich damit erklären, dass die Ablösung der Einzelwissenschaften von der Philosophie großenteils noch nicht erfolgt war, aber man kann darin auch einen Vorgriff auf die Philosophie der Arbeit oder die Technikphilosophie sehen.
Als Begründer des deutschsprachigen Konzepts der Technologie gilt der Staatswissenschaftler Johann Beckmann. Nach kurzen Erwähnungen des Wortes in den Jahren 1769 und 1772<ref>Wilhelm Franz Exner: Johann Beckmann, Begründer der technologischen Wissenschaft. Wien 1878, S. 8.</ref> hat Beckmann 1777 das Buch Anleitung zur Technologie, oder zur Kenntniß der Handwerke, Fabriken und Manufacturen vorgelegt.<ref>Anleitung zur Technologie, oder zur Kenntniß der Handwerke, Fabriken und Manufacturen, Göttingen, mehrere Auflagen und Nachdrucke, zuletzt 6. Aufl. Göttingen 1809; zitiert nach dem nicht autorisierten Nachdruck Wien 1789.</ref> Darin sagt Beckmann: Vorlage:" (ebd., S. 17). An dieser Stelle nennt er nur die Handwerke und nicht auch, wie Wolff, deren Erzeugnisse; allerdings geht er an zahlreichen Stellen des Buches auch darauf ein und ergänzt seine Anleitung später durch eine eigene Warenkunde.<ref>Johann Beckmann: Vorbereitung zur Waarenkunde. 2 Bände. Göttingen 1793/1800.</ref> Gleichwohl ist Beckmanns Programm vielfach so aufgenommen worden, als handele es allein von der Theorie der Produktionsprozesse und nicht auch der technischen Produkte.
19. Jahrhundert
[Bearbeiten]Diese Auffassung steht bei Karl Marx im Vordergrund, dem es vor allem um das Verhältnis von Industriearbeit und Kapital geht. Vorlage:".<ref>Karl Marx: Das Kapital. Band 1, In: Marx/Engels Werke (MEW). Band 23, Berlin 1959 u. ö, S. 510.</ref> Andererseits entwickelt er aber auch eine sehr viel weitergehende, sozusagen gesellschaftstheoretische Vorstellung: Vorlage:".<ref>Karl Marx: Das Kapital. Band 1, S. 393, Fn. 89.</ref>
Seit dem späten 19. Jahrhundert wird Technologie zum Sondergebiet der Technikwissenschaften, das sich mit den Ver- und Bearbeitungsverfahren befasst. Man spricht von mechanischer, chemischer, Lebensmitteltechnologie usw., schränkt den Begriff also ausdrücklich auf die Lehre von den Produktionsverfahren ein.
20. Jahrhundert
[Bearbeiten]In der Deutschen Demokratischen Republik führte die Fachtradition im Zusammenhang mit einem diesbezüglichen Marx-Verständnis dazu, Technologie allein im Sinne von „Produktionslehre“ aufzufassen und sogar mittlere Fachkräfte in der Industrie (Fertigungsplaner, Arbeitsvorbereiter usw.) als Technologen zu bezeichnen. In einer Definition, die von der Fakultät für Technologie der Technischen Universität Dresden im Dezember 1960 ausgearbeitet wurde, lautet es: Vorlage:"<ref>Harald Perner: Technologie und Maschinen der Garnherstellung. Fachbuchverlag Leipzig, 1969, S. 17.</ref> In einem repräsentativen Fachlexikon heißt es: Vorlage:"<ref>Gerhard Banse, Bernd Thiele: Technologie. In: Herbert Hörz, Rolf Löther, Siegfried Wollgast (Hrsg.): Wörterbuch Philosophie und Naturwissenschaften. Berlin (Ost) 1978, S. 911; ähnlich auch H. Wolffgramm: Allgemeine Technologie. Leipzig 1978.</ref> Abteilungen zur Fertigungsplanung und Arbeitsvorbereitung in Volkseigenen Betrieben wurden meist ebenfalls unter der Bezeichnung Technologie geführt.
In Westdeutschland verbreitete sich unter dem Einfluss der ungenauen Übersetzung und Adaption des Wortes „technology“ aus dem Englischen seit den 1960er Jahren in Politik, Wirtschaft und Medien eine weitgehend unspezifische Wortverwendung, die mehr oder weniger dasselbe bedeutet wie Technik. So wird z. B. in der Produktwerbung oft schönfärberisch von Technologie statt von Technik gesprochen, um ein technisches Produkt wertvoller erscheinen zu lassen. Spricht jemand zum Beispiel im Zusammenhang mit Fahrzeugen von „neuester Technologie“, ist eigentlich die Fahrzeugtechnik gemeint.
Im Englischen, besonders amerikanischer Prägung, ist das tatsächlich existierende Wort technique (seltener: technic oder technics)<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref> als Pendant zum deutschen Technik völlig ungebräuchlich. Alles, was im Deutschen korrekt Technik heißt, wird im Englischen meist Vorlage:Lang genannt. Daher wird im Deutschen die Bezeichnung Technologie oft fälschlich für Technik verwendet. Das Bedeutungsspektrum des englischen Vorlage:Lang ist jedoch viel breiter als das von Technologie: Es reicht von Technik über Gerät, Werkzeug, Methode, Computerprogramm bis hin zu technischen Systemen und Verfahren. Entsprechend ist bei der Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche Vorsicht geboten.
Aktuelle Tendenzen
[Bearbeiten]Inzwischen findet die Auffassung eine gewisse Resonanz, die Wortbedeutung aus dem 18. Jahrhundert wieder aufzunehmen und Technologie zu definieren als „die Wissenschaft von der Technik“.
Nach einem Vorschlag von Johann Beckmann<ref>Johann Beckmann: Entwurf der algemeinen Technologie. Göttingen 1806.</ref> umfasst der Begriff die Allgemeine Technologie (transdisziplinäre Technikforschung und Techniklehre) und die speziellen Technologien (die einzelnen technikwissenschaftlichen Disziplinen).<ref>Zum Beispiel Günter Ropohl: Allgemeine Technologie. 3. Auflage. Karlsruhe 2009, S. 32, ferner G. Banse u. a.: Erkennen und Gestalten. Eine Theorie der Technikwissenschaften. Berlin 2006, S. 337.</ref>
Arten
[Bearbeiten]Im Hinblick auf den Produktlebenszyklus und das Marktpotenzial lassen sich drei Technologietypen unterscheiden, und zwar Basistechnologien, Schlüsseltechnologien und Schrittmachertechnologien.<ref>Tom Sommerlatte, Jean-Philippe Deschamps: Der strategische Einsatz von Technologien. In: Arthur D. Little International (Hrsg.): Management im Zeitalter der Strategischen Führung. Gabler, Wiesbaden 1986, ISBN 3-409-23306-7, S. 50 f.</ref> Basistechnologien befinden sich in der Reifephase ihres Lebenszyklus, Schlüsseltechnologien unterliegen einer Phase des Marktwachstums, Schrittmachertechnologien sind Problemlösungen und befinden sich noch im frühen Stadium der Produktentwicklung.<ref>Martin K. Welge: Planung: Prozesse — Strategien — Maßnahmen. Gabler, Wiesbaden 1992, ISBN 3-322-86088-4, S. 270 (Vorlage:Google Buch).</ref> „Killer-Technologien“ sind Technologien, die im Zeitpunkt der Marktreife die vorhandenen Technologien und Schlüsseltechnologien als Substitutionsgut ersetzen.<ref>Jörg Horstmann: Operationalisierung der Unternehmensflexibilität. 2007, S. 147 FN 484 (Vorlage:Google Buch).</ref>
Technologien können sich wechselseitig ergänzen (komplementäre Technologien) wie etwa die Computertechnik und das Internet, ein Konkurrenzverhältnis untereinander aufweisen (konkurrierende Technologien, Substitutionstechnologien) wie die Analogtechnik und Digitaltechnik oder in einer neutralen Beziehung zueinander stehen (hierzu gehören die so genannten Nachbartechnologien).<ref>René Perillieux: Der Zeitfaktor im strategischen Technologiemanagement. zugl. Darmstadt, Techn. Hochsch., Diss., 1987. Erich Schmidt, Berlin 1987, S. 13.</ref> Zudem lässt sich zwischen spezifischen Technologien unterscheiden, die lediglich in einem eng umgrenzten Arbeitsgebiet einer Branche anwendbar sind und Querschnittstechnologien mit branchenübergreifenden Auswirkungen.<ref>Hans-Gerd Servatius: Methodik des strategischen Technologie – Managements. Erich Schmidt, Berlin 1985, ISBN 3-503-02495-6, S. 273 f.</ref>
Anwendungsgebiete
[Bearbeiten]Heutige Anwendungsgebiete der Technologie sind Verpackungstechnologie, Fertigungstechnik, Biotechnologie, Bionik, Elektromobilität, Energietechnik, Gentechnologie, Getränketechnologie, Informations- und Kommunikationstechnologie, Softwaretechnik, künstliche Intelligenz, Lebensmitteltechnologie, Mikroelektronik, Nanotechnologie, Robotertechnik, Wasser- und Abwassertechnik.<ref>Martin Hinsch, Jens Olthoff: Impulsgeber Luftfahrt. Springer, 2013, ISBN 978-3-642-32669-1, S. VI (Vorlage:Google Buch).</ref>
Literatur
[Bearbeiten]- Vorlage:DNB-Portal
- Jean Baudrillard, Hannes Böhringer, Vilém Flusser: Philosophien der neuen Technologie. Merve, Berlin 1989, ISBN 3-88396-066-7.
- Peter Brödner: Der überlistete Odysseus. Edition Sigma, Berlin 1997, ISBN 3-89404-611-2.
- Susanne Fohler: Techniktheorien. Der Platz der Dinge in der Welt des Menschen. Fink, München 2003, ISBN 3-7705-3759-9.
- Georg H. Knutzen: Technologie in den hippokratischen Schriften (= Abhandlungen der geistes- und sozialwissenschaftlichen Klasse der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz. Jahrgang 1963, Nr. 14).
- Günter Ropohl: Allgemeine Technologie. Eine Systemtheorie der Technik. 3. Auflage. Universitätsverlag Karlsruhe, Karlsruhe 2009, ISBN 978-3-86644-374-7.
- Helmut Seiffert, Gerard Radnitzky (Hrsg.): Handlexikon zur Wissenschaftstheorie. 2. Auflage. dtv, München 1992, ISBN 3-423-04586-8, S. 362–365 (Stichwort Technologie und deren Abgrenzung zu anderen Wissenschaften).
- Hans-Jörg Bullinger (Hrsg.): Technologieführer Grundlagen-Anwendungen-Trends. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-33788-1.
Technologiekritik:
- Kathrin Passig: Standardsituationen der Technologiekritik. (= Edition Unseld). Suhrkamp, Berlin 2013, ISBN 978-3-518-26048-7 (Sammlung von Essays zu gängigen Irrtümern von Technologiegegnern).
Weblinks
[Bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten]<references />