Schwul

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Schwule Zweisamkeit (2022)
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Transparent der Hertha-Junxx im Stadion 2011: „Hertha-Fan und schwul? Dit jeht!“

Das Wort schwul ist das weitestverbreitete deutsche Synonym für „männlich homosexuell“. Es wird im öffentlichen Sprachgebrauch<ref name="DuRiGuDt">Dudenverlag: Richtiges und gutes Deutsch, 6. Auflage, 2007, ISBN 3-411-04096-3.</ref> und in der Schriftsprache<ref name="skinner">Jody Daniel Skinner: Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen – Band II, Ein Wörterbuch. Die Blaue Eule, Essen 1999, ISBN 3-89206-903-4; Dissertation an der Universität Koblenz-Landau 1998.</ref> verwendet; in einigen Wörterbüchern ist es als umgangssprachlich und als Eigenbezeichnung markiert. Vereinzelt wurde es auch für weibliche Homosexualität verwendet,<ref>Ernst Johann: Deutsch wie es nicht im Wörterbuch steht. H. Scheffler, 1962, S. 156.</ref> die man heute meist mit dem Adjektiv lesbisch bezeichnet. Schwul meint häufig auch das, was charakteristisch für Schwule und deren Interessen ist oder was diesen zugeordnet wird<ref>Duden 1999, S. 3494: „schwul“:
1.a) (von Männern) homosexuell veranlagt, empfindend
1.b) für einen Homosexuellen charakteristisch zu ihm gehörend; auf (männlicher) Homosexualität beruhend; z. B. schwule Gesinnung, schwule Eigenschaften
1.c) für (männliche) Homosexuelle bestimmt, geschaffen; z. B. schwule Kneipe, schwule Zeitschrift, schwule Literatur, schwule Kirchen, schwuler Werbespot, schwule Pornokinos
2.) (selten) lesbisch; z. B. schwule Frauen im Berufsleben.
vergleiche auch: Duden Fremdwörterbuch, 4. Aufl., 1982: „homosexuell“:
1.) für „gleichgeschlechtlich empfindend“
2.) als „für Homosexuelle und deren Interessen bestimmt, z. B. eine -e Bar, -e Bücher“.</ref> (Beispiele: „schwule Zeitschrift“, „schwule Bar“,<ref>Kurt Tucholsky: Silvester. In: Die Weltbühne, 30. Dezember 1920, S. 768.</ref> „schwules Lokal“,<ref>Wolfgang Koeppen: Der Tod in Rom. Scherz & Govert, Stuttgart 1954, S. 536.</ref> „schwule Sauna“<ref>Volker Elis Pilgrim: Manifest für den freien Mann. Trikont-Verlag, München 1977, S. 145.</ref>). In diesen Zusammenhängen hat der Begriff vor allem einen kulturellen bzw. gesellschaftlichen Bezug und ist nicht auf einen sexuellen Kontext begrenzt.

Durch Substantivierung existiert als Personenbezeichnung Schwuler (der Schwule) und als Zustand das Schwulsein sowie die eher selten verwendete Schwulheit. Verben, die sich von schwul ableiten, werden vor allem in der Schriftsprache selten verwendet.

Vor allem in der Jugendsprache findet sich schwul inzwischen auch als allgemein abwertendes Adjektiv für Gegenstände und Sachverhalte, auch wenn diese keinen direkten Bezug auf Homosexualität oder vermeintliche Unmännlichkeit haben. Diese Verwendungen mit negativer Konnotation können sich vor allem bei ungeouteten oder erst vor kurzem geouteten Jugendlichen hemmend oder negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken. Manche lehnen das Wort aus diesem Grund auch ab und ziehen neutralere und weniger wertende Ausdrücke als Selbstbezeichnung vor, wie die aus dem Englischen entlehnten Wörter gay oder queer oder die Wendung „Männer, die Sex mit Männern haben“. Der Duden empfiehlt, die diskriminierende Verwendung des Wortes schwul auch in der Umgangssprache zu vermeiden, und Menschen, die sich gegen Diskriminierung und Homophobie einsetzen, thematisieren dies jetzt vermehrt.

Schwul wird mit gay ins Englische übersetzt. In der Gegenrichtung ist zu beachten, dass gay tendenziell auch Lesben mit einschließt, was in der deutschen Sprache nur noch selten der Fall ist. Beispielsweise ist die englische Bezeichnung „gay women“ korrekt, und Ausdrücke wie „Gay Pride“ und „gay people“ beziehen sich nicht nur auf Schwule, sondern auch auf Lesben. In seiner archaischen Bedeutung kann gay auch als „fröhlich“, „glücklich“ oder „unbekümmert“ übersetzt werden.

Etymologie der Wortgruppe

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Wie schwul zur Bedeutung homosexuell kam, lässt sich heutzutage nur noch annäherungsweise bestimmen,<ref name="derks" /> aber es existieren verschiedene Ansätze. Sicher ist, dass es in dieser Bedeutung weite Verbreitung und zahlreiche Abwandlungen erfuhr.<ref name="hunold" />

  • Häufig wird es auf das niederdeutsche schwul für „drückend heiß“ zurückgeführt. Im 17. Jahrhundert wurde dies ins Hochdeutsche übernommen und im 18. Jahrhundert, wahrscheinlich durch Beeinflussung des Antonyms kühl,<ref name="grimm" /> in schwül umgewandelt. Die alte Form wurde im 19. Jahrhundert in der Berliner Mundart und im Rotwelschen in Anlehnung an warm auf homosexuell übertragen.<ref name="hunold">Günther Hunold: Sexualität in der Sprache. Lexikon des obszönen Wortschatzes. München 1980.</ref> Schwuler ist auch im Rotwelsch belegt.<ref>Siegmund A. Wolf: Wörterbuch des Rotwelschen. Deutsche Gaunersprache. Hamburg 1985, S. 306.</ref>
  • Auch Storfer geht 1937 davon aus, dass es zuerst in Berlin aufgetreten sein dürfte. Als Erklärungsmöglichkeiten weist er auf „warme Brüder“ hin. Jene Bedeutung hat sich möglicherweise daraus entwickelt, dass die „Warmen“ ihren Geschlechtsgenossen gegenüber in erotischer Hinsicht nicht gleichgültig („kühl“), sondern warm empfinden.<ref>A. J. Storfer: Im Dickicht der Sprache. Wien/Leipzig/Passau 1937, S. 139–140.</ref>
  • Heinz Küpper verbindet schwul mit „beklemmend heiß“ und erklärt die einschlägige Bedeutung wohl als eine „Anspielung auf die Atmosphäre in einschlägigen Lokalen“.<ref>Heinz Küpper: Illustriertes Lexikon der deutschen Umgangssprache II. Stuttgart 1982–1984; „Seit dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts“.</ref>

Frühe Belege

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  • Paul Derks führt den Ausdruck bis auf eine 1847 geschriebene kriminologische Abhandlung zurück, „was subkulturellen Sprachgebrauch vermuten lässt.“<ref name="derks">Paul Derks: Die Schande der heiligen Päderastie. Homosexualität und Öffentlichkeit in der deutschen Literatur 1750–1850. Rosa Winkel, Berlin 1990, ISBN 3-921495-58-X; „Voilà“, S. 60.</ref>
  • 1862 veröffentlichte Friedrich Christian Avé-Lallemant den dritten und vierten Teil seines Werkes Das deutsche Gaunertum. Darin findet sich Schwuler mit der Erklärung „der von stiller, ängstlicher, abmattender Wärme Ergriffene, ο παιδεραστης“. Die wesentliche Erklärung ho paiderastes ist auf Altgriechisch geschrieben und somit nur für Kundige lesbar. Danach folgt das Verb schwulen mit der Erklärung „παιδεραστειν“ („paiderastein“). Beschwulen hat hingegen die Bedeutung „hintergehen, betrügen“.<ref>Friedrich Christian Benedict Avé-Lallemant (Lübeck): Das deutsche Gaunerthum – in seiner social-politischen, literarischen und linguistischen Ausbildung zu seinem heutigen Bestande – Vierter Theil. F.A. Brockhaus, Leipzig 1862, S. 607, (Dritter und Vierter Teil bei Google-Books) (1858 die ersten beiden Theile).</ref> Dieselben Erklärungen finden sich im Grimmschen Wörterbuch unter Angabe von Avé-Lallemant als Quelle.<ref name="grimm">Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. 16 Bde. [in 32 Teilbänden]. S. Hirzel, Leipzig 1854–1960. -- Quellenverzeichnis 1971.; Band 15, Spalten 2750–2755 schwulen – Schwuler.</ref>
  • 1891 beschreibt Albert Moll schwul als Selbstbezeichnung für „Conträrsexuelle“ Männer und Frauen untereinander und von festen Beziehungen, die schwule Ehe oder schwules Verhältnis genannt wurden.<ref name="moll" />
  • In der 1901 erschienenen Encyclopädie der Kriminalistik von Hans Gross wird schwul mit „Päderast“ erklärt.<ref>Hans Gross: Encyclopädie der Kriminalistik. F.C.W. Vogel, 1901, S. 74.</ref>
  • Das Wörterbuch von Hermann Paul belegt die Verwendung als „homosexuell“ um 1900 ohne weitere Erklärung.<ref>Paul Hermann: Deutsches Wörterbuch. 9. Auflage. Tübingen 1981.</ref>

Verwendung

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Homosexualität ist ein häufig verwendeter Begriff, um allgemein auf das eigene Geschlecht gerichtete sexuelle Orientierung und sexuelle Präferenz zu bezeichnen. „Viele gleichgeschlechtlich empfindende Menschen – Männer und Frauen – halten diese Bezeichnung zwar im biologischen Sinn des Wortes für korrekt, sind jedoch mit dem auf die Sexualität reduzierten Inhalt des Ausdrucks nicht einverstanden.“<ref name="wiesedanger">Kurt Wiesendanger: Schwule und Lesben in Psychotherapie, Seelsorge und Beratung: Ein Wegweiser. Vandenhoeck & Ruprecht, 2001, ISBN 3-525-45878-9, S. 17.</ref> Entscheidende Teile der Sexualität sind zwar das Gruppenkriterium und die Sexualität im weiteren Sinne macht sich – wie für alle – in so mancher Situation im alltäglichen Leben bemerkbar, jedoch ist es im gewöhnlichen Tagesablauf nur eine der Facetten, die den gesamten Menschen ausmachen. „Zudem stammt der Begriff homosexuell aus dem somatischen und psychiatrischen Pathologie-Vokabular, was einen weiteren Einwand gegen die Verwendung dieses Wortes begründet.“<ref name="wiesedanger" /> Letztgenannter Einwand ist zwar seit den 1970er Jahren seltener geworden, aber das Wort gilt noch immer als „klinisch angehaucht“.<ref name="skinner117" /> Eine Alternative ist das Synonym gleichgeschlechtlich, das aber eines Zusatzes bedarf, um eindeutig zu sein.

So wird schwul alternierend mit homosexuell verwendet<ref name="skinner117" /> oder bewusst unterschieden, um etwas Bestimmtes auszudrücken. Ebenso alternieren Schwuler mit Homosexueller sowie Schwulsein mit Homosexualität. Vorlage:Zitat Eine Anwendung auf Personen und Texte vor etwa 1970 und vor allem vor Karl Heinrich Ulrichs (1825–1895), dem „ersten Schwulen der Weltgeschichte“,<ref>Volkmar Sigusch: Karl Heinrich Ulrichs, Der erste Schwule der Weltgeschichte. Männerschwarm, 2000, ISBN 3-86149-105-2.</ref> ist meist aus sexualwissenschaftlicher und historischer Sicht nicht korrekt. Vorlage:Zitat Für den Historiker Hergemöller sind Urninge, Homophile, Homosexuelle und auch Schwule verschiedene „historische Erscheinungsformen“ einer „vielschichtigen Entwicklung“.<ref>Bernd-Ulrich Hergemöller: Von der „stummen Sünde“ zum „Verschwinden der Homosexualität“. Zuschreibungen und Identitäten. In: Wolfram Setz (Hrsg.): Die Geschichte der Homosexualitäten und die schwule Identität an der Jahrtausendwende. Berlin 2000, S. 39 f.</ref>

Das inzwischen auch von der Dudenredaktion in Bezug auf Politisches und Kulturelles erwähnte<ref name="DuRiGuDt" /> Kompositum schwul-lesbisch und das Silbenkurzwort lesbischwul (auch LesBiSchwul geschrieben) versuchen, anders als der vereinheitlichende Begriff homosexuell, die Unterschiede von lesbisch, bisexuell und schwul über einen gemeinsamen Begriff sichtbar zu machen.<ref>Antke Engel: Wider die Eindeutigkeit: Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Politik der Repräsentation. Campus Verlag, 2002, ISBN 3-593-37117-0, S. 9.</ref> Eine zusätzliche Rolle spielt, dass homosexuell zwar theoretisch Männer und Frauen mit einschließt, es jedoch ein semantisches Problem gibt (→ zum Begriff Homosexualität). Dies zeigt sich auch in der Verwendung, vor allem in den 1950er bis 1970er Jahren, wo man öfter von „(männlicher) Homosexualität und lesbischer Liebe“<ref name="BVerfGE1957" /> sprach, aber die Tendenz zeigt sich durchgehend bis zu den heutigen Lexikografen.<ref>Wolfgang Müller: Seid reinlich bei tage und säuisch in der Nacht (Göthe) oder: Betrachtungen über die schönste Sache der Welt im Spiegel der deutschen Sprache – einst und jetzt. In: Rudolf Hoberg (Hrsg.): Sprache – Erotik – Sexualität. Erich Schmidt Verlag GmbH, 2001, ISBN 3-503-04990-8, speziell S. 36 f.
Beispiel: Wörterbuch der Gegenwartssprache (WdG), Abruf: 21. Dezember 2008:
homosexuelle = […] zum gleichen Geschlecht sexuelle Zuneigung empfindend /bes. von Mann zu Mann/ er ist h. veranlagt
Beispiel Österreichisches Wörterbuch, 40. Auflage, 2006:
schwul = homosexuell bei Männern siehe auch Lesbierin
Schwule = Homosexueller siehe auch Lesbierin
Lesbe (kurz für) Lesbierin = Frau mit gleichgeschlechtlichen Neigungen
lesbisch siehe auch schwul
warm = homosexuell (bei Männern) siehe auch schwul.</ref>

Selbstbezeichnung

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Selbstbezeichnungen sind historischen Wandlungen unterworfen. Schwul ist derzeit die häufigste Selbstbezeichnung für männerliebende Männer. Manche bevorzugen andere Selbstbezeichnungen, manche lehnen auch jede Bezeichnung ab. Eine umfangreiche Umfrage (45 Minuten) im Auftrag des niedersächsischen Familienministeriums bei 353 männlichen Jugendlichen (sieben fehlen bei dieser Frage) von 15 bis 25 Jahren (36,5 Prozent zwischen 15 und 20; Durchschnitt: 21 Jahre) per Fragebögen in der Szene und über das Internet (Papier: 49 Prozent; Internet: 51 Prozent) zwischen Juni 1998 und Juni 1999 ergab das in der Tabelle in den Spalten „NI-Jugend“ stehende Ergebnis.<ref>Niedersächsisches Ministerium für Frauen, Arbeit und Soziales (Hrsg.): Schwule Jugendliche: Ergebnisse zur Lebenssituation, sozialen und sexuellen Identität. Die Lebenssituation schwuler Jugendlicher.Vorlage:Toter Link Schwul-lesbische Forschungsgruppe am Institut für Psychologie – Sozialpsychologie – der Ludwig-Maximilians-Universität München (SLFM), unter Federführung von Ulrich Biechele, Günter Reisbeck und Heiner Keupp, 1999.</ref><ref>Ulrich Biechele: Identitätsentwicklung schwuler Jugendlicher. Eine Befragung deutschsprachiger junger Schwuler in der schwulen Szene sowie im InternetVorlage:Toter Link (PDF; 1,3 MB). Universität Basel, 2004, S. 211.</ref> Eine Online-Umfrage bei einem der größten deutschsprachigen schwulen Internetportale ergab ein ähnliches Ergebnis, wobei Spaßantworten nicht ausgeschlossen werden können. Das Portal richtet sich vor allem an Menschen jungen oder mittleren Alters.<ref>Online-Umfrage Bezogen auf dein Schwulsein, wie bezeichnest du dich?, queer.de, 2004.</ref> 2002 wurde in München eine Fragebogenaktion durchgeführt. Angesprochen wurden die Leute vor allem über die Szene. Es nahmen 2512 Personen daran teil, von denen 65,8 Prozent (etwa 1653) Männer waren. Die Mehrheit der Teilnehmer war zwischen 25 und 45 Jahre alt. Bei den Männern waren aber 16 Prozent über 55 Jahre alt.<ref>Landeshauptstadt München (Hrsg.): Lebenssituation von Lesben und Schwulen im Alter.Vorlage:Toter Link 2003.</ref> Alle drei Umfragen sind nicht repräsentativ, aber der Trend ist bei allen eindeutig.

Wie bezeichnest Du Dich selbst?
Bezeichnung %
n
%
n
%
schwul (j: Internet < Papier) 65,6 227 69,9 824 84,5
bisexuell (j: I > P) 7,2 25 3,0
gay (j: I >> P) 6,6 23 15,7 185
Mehrfachantwort aus: schwul und/oder gay und/oder homosexuell 6,4 22
ich lehne solche Definitionen ab (j: I = P) 3,8 13
Mehrfachantwort: andere Kombinationen (ohne schwul) 3,2 11
zurzeit ist mir das nicht klar (j: I >>> P) 3,2 11
homosexuell (j: I > P) (q: homo) 2,3 8 4,0 47 11,6
anders, und zwar: (cool, verzaubert etc.) 1,7 6 0,8
heterosexuell 0,0 0
queer 3,2 38
verzaubert 2,5 29
Schwuppe 2,3 27
Hinterlader 1,4 16
Tucke 1,1 13
Umfrage NI-Jugend Queer.de München
Total 100,0 346 100,1 1179 99,9

Nicht jeder, der gleichgeschlechtliche Anziehung verspürt oder gleichgeschlechtlichen Sex hat, nennt sich schwul. Unter Männern, die Sex mit Männern haben, gibt es auch vorwiegend heterosexuelle Männer, also Männer, die sich überwiegend zum anderen Geschlecht hingezogen fühlen, die sich nicht als schwul bezeichnen würden. Manche Personen bezeichnen sich als bisexuell und darunter gibt es jene, die auch Beziehungen mit Personen beiderlei Geschlechts eingehen würden. Manche Bisexuellen bezeichnen sich durch das gesellschaftliche Gebot zur Monosexualität (→ Gunter Schmidt) oder weil es gegenüber Gesprächspartnern einfacher ist, immer oder je nach Situation bzw. je nach besprochener Thematik<ref>Dieter Dorn: Versuche der Eingrenzung der Grenzüberschreitungen männlich-weiblicher Erotik: Bi-, Poly-, Multi-Sexualitäten. In: Bettina Boekle, Michael Ruf, Klaus Schwerma: Eine Frage des Geschlechts: Ein Gender-reader. VS Verlag, 2004, ISBN 3-531-14271-2, S. 266.</ref> als schwul.

Ältere deutsche Homosexuelle, die zwischen 1930 und 1969 (Reform des § 175, Aufhebung des Totalverbots) aufgewachsen sind, mussten diskret leben, waren besonders durch Diskriminierung und strafrechtliche Verfolgung bedroht, verheimlichten oft die eigene Homosexualität und flüchteten auch in Ehen oder Scheinehen. Insbesondere von Männern aus der sozialen Unterschicht wird schwul als Selbstbezeichnung oft abgelehnt.<ref>Sophie Neuberg: Studie: Älter werden – Ältere Lesben und Schwule in Berlin & Einleitung, Berlin 2002. In: [Berliner] Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport (Hrsg.): Vorlage:Webarchiv in der Reihe: Dokumente lesbischschwuler Emanzipation des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen, Nr. 20, S. 8, 103 (PDF, S. 10, 105; 477 kB).</ref> Einige ehemalige Mitglieder des Kreises wollten bei einer Ausstellung allein wegen des Namens des Veranstaltungsortes Schwules Museum nicht genannt werden.<ref>René Hornung: Berliner Ausstellung über Schweizer Pioniere. aK-magazine Schweiz, Februar 1999 (Vorlage:Webarchiv).</ref> Auch manche Jugendliche lehnen schwul wegen der in manchen Gruppen vorherrschenden negativen Konnotation, egal ob es sich direkt auf Homosexualität bezieht oder anderes gemeint ist, als Selbstbezeichnung ab und weichen auf andere Begriffe aus, darunter auch homosexuell. Manche lehnen den Begriff ab, weil sie nicht einem Klischee entsprechen wollen. Einige männerbegehrende Männer verbinden mit schwul rosa Einrichtungsgegenstände, affektiertes Gehabe und Ähnliches, was eigentlich besser zu Schwuchtel oder Tunte passen würde. Filme wie etwa (T)Raumschiff Surprise tragen das Ihrige dazu bei. „Ich bin nicht schwul, ich bin homosexuell“ kann etwas über die politische Einstellung und die Mitarbeit in der Bewegung aussagen, wenn auch nicht immer gleich klar ist, was genau im Einzelfall gemeint ist.<ref name="skinner117" /> Manche lehnen jede Selbstbezeichnung für ihre sexuelle Orientierung ab.

Frauen

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Gelegentlich werden auch gleichgeschlechtlich liebende Frauen als schwul bezeichnet, und es wird somit synonym zu lesbisch verwendet. So erwähnte Albert Moll 1891<ref name="moll" /> diese Verwendung in Berlin; in Alfred Döblins 1929 erschienenem Roman Berlin Alexanderplatz<ref>Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz. S. Fischer Verlag, 1929, S. 317, 318, 381.</ref> und zumindest bis in die 1950er Jahre wurde es in der Literatur immer wieder für Frauen verwendet.<ref>Wolfgang Koeppen: Tauben im Gras. 1951.
Heinrich Böll: Und sagte kein einziges Wort. Kiepenheuer & Witsch, 1953, S. 137.</ref> Auch in der Gaunersprache der Wiener Galerie findet sich a schwulstiges Weib und a schwuls Weib für eine Lesbe.<ref name="Burnadz">J. M. Burnadz: Die Gaunersprache der Wiener Galerie. Lübeck 1966, S. 100.</ref> Ebenso findet sich in Wien die woame Schwesda („warme Schwester“).<ref>Oswald Wiener: Beiträge zur Ädöologie des Wienerischen. Im Anhang zu: Josefine Mutzenbacher: Die Lebensgeschichte einer wienerischen Dirne, von ihr selbst erzählt. München 1970, S. 387, 388.</ref> Aus der im August 1971 gegründeten Homosexuellen Aktion Westberlin ging im Februar 1972 eine „schwule Frauengruppe“ hervor. Martina Weiland begründet die Namenswahl damit, dass die lesbischen Frauen der HAW „anfangs mehr Gemeinsamkeiten mit den schwulen Männern sahen (Diskriminierung und gemeinsame Aktionen dagegen), als mit den heterosexuellen Frauen.“<ref>Martina Weiland: „Und wir nehmen uns unser Recht“. Kurzgefaßte Lesbenbewegungsgeschichte(n) der 70er, 80er, 90er Jahre in West-Berlin, nicht nur für Berlinerinnen. In: Anke Schäfer, Katrin Lahusen (Hrsg.): Lesbenjahrbuch 1. Rücksichten auf 20 Jahre Lesbenbewegung. Wiesbaden 1995, S. 32.</ref> Ina Kuckuc begründet die Namenswahl ebenfalls damit, dass sie „das Aufsichnehmen der Diskriminierung“ symbolisiere. Sie berichtet auch von der Ablehnung der „literarischen Wortschöpfungen wie sapphisch, homophil, homoerotisch, da sie eine Schönfärberei betreiben.“<ref>Ina Kuckuc: Der Kampf gegen Unterdrückung. Materialien aus der deutschen Lesbierinnenbewegung. München 1980 (Orig. 1975), S. 132.</ref> Mitte der 1970er Jahre stieß aber lesbisch auf rasche Akzeptanz unter jenen homosexuellen Frauen, die sich für die Frauenemanzipation politisch einsetzten. Neben der Umkehr der Konnotation von lesbisch spielte auch eine politische Abgrenzung zu den Zielen und Vorgehensweisen homosexueller Männer eine Rolle; man näherte sich mehr der Frauenbewegung an. Zusätzlich wurde erstmals 1973 thematisiert, dass unter den Begriff schwul gewöhnlich nur Männer eingeordnet würden.<ref name="peters5">Sabine Ayshe Peters: Vorlage:Webarchiv; Vorlage:Webarchiv, Ratingen/Düsseldorf 1997, Stand: 26. Februar 2004.</ref> 1975 benannte sich die Gruppe schwuler Frauen in Lesbisches Aktions Zentrum (LAZ) um.<ref>Georg Stötzel, Thorsten Eitz, Astrid Jährling-Marienfeld, Lea Plate: Zeitgeschichtliches Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache: Schlüsselwörter und Orientierungsvokabeln. Georg Olms Verlag, 2002, ISBN 3-487-11759-2, S. 229.</ref> Das erste internationale Homosexuellen-Treffen in Frankfurt im Juli 1979 erhielt absichtlich keinen Namen, der mit schwul zusammenhängt, sondern den Titel Homolulu, um die homosexuellen Frauen, die daran teilnahmen oder teilnehmen sollten, gebührend zu berücksichtigen.<ref>Neue Rhein-Zeitung, 25. Juli 1979.</ref> Die AG Lesbenrechte übertitelte aber 2006 wieder einen Artikel über die Diskriminierung lesbischer Schülerinnen mit dem oft verwendeten Ausspruch „Bist du schwul oder was?“<ref>Anke Guido: Vorlage:Webarchiv TDF – Menschenrechte für die Frau 2/2006, S. 10–11.</ref>, im 2008 erschienenen Film Echte Wiener – Die Sackbauer-Saga bezeichnet Mundl seine Enkeltochter Petra als warme Schwester,<ref>Christina Böck: „Echte Wiener“: Es mangelt an Mundls Mundart – Filmkritik, Die Presse, Online- & Print-Ausgabe, 15. Dezember 2008.</ref> und in einer Dokumentation 2014 bezeichnet sich eine Frau als nicht schwul.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

2001 veröffentlichte die aus Männern bestehende Hip-Hop-Band Fettes Brot ihre Single Schwule Mädchen. Sie spielt dabei mit dem verwirrenden Gegensatz der beiden Begriffe. Gleichzeitig bezeichnet sie sich selbst mit den beiden in der Musikszene gegenüber Männern sonst stark negativ besetzten Begriffen als Reaktion auf verschiedene Angriffe und die häufige negative Verwendung dieser Wörter im Hip-Hop.<ref>Smilo: Fettes Brot – Interview, elektrolurch.com, 6. März 2002.</ref><ref>Jörg Sundermeier: Chor der schwulen Mädchen. In: Berliner Zeitung, 24. November 2001.</ref>

Jugendsprache

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Datei:ColognePride 2015, Parade-7597.jpg
Wortspiel auf einem Plakat: „Homophobie? Voll schwul!“ mit der Konnotation der Jugendsprache.

In der aktuellen Jugendsprache findet sich das Wort schwul in den letzten Jahren vermehrt als Antonym zu geil. Es gilt als abwertendes Adjektiv in Bezug auf Gegenstände und Sachverhalte (auch bei Personen) und ist nicht spezifisch homosexuell konnotiert. Es wird als Synonym für unangenehm, peinlich,<ref name="sedlaczek">Robert Sedlaczek, Roberta Baron: leet & leiwand. Das Lexikon der Jugendsprache. Echomedia, 2006, ISBN 3-901761-49-7.</ref> seltsam,<ref name="DuRiGuDt" /> langweilig oder enervierend benutzt. Eine ganz allgemeine Äußerung der Unzufriedenheit wird zum Beispiel mit „Ist das wieder schwul!“ ausgedrückt. Konkreter kann man sich über „eine schwule Mathearbeit“ äußern. Dahinter steckt laut Martenstein vor allem die ewige Lust der Jugend an der Provokation, wo wertende Begriffe oft aus dem Bereich Sexualität kommen und stets das gesellschaftlich Goutierte negativ besetzt, das gesellschaftlich Verpönte aber ins Positive gewendet wird. Gleiche Mechanismen gab es schon in den 1980ern bei geil und Mitte der 2000er Jahre beim synonym verwendeten Adjektiv porno und seinem Antonym psycho.<ref name="martenstein">Harald Martenstein: Voll psycho. Die Zeit, 9. März 2006, Nr. 11.</ref> Die Verwendung als allgemeines Adjektiv kann manchmal peinlich werden, wie es im Film Sommersturm szenisch dargestellt wurde: Ohne darüber nachzudenken, bittet Ferdl bei Tisch den schwulen Malte, ihm doch „das schwule Salz“ herüberzureichen. Erst dann wird ihm bewusst, zu wem er dies gesagt hat, und es ist ihm sichtlich unangenehm. Mit Humor kann der selbstbewusste Malte diese Situation auflösen. Auch der oft gehörte Ausspruch „Bist du schwul oder was?“ bedeutet nicht immer eine Frage, ob man wirklich homosexuell ist,<ref>Albert Scharenberg: Der diskursive Aufstand der schwarzen „Unterklassen“. Hip Hop als Protest gegen materielle und symbolische Gewalt (PDF; 101 kB). In: Anja Weiß, Cornelia Koppetsch, Albert Scharenberg, Oliver Schmidtke (Hrsg.): Klasse und Klassifikation. Die symbolische Dimension sozialer Ungleichheit. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2001, S. 243–269.</ref> sondern kann auch als Kommentar kommen, wenn etwas misslingt,<ref>Tanja Walther: Vorlage:Webarchiv European Gay and Lesbian Sport Federation (EGLSF), 2006.</ref> einfach im Sinne von „Geht’s noch?“.<ref>Katharina Kasperczyk: Vorlage:Webarchiv Pädagogische Hochschule Freiburg, 2003.</ref> Wird die Frage wirklich einmal mit „Ja“ beantwortet, kann dies zu anfänglicher Verwirrung führen, weil es nicht erwartet wird.<ref>Claudia Hauser: Vorlage:Webarchiv Kölner Stadt-Anzeiger, 5. Oktober 2007.</ref> Vor allem auf noch Ungeoutete oder erst vor kurzem Geoutete ist die dauernde Verwendung mit einer negativen Konnotation, obwohl sie sich nicht direkt auf Homosexualität bezieht, kein Spaß und kann sich hemmend oder negativ auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken,<ref name="wrensch">Harry Wrensch: Schlägerzeilen.Vorlage:Toter Link jugendnetz-berlin.de, Abruf: 20. Dezember 2008.</ref><ref name="baumstieger">Moritz Baumstieger: Schlag in die Magengrube: Ein Gespräch über’s Schwulsein bei uns. jetzt.sueddeutsche.de, 20. Juli 2007.</ref> wie die Bereitschaft, sich beispielsweise einem Freund anzuvertrauen. Auch im sonstigen Alltag kann es zu Verunsicherung führen, da die dahinterstehende Meinung im Einzelfall erst geistig abgeklärt werden muss. In Richtiges und gutes Deutsch des Dudenverlages wird diese Verwendung, die auch in der Umgangssprache vermieden werden sollte, als diskriminierend bezeichnet.<ref name="DuRiGuDt" />

Daneben existiert noch immer die Verwendung als explizites Schimpfwort, mit dem ein vermeintlich „unmännliches“ Verhalten abgewertet wird. Darunter können eher Frauenrollen zugesprochene Gesten und ihnen zugesprochene Wortwahl verstanden werden oder auch „feminines“ Verhalten im größeren Zusammenhang, etwa wie auf eine Situation reagiert wird. Die das Wort verwendende Person beabsichtigt damit ihre eigene Männlichkeit von alternativen Männlichkeitskonzepten abzugrenzen, wenn die Grenzen zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit als nicht hinreichend scharf wahrgenommen werden. „Unklare Trennungslinien zwischen den Geschlechtern werden als Störung der Geschlechterordnung aufgefasst und verstören viele bei der Konstruktion ihrer eigenen Geschlechtsidentität.“<ref>Martin Lücke: Unnatürliche Sünden – lasterhafte Lustknaben. In: Bea Lundt, Barbel Volkel (Hrsg.): Outfit und Coming-out: Geschlechterwelten zwischen Mode, Labor und Strich. LIT, 2007, ISBN 3-8258-0491-7, S. 140.</ref> Schwuchtel, Schwule Sau, Schwuler und die weiteren Abwandlungen davon zählen neben dem neueren Ausdruck Opfer<ref>Joachim Güntner: Das schlimmste Etikett., Neue Zürcher Zeitung, 13. Januar 2007.</ref><ref>René Walter: Du Opfer! spreeblick.com, 2. April 2006.</ref> auch in nicht-femininem Zusammenhang noch immer zu den häufigsten und schlimmsten Schimpfwörtern unter deutschsprachigen Jugendlichen. Besonders ausgeprägt und offensiv ist die Verwendung im Bereich der Hip-Hop-Musik, speziell im Gangster-Rap. Dort wurde die Einstellung vom Reggae übernommen.<ref>Johannes Möhring: Ey schwul, oder was? Augsburger Allgemeine, 9. April 2008.</ref> Eine US-amerikanische Studie zeigte, dass heterosexuelle Jugendliche, die mit homophoben Aussagen in der Schule oder auf dem Schulweg gemobbt werden, eine ebenso große Suizidversuchrate (etwa 20 Prozent) haben wie LGBT-Jugendliche, im Gegensatz zu anderen heterosexuellen Jugendlichen ohne solche Diskriminierungserlebnisse (sechs Prozent).<ref>Reis und Saewyc: 83,000 youth – Selected Findings Of Eight Population-Based Studies (PDF; 393 kB), Safe Schools Coalition of Washington safeschoolscoalition.org, April/Mai 1999
aufbereitet in einer Tabelle: Pierre Tremblay: Vorlage:Webarchiv youth-suicide.com, Stand: 25. Februar 2007.</ref>

Mancher gleichgeschlechtlich begehrende männliche Jugendliche lehnt wegen der häufig negativen Verwendung im Alltag den Begriff schwul für sich ab und weicht etwa auf gay oder homosexuell als Selbstbezeichnung aus. Einige verwenden den Begriff selbst als abwertendes Adjektiv. Personen und Organisationen, die sich gegen Diskriminierung, Homophobie und antischwule Gewalt einsetzen, thematisieren derzeit die beiden oben erwähnten Thematiken verstärkt.<ref>Beispielsweise: Internationaler Tag gegen Homophobie – MANEO – Denkzettel #1 Schwule SauVorlage:Toter Link, Maneo, 15. Juli 2007.</ref><ref>3.5.4 Homosexualität: Irgendwie anders – und doch so gleich, Arbeitsmaterial für den Unterricht des Olzog-Verlages.</ref> In einer Bremer Schule haben sich manche Schüler selbst mit dieser Thematik auseinandergesetzt, eine eigene Umfrage zu Homophobie durchgeführt und Homosexualität offen thematisiert. Als eine der unmittelbarsten Konsequenzen hat die Verwendung der Schimpfwörter auf dem Schulhof merkbar nachgelassen.<ref>Glaube fördert Schwulenhass unter Schülern, queer.de, 10. November 2008.</ref>

Konnotationswandel

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Begriffsbildungen

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Früher gab es vor allem negative Fremdbezeichnungen für Homosexuelle, die sich an der Bezeichnung sexueller Handlungen orientierten (Sodomist, Päderast, florentzen, Tribadin). Das erste positive Werk kommt von Heinrich Hössli, der von der Männerliebe der Griechen sprach. Karl Heinrich Ulrichs führte 1864 die Begriffe Urning, Urninde und Uranismus ein und sprach vom Räthsel der mannmännlichen Liebe. Ab 1870 sprach man auch von conträrer Sexualempfindung und ab 1868 von Homosexualität, eine Bezeichnung, die sich besonders ab 1886 über das medizinische Werk Psychopathia sexualis verbreitete und allgemein durchsetzte. Vor allem in den Kreisen um Adolf Brand sprach man von männlicher Kultur, männlichem Eros, Freundesliebe, Lieblingsminne und Freundschaftsenthusiamus.<ref>S. 13.</ref>

Sprachgebrauch bis in die 1960er

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Schon 1891 berichtete Albert Moll in seinem Buch Die Conträre Sexualempfindung, dass sich homosexuelle Männer und Frauen untereinander als schwul bezeichnen und wenn sie zusammenlebten, man von einer schwulen Ehe oder einem schwulen Verhältnis sprach.<ref name="moll">Albert Moll: Vorlage:Webarchiv 1. Auflage. 1891, S. Vorlage:Webarchiv.</ref> Auch 1920 war das Wort in der schwulen Welt der Großstadt als Selbstbezeichnung üblich, wenn auch nicht für jeden. Der damals 17-jährige Bruno Balz soll sich gegenüber Magnus Hirschfeld als schwul bezeichnet haben, worauf dieser die Bezeichnung heftigst abgelehnt haben soll, da dies ein Schimpfwort sei, „das die ‚Normalen‘ benutzen um ‚uns‘ zu beleidigen und herabzusetzen; deshalb müssen ‚wir‘ dieses schlimme Wort jedenfalls vermeiden.“<ref>Manfred Herzer: Einleitung zu „Magnus Hirschfeld. Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen“. In: Andreas Seeck: Durch Wissenschaft zur Gerechtigkeit? Textsammlung zur kritischen Rezeption des Schaffens von Magnus Hirschfeld. LIT Verlag, Berlin/Hamburg/Münster 2003, ISBN 3-8258-6871-0, S. 97.</ref> W. H. Auden berichtet in seinem englisch geführten Tagebuch am 6. April 1929, dass sich in der Straßenbahn eine junge Frau neben ihn stellte und mit ihm flirten wollte. Vorlage:"<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref> Manche bezeichneten sich als Homophile oder Homoeroten. Diese Begriffe wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Homophilenbewegung oft verwendet, die sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft so weit wie möglich anpassen wollte, vorsichtig um Toleranz buhlte und irgendwann auf Erfolg hoffte.<ref name="dannecker">Martin Dannecker: Der unstillbare Wunsch nach Anerkennung – Homosexuellenpolitik in den fünfziger und sechziger Jahren – Hans Giese und die organisierten Homosexuellen. In: Detlef Grumbach (Hrsg.): Was heißt hier schwul? Politik und Identitäten im Wandel. Verlag MännerschwarmSkript, 2002.</ref> Im öffentlichen Sprachgebrauch kamen homosexuelle Menschen nur in bestimmten Kontexten vor, der Ausdruck Homosexueller wurde abwertend verwendet, sei es in der Beschreibung als Krankheit oder zur Kategorisierung krimineller Taten.<ref name="peters8">Sabine Ayshe Peters: Vorlage:Webarchiv; Vorlage:Webarchiv, Ratingen/Düsseldorf 1997, Stand: 26. Februar 2004.</ref> In den 1940er und 1950er Jahren gab es auch unter den Homophilen in der Zeitschrift Der Kreis immer Versuche, passende und positive Begriffe zu finden, von denen wenige einen mäßigen Bekanntheitsgrad erreichten und keiner sich allgemein durchsetzen konnte. Man kehrte sich vom medizinischen Terminus homosexuell teilweise auch deswegen ab, da „dieses Wort im Bewusstsein der Mehrheit abstoßende Bilder und einen Beigeschmack von Perversion erzeugt.“<ref>Charlotte Wolff: Psychologie der Lesbischen Liebe. Eine empirische Studie der weiblichen Homosexualität. Hamburg 1973 (Original 1971), S. 12.</ref> Im Gegensatz zu schwul wurde weibliche Homosexualität auch in der seriösen Berichterstattung mit der umgangssprachlichen Formulierung lesbische Liebe umschrieben und homosexuelle Frauen als Lesbierinnen oder lesbische Frauen bezeichnet.<ref name="kontroverse" /> Dies zeigt sich beispielsweise im Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1957, wo von „männlichen Homosexuellen und Lesbierinnen“ geredet wird.<ref name="BVerfGE1957">Vorlage:Webarchiv – 1 BvR 550/52, 10. Mai 1957.</ref>

Beginn der zweiten Welle der Schwulenbewegung, Ungleichmäßigkeit

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Im Rechtschreib-Duden taucht schwul in der Bundesrepublik Deutschland erstmals 1967 auf und in der DDR erst 1976 – beide Male mit der Erläuterung „derb für: homosexuell“.<ref name="wortergeschichte">Gesellschaft für deutsche Sprache (Hrsg.): Wörter, die Geschichte machten. Schlüsselbegriffe des 20. Jahrhunderts. Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh/München 2001, ISBN 3-577-10459-7, S. 202.</ref> (In den größeren Werken fand es schon vorher Aufnahme.<ref>Der Große Duden, 1956, S. 632.</ref>) Ohne enge Verbindung zu den Homophilen wuchs eine neue Generation heran, mit der Tradition wurde radikal gebrochen. Ab Ende der 1960er Jahre / Anfang der 1970er Jahre begann man schwul auch außerhalb der Szene und in positiven Kontexten bewusst zu verwenden, teilweise als Provokation, teilweise um sich von dem Stigma zu befreien (Stigma-Umkehr). Gleichzeitig lehnte man oft das klinische homosexuell ab, für offizielle Namen war es aber gegenüber den früher verwendeten Euphemismen offen und schockierend genug und die einzige erlaubte Möglichkeit. In den militanten Anfängen wurde die virulente Antihomosexualität geradezu herausgefordert, dadurch zugleich erst sichtbar gemacht und das (teilweise geringe) Ausmaß der vorhandenen Toleranz aufgezeigt. In der Sicht der Gesellschaft war der Homosexuelle abartig und pervers, was von den Agierenden nicht widerlegt, sondern scheinbar bestätigt wurde. Schwulsein hieß, auf der Differenz zu bestehen, ein Bewusstsein davon zu haben, dass man sich von anderen unterschied und nicht den vorgefertigten Lebensweisen entsprach. Es hieß auch, aus der Homosexualität, der man vor dem Coming-out passiv ausgeliefert gewesen war, eine Entscheidung zu machen. Und vor allem hieß es, sich aus der Position zu entfernen, in der man um Toleranz buhlte, und einzufordern, dass die Gesellschaft Homosexualität als das akzeptierte, „was die schlimmsten antihomosexuellen Phantasien aus ihr gemacht hatten: eine abartige und mit Normalität nicht kommensurable Form der Sexualität.“ Auch viele Angepasste und Homoeroten waren durch das Auftreten der Schwulen tief verstört.<ref name="dannecker" /> Heutzutage geht es wieder moderater zu, kein Verein der beiden Extreme hat ohne Umschwenken auf einen pragmatischeren Kurs überlebt,<ref>Kurt Krickler: Stonewall – davor und danach. Erstveröffentlichung in: Lambda Nachrichten, 3/1984; wiederveröffentlicht in: Gudrun Hauer, Dieter Schmutzer (Hrsg.): Das Lambda-Lesebuch. Journalismus andersrum. Edition Regenbogen, Wien 1996, ISBN 3-9500507-0-1, S. 27.</ref> aber man versteckt sich nicht mehr so wie früher und verwendet nicht generell Pseudonyme wie im Kreis.

Eine der ersten wesentlichen Erwähnungen nach dem Zweiten Weltkrieg hatte schwul im Film Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt aus dem Jahre 1970. Das Wort wurde in der Folge konsequent in neuen Kontexten verwendet und der konnotative Rahmen positiv zu besetzen versucht.<ref name="wierlemann" /> Auf welche Weise der Begriff „schwul“ als Geusenwort großes identitätspolitisches Gewicht im Rahmen der 3. deutschen Homosexuellenbewegung bekam, skizziert der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch in einem Essay:

Vorlage:Zitat

In der Medienberichterstattung wurde schwul anfangs nur in Anführungszeichen wiedergegeben, „um sich von der beleidigenden Verwendungsweise zu distanzieren.“<ref name="stotzel">Georg Stötzel: Der öffentliche Sprachgebrauch in der Bundesrepublik Deutschland seit 1945 – Entwicklungen und Auseinandersetzungen. In: Hans J. Heringer (Hrsg.): Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache. Tübingen 1994, S. 41-80, S. 70.</ref> In den Berichten über das Homolulu-Treffen im Juli 1979 setzte beispielsweise Die Welt szenemäßige Ausdrücke in Anführungszeichen, während die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) den Ausdruck Schwule schon ohne distanzierende Anführungszeichen und ohne negative Konnotation verwendete.<ref name="kontroverse">Georg Stötzel, Martin Wengeler, Karin Böke: Kontroverse Begriffe: Geschichte des öffentlichen Sprachgebrauchs in der Bundesrepublik Deutschland. Walter de Gruyter, 1995, ISBN 3-11-014106-X, S. 599, 608.</ref> Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich die Bezeichnung „im aktuellen Sprachgebrauch als Bezeichnungskonvention für männliche Homosexuelle etabliert und ist die ausdrücklich befürwortende Eigenbezeichnungen der Minderheit“.<ref name="wierlemann">Sabine Wierlemann: Political Correctness in den USA und in Deutschland. Erich Schmidt Verlag, 2002, ISBN 3-503-06144-4, S. 171.</ref>

Der Wertewandel vollzog sich nicht gleichmäßig, was Rückschlüsse auf gesellschaftliche Werthaltungen auf die Tabuisierung verschiedener sexueller Identitäten schließen lässt. In den 1980er Jahren entwickelten sich konfligierende Strategien zur Bezeichnung homosexueller Männer. Während die linksliberale Presse häufig Ausdrücke wie schwul oder Schwule verwendete, vermied konservative Berichterstattung diese Vokabeln.<ref name="wierlemann" /> Noch heute verwendet manch einer den Begriff homophil<ref>Vorlage:Webarchiv, Die Tagespost, 14. August 2004.</ref> oder die redundante Form Homosexuelle und Lesben.<ref>Bundesrat – Stenographisches Protokoll – 617. Sitzung / Seite 5, 17. Oktober 1996.</ref> Dies gilt auch für die DDR, die zwar schon 1968 den § 175 abgeschafft hatte, aber im Kommentar stehen hatte, ein „einheitliches Sexualverhalten“ sei „anzustreben“. Und im Programm der SED wurde „Bekämpfung wesensfremder Verhaltensweisen“ verlangt. Man verwendete wie gehabt Umschreibungen wie FreundInnenkreis, was auch nicht immer half, da ab einem Zeitpunkt in den 1970er Jahren auch Anzeigen wie „Frau sucht Brieffreundin“ nicht mehr angenommen wurden, und vermied lange homosexuell, an dessen statt man homophil verwendete, auch im Titel der 1985 vorgelegten Studie der interdisziplinären Wissenschaftler Homosexualität der Humboldt-Universität, die Zur Situation homophiler Bürger in der DDR benannt wurde.<ref name="peters5" />

Vereinsnamen

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Vereinsnamen, die das Wort schwul enthielten, wurden früher oft vom Registergericht zurückgewiesen. Die letzte<ref>[Berliner] Senatsverwaltung für Jugend und Familie (Hrsg.): Vorlage:Webarchiv (PDF; 389 kB), in der Reihe: Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation des Referats für gleichgeschlechtliche Lebensweisen Nr. 5, 1991.</ref> derartige Beanstandung des Amtsgerichts Freudenstadt vom 15. Juli 1987<ref>I GR 1142/87.</ref> wurde auf Beschwerde der Schwulengruppe Freudenstadt am 14. Januar 1988<ref>1 T 218/87.</ref> vom Landgericht Rottweil aufgehoben. Es stützte sich dabei auf ein Gutachten der Duden-Redaktion, das sich selbst auf Hans Georg Wiedemann<ref>Hans Georg Wiedemann: Homosexuelle Liebe für eine Neuorientierung in der christlichen Ethik. Stuttgart/Berlin, 1982, S. 21.</ref> berief.<ref name="dru-11-2625">Deutscher Bundestag: Drucksache 11/2625 – Diskriminierung von Lesben durch die Deutsche Postreklame GmbH (II) (PDF; 243 kB), Kleine Anfrage der Grünen, 5. Juli 1988.</ref> Andere Vereine hatten wegen ihres Namens Probleme, in Dachorganisationen aufgenommen zu werden. Der Landessportbund empfand beispielsweise den Namen des damals Schwuler Sportverein Vorspiel genannten Berliner Vereins als anstößig und verweigerte die Aufnahme. Vor Gericht konnte der Verein seine Mitgliedschaft 1989 erstreiten.<ref>BVerfG, NJW-RR 1989, 636.</ref> Ein Vereinsname ohne schwul garantiert aber nicht die Aufnahme. So mussten Die Schrillmänner, RosaKehlchen und Queerflöten im Jahre 2000 ihre Mitgliedschaften beim Badischen Sängerbund ebenfalls per Gericht erstreiten, da sie etwa als „ethischer Störfaktor“ und „Gefährdung für die Jugendarbeit“ angesehen wurden.<ref>Vorlage:Webarchiv, rosakehlchen.de, 2000.</ref> Der Bundesverband Homosexualität wiederum integrierte bei seiner Gründung 1986 das Wort schwul nur deshalb nicht in seinen Namen, da zu dieser Zeit versucht wurde, einen gemeinsamen Verband für Schwule und Lesben ins Leben zu rufen und später auch einige gemischte Gruppen Mitglied waren.<ref name="pusch">Luise F. Pusch: Ein Streit um Worte? Eine Lesbe macht Skandal im Deutschen Bundestag. In: Jeanette Clausen, Sara Friedrichsmeyer, Patricia A. Herminghouse (Hrsg.): Women in German Yearbook, Volume 10: Feminist Studies in German Literature and Culture. U of Nebraska Press, 1995, ISBN 0-8032-9771-8; sowie in: Luise F. Pusch: Die Frau ist nicht die Rede Wert: Aufsätze, Reden und Glossen. Suhrkamp, 1999, S. 37–67.</ref>

Deutscher Bundestag

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Der Begriff Schwule verursachte auch Probleme im Bundestag, vor allem in Titeln von Großen Anfragen und Anträgen. Bei Kleinen Anfragen gab es keine großen Probleme.

Die seit 1987 im Bundestag sitzende grüne Abgeordnete Jutta Oesterle-Schwerin hatte ganz selbstverständlich in mehreren Anträgen an die Regierung betreffs der rechtlichen Behandlung homosexueller Paare die Wörter Schwule und Lesben verwendet, da es ihrer Einstellung zu dem Thema entsprach. Sie verlangte von keinem, sie selbst zu verwenden. Im Mai 1988 entrüstete sich der CDU-Abgeordnete Fritz Wittmann in einem Protestschreiben an Bundestagspräsident Philipp Jenninger über die „Verwilderung der Sprachkultur“. Unter anderem machte er Oesterle-Schwerin verantwortlich, die „der Gosse zugehörige Vokabeln“ verwende und sie „genüßlich ausgewalzt“ habe. Die Selbstbezeichnungen seien nicht nur in Bundesdrucksachen aufgenommen worden, sondern „zu allem Überfluß“ auch noch in die Parlamentsberichtserstattung, obwohl sie des „hohen Hauses unwürdig“ seien. Im selben Brief empörte er sich, dass eine von ihm als „abwertend“ beurteilte Fremdbezeichnung übernommen wurde: In immer mehr amtlichen Schriftstücken in der Bundesrepublik tauchten die von der DDR verwendeten Adjektive bundesdeutsch und bundesrepublikanisch auf.<ref name="pusch" />

Am 24. Juni 1988 wurde dann ein Antrag der Grünen abgelehnt, da der Titel Beeinträchtigung der Menschen- und Bürgerrechte von Schwulen und Lesben durch die Clause 28 in Großbritannien lautete. Am 1. Juli 1988 teilte Bundestagspräsident Jenninger der Abgeordneten Oesterle-Schwerin mit, dass der Antrag nur mit einem abgeänderten Titel zugelassen werden könne; „die Wendung Schwule und Lesben“ solle durch „die Wendung Homosexuellen und Lesbierinnen“ ersetzt werden. Überschriften und Themen, die in die Tagesordnung des Plenums übernommen würden und damit dem ganzen Parlament zugerechnet werden könnten, dürften nur so verfasst sein, dass sie von allen Mitgliedern des Hauses akzeptiert werden könnten. Nicht wenige Kollegen sähen die Begriffe „Schwule“ und „Lesben“ nicht als Bestandteile der Hochsprache an. Die Sprachwissenschaftlerin Luise F. Pusch findet es interessant, „daß Jenninger sich das Recht zu einer Sprachzensur anmaßt, obwohl er die Sprache nicht beherrscht“. Im Antwortbrief vom 12. Juli 1988 gab ihm Oesterle-Schwerin linguistische Nachhilfe, erklärte ihren Standpunkt und schloss mit den Worten: „Eines werden sie auf jeden Fall nicht erreichen: Ich werde im Hohen Haus weiterhin von Lesben und Schwulen und nicht von homosexuellen Mitbürgern und Mitbürgerinnen reden.“ Am 29. September 1988 sprach sich der Ältestenrat des Bundestages „mit breiter Mehrheit“ gegen die Verwendung der Begriffe aus. Am 11. November 1988 wurde gar auf Betreiben der CDU/CSU von der Bundestagsverwaltung das Telefon des Schwulenreferats der Grünen-Fraktion für einige Zeit abgeschaltet, dessen Leiter damals Volker Beck war. Am selben Tag trat Jenninger wegen einer durch den Vortrag leicht misszuverstehenden Rede vom Amt des Bundestagspräsidenten zurück. Inzwischen hatte auch Peter Gauweiler in Bayern Aussagen getätigt, die erkennen ließen, dass er sich ein Gesetz wie Clause 28 wünsche. Am 12. November schrieb Oesterle-Schwerin wieder an den Bundestagspräsidenten, erklärte ihre Abneigung gegen homosexuell, schlug aber, um eine baldige Erledigung zu fördern, als neue Antragsüberschrift Beeinträchtigungen der Menschen- und Bürgerrechte von homosexuellen Menschen durch die Clause 28 in Großbritannien sowie vergleichbare Angriffe auf die Emanzipationsbestrebungen der Lesben- und Schwulenbewegung in Bayern vor, da Schwulenbewegung auch im damaligen großen Duden nicht als umgangssprachlich markiert war und somit von der Redaktion der Hochsprache zugerechnet wurden, wie auch die meisten anderen Wortbildungen. Vizepräsidentin Annemarie Renger antwortete am 21. November 1988, dass sie den Antrag noch immer nicht zulassen könne, da sich keine neuen Umstände ergeben hätten. Auch wenn Schwulen- und Lesbenbewegung in die Hochsprache übergegangen seien, „können sie trotzdem nicht von allen Mitgliedern des Hauses akzeptiert werden“. Die Bundestagsverwaltung weigerte sich, Anträge mit den Begriffen Schwule und Lesben überhaupt auszudrucken. Hubert Kleinert nannte dies eine „Sprachzensur der Fraktion DIE GRÜNEN“. So las Oesterle-Schwerin in der Bundestagssitzung vom 24. November 1988 zwei weitere Anträge vor, die schon einige Zeit auf Erledigung warteten, um von den Abgeordneten abstimmen zu lassen, ob sie in dieser Form zugelassen werden könnten.<ref>Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 11/110, Bonn, 24. November 1988, S. 7734 ff., PDF-S. 30 ff.</ref> In einem Dokument wurde beantragt, in der Abteilung Familie und Soziales ein Schwulenreferat und im Arbeitsstab Frauenpolitik ein Lesbenreferat einzurichten. Im anderen Dokument wurden Geldmittel für zentrale Organisationen und überregionale Maßnahmen der Lesben- und Schwulenbewegung beantragt. Vizepräsidentin Renger wies darauf hin, dass die Texte bei Annahme in Einzelplan 15 übernommen werden würden und daher die Verwendung „derartiger Begriffe“ nicht zulässig sei. Sie schrieb in ihrem Brief zwar die Wörter, verwendete in der Bundestagssitzung aber durchweg verhüllende Umschreibungen. Als Alternativvorschläge bot sie Homosexuellenbewegung und Homosexuellenreferat an. Klaus Beckmann sprach sich gegen eine Einführung von „Kampfbegriffen“ aus. In der Abstimmung dann war eine knappe Mehrheit der anwesenden Abgeordneten gegen die Zulassung der Anträge in dieser Form. Paul Hoffacker (CDU) mokierte sich darüber, dass Abgeordnete der SPD in den hinteren Reihen sich nicht an die Empfehlung ihrer parlamentarischen Geschäftsführung gehalten hätten. In einer Pressemitteilung am selben Tag führte Oesterle-Schwerin aus: „Der uns vorgeschlagene Begriff ‚Homosexuelle‘ … beinhaltet eine bestimmte Haltung gegenüber Schwulen und Lesben: Wer Homosexuelle sagt, spricht von einer ‚Gruppe, der wir zu helfen haben‘ … oder die ein ‚schweres Schicksal‘ haben. Letztendlich geht es um folgendes: Akzeptiert man oder frau selbstbewußte Schwule und Lesben, so wie sie sind und wie sie sich selbst bezeichnen … oder spricht man/frau über arme, vom Schicksal geschlagene Homosexuelle.“ Der Geschäftsordnungs-Ausschuss beschloss am 8. Dezember 1988, dass Überschriften von Vorlagen so abgefasst sein sollten, dass sie als amtliche Formulierungen von Tagesordnungspunkten geeignet seien.<ref name="pusch" />

Um homosexuell nicht verwenden zu müssen und den Antrag trotzdem einbringen zu können, griffen die Grünen auf die von Karl Heinrich Ulrichs als Selbstbezeichnung geschaffenen und inzwischen antiquierten Begriffe Urning bzw. Urninde zurück und nannten den Antrag am 15. Dezember 1988: Beeinträchtigung der Menschen- und Bürgerrechte der britischen Urninge und Urninden durch die Section 28 des Local Government Bill sowie vergleichbare Angriffe auf die Emanzipation der Urninge und Urninden in Bayern.<ref>Bundestag: Drucksache 11/3741 (PDF; 353 kB): Antrag von DIE GRÜNEN – Beeinträchtigung der Menschen- und Bürgerrechte der britischen Urninge und Urninden durch die Section 28 des Local Government Bill sowie vergleichbare Angriffe auf die Emanzipation der Urninge und Urninden in Bayern, 15. Dezember 1988.</ref> Darauf folgte am 24. Januar 1989 eine Große Anfrage über „sexuelle Denunziation […] als Mittel der politischen Auseinandersetzung“<ref>Bundestag: Drucksache 11/3901 (PDF; 521 kB): Große Anfrage von DIE GRÜNEN: Die sexuelle Denunziation von tatsächlichen oder vermeintlichen „Urningen“ als Mittel der politischen Auseinandersetzung, 24. Januar 1989
Bundestag: Drucksache 11/5107 (PDF; 393 kB): Beantwortung, 30. August 1989.</ref> mit einer Vorbemerkung über die Verwendung von Begriffen. Alternierend mit homosexuell<ref>Bundestag: Drucksache 11/4910 (PDF; 341 kB) – Große Anfrage – Zunehmende Gewalt gegen homosexuelle Männer und wirksame Wege ihrer Bekämpfung, 30. Juni 1989, (ursprünglich: Zunehmende Gewalt gegen Schwule und wirksame Wege zu ihrer Bekämpfung).</ref><ref>Bundestag: Durchsache 11/7197 (PDF; 549 kB) – Antrag – Abschaffung der rechtlichen Diskriminierung von Homosexuellen, 18. Mai 1990.</ref> und dem nie gescheuten Begriff Homosexualität<ref>Bundestag: Drucksache 11/4153 (PDF; 422 kB) – Gesetzentwurf – Entwurf eines Gesetzes zur strafrechtlichen Gleichstellung von Homo- und Heterosexualität, 9. März 1989.</ref> wird Urning genutzt.<ref>Bundestag: Drucksache 11/5482 (PDF; 304 kB) – Entschließungsantrag – Die sexuelle Denunziation von tatsächlichen oder vermeintlichen „Urningen“ als Mittel der politischen Auseinandersetzung, 26. Oktober 1989.</ref>

Selbst der neuerliche Antrag, die Wörter verwenden zu dürfen, am 19. Oktober 1989 durfte die Wörter nicht im Titel enthalten.<ref>Bundestag: Drucksache 11/5421 (PDF; 212 kB) – Antrag – Zulassung Umgangs- und hochsprachlicher Begriffe in Überschriften von Vorlagen des Deutschen Bundestages, 19. Oktober 1989; (ursprünglich: Zulassung der Umgangssprachlichen Begriffe „Schwule“ und „Lesben“ sowie der hochsprachlichen Wortbildungen, wie zum Beispiel „Schwulen- und Lesbenbewegung“ in Vorlagen des deutschen Bundestages).</ref> Dieser wurde dann in der Plenarsitzung am 26. Oktober 1989 an den Ausschuss für Wahlprüfung, Immunität und Geschäftsordnung überwiesen,<ref>Deutscher Bundestag: Plenarprotokoll 11/171, Bonn, 26. Oktober 1989, S. 12920 ff. (PDF-S. 122 ff.; 3,6 MB).</ref> und Dieter Wiefelspütz stellte in seiner Rede fest: „Der Geschäftsordnungsausschuß des Bundestages ist bislang der Meinung, dass Formulierungen in Bundestagsdrucksachen unzulässig sind, falls sie als Ordnungsverletzung anzusehen wären, würden sie im Plenum des Bundestages vorgetragen.“ Aus der Debatte geht auch hervor, dass Länderparlamente wie beispielsweise das Berliner Abgeordnetenhaus und sogar der CSU-dominierte und in Bezug auf Homosexualität damals sehr konservativ erscheinende Bayerische Landtag keine Probleme mit den Vokabeln hatten. Es gab lange Beratungen auf verschiedenen Ebenen und die Grünen kündigten schließlich an, bei der Frage, ob diese Wörter zulässig sind, notfalls den gerichtlichen Instanzenweg zu beschreiten, was auch die Presse interessieren würde. Am 3. Juni 1990 kam schließlich die Nachricht, dass der am 26. Juli 1989 neu eingebrachte Antrag mit dem Titel Programm Emanzipation und Gleichberechtigung für Lesben und Schwule, in dem die Einrichtung eines Lesbenreferats im Frauenministerium und eines Schwulenreferates im Familienministerium beantragt wurde und der damals sogar eine Nummer erhielt,<ref>Bundestag: Drucksache 11/5003 (PDF; 397 kB) – Antrag – Programm Emanzipation und Gleichberechtigung für Lesben und Schwule, 26. Juli 1989, ohne erste Seite; Volltext in: Andreas Frank: Engagierte Zärtlichkeit. Internetversion, 1997, Vorlage:Webarchiv</ref> endlich zugelassen würde. In der Presseaussendung der Grünen vom 4. Juni 1990 heißt es dann: „Das Parlament erweitert seinen Sprachschatz“.<ref name="pusch" />

Weitere Werteänderungen

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Im Zuge der Diskussion um die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist seit Ende der 1990er Jahre ein allgemein zunehmend unbefangenerer Gebrauch festzustellen.<ref>Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. Bedeutungsgeschichte und Aufbau unseres Wortschatzes. 10. Auflage. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2002, ISBN 3-484-73057-9.</ref> 1999 wurde das Wort von sieben Jurymitgliedern in die Liste der 100 Wörter des 20. Jahrhunderts gewählt, da es für das Jahrhundert als besonders bezeichnend angesehen wurde. 1998 schreibt Skinner, dass das Wort auch in der konservativen Frankfurter Allgemeine Zeitung immer öfter vorkomme, wenn auch meist im Feuilleton.<ref name="skinner117">Jody Skinner: Warme Brüder, Kesse Väter. Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen. In: Ursula Ferdinand, Andreas Pretzel, Andreas Seeck (Hrsg.): Verqueere Wissenschaft? Zum Verhältnis von Sexualwissenschaft und Sexualreformbewegung in Geschichte und Gegenwart. LIT Verlag, Berlin/Hamburg/Münster 1998, ISBN 3-8258-4049-2, S. 117, 118 oder online: Warme Brüder – Kesse Väter: Wie warm ist ein warmer Bruder, wie keß ein kesser Vater? Oder: Es gibt viel mehr Ausdrücke für das Homosexuelle im Deutschen als man und frau denkt. In: Lust: Lesbische und Schwule Themen. Zweimonatszeitung für Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland und Nord-Baden Nr. 44, Oktober/November 1997, S. 22–23.</ref> Heute wird es auch in anderen Ressorts immer mehr verwendet. Die Gesellschaft für deutsche Sprache bemerkte 2001, dass schwul „auch außerhalb der Homosexuellenszene weitgehend wertneutral gebraucht und auch so verstanden“ wird.<ref name="wortergeschichte" />

Um einer sich abzeichnenden, möglicherweise problematischen Thematisierung seiner nie wirklich versteckten Homosexualität den Wind aus den Segeln zu nehmen, sprach Klaus Wowereit auf dem Sonderparteitag am 10. Juni 2001 selbstbewusst die inzwischen berühmten Worte „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“ Es war ein Tabubruch, sich als erster deutscher Spitzenpolitiker so öffentlich dazu zu bekennen.<ref name="fahrun">Joachim Fahrun: Warum sich Klaus Wowereit als schwul outete. welt.de, 19. September 2007.</ref> Letztendlich wurde „Und das ist (auch) gut so!“ zum geflügelten Wort und zum Satz des Jahres 2001 gewählt.<ref>Wort des Jahres – „Der 11. September“. Manager Magazin, 14. Dezember 2001.</ref> Im nächsten Wahlkampf war das Outing ein kleiner Bonus, besonders im Bezug auf die Glaubwürdigkeit bei den Wählern.<ref>Björn Sieverding: Vorlage:Webarchiv Message 4/2003, bei archive.org.</ref>

Heutige Verwendung

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Datei:Schwul-lesbisches Stadtfest Berlin.jpg
Willkommensbanner des lesbisch-schwulen Stadtfests Berlin, 2006. Es wird häufig von Repräsentanten der Parteien und Institutionen besucht.
Datei:Gay Men Pride Flag.svg
Pride-Flagge für homosexuelle Männer<ref>Vorlage:Cite web</ref><ref>Vorlage:Cite web</ref>

Heute wird schwul und seine abgeleiteten Formen in offiziellen Dokumenten der gesetzgebenden und regierenden Körperschaften verwendet,<ref>parlament.gv.at: Parlamentskorrespondenz/10/15.12.2003/Nr. 983: Österreich-Konvent: Vorschläge von Minderheiten: … beschränkte sich in ihrer Wortmeldung auf lesbische und schwule Anliegen.</ref><ref>parlament.gv.at: Stellungnahme vom Amt der Wiener Landesregierung zu dem Ministerialentwurf betreffend ein Bundesgesetz über die Gleichbehandlung: … des Begriffes „sexuelle Ausrichtung“ dahingehend definiert, dass davon homosexuelle, lesbische, bisexuelle und heterosexuelle Personen bzw. Paare erfasst sind.</ref><ref>Drucksache 16/2190 – Unterrichtung durch die Bundesregierung (PDF; 4,3 MB), Deutscher Bundestag, 6. Juli 2006, S. 178: … Sichtbarkeit von schwulen und lesbischen Lebensformen ….</ref><ref>Drucksache 15/3607 – Antwort der Bundesregierung (PDF; 324 kB), Deutscher Bundestag, 16. Juni 2004: … Erkenntnisse über die Erziehungskompetenz lesbischer und schwuler Eltern ….</ref> ebenso von Politikern – auch manchen konservativen – beispielsweise im Österreichischen Parlament<ref>parlament.gv.at: Parlamentskorrespondenz/02/01.06.2001/Nr. 410: Abgeordneter Gottfried Feurstein (ÖVP): … Nationalsozialisten verfolgte Lesben und Schwule ….</ref><ref>parlament.gv.at: Parlamentskorrespondenz/GE/13.11.1997/Nr. 751: Abgeordneter Dr. Graf (FPÖ): … Lesben- und Schwulenbereich ….</ref> und im Deutschen Bundestag.<ref>Deutscher Bundestag – 14. Wahlperiode – 131. Sitzung – S. 12622 (PDF; 463 kB), 10. November 2000, Ilse Falk (CDU): … unmittelbare und persönliche Auseinandersetzung mit Schwulen und Lesben […] dass wir dann auch den Eltern zur Seite stehen, deren Kinder anders, in diesem Fall schwul oder lesbisch, sind?</ref><ref>Deutscher Bundestag – 15. Wahlperiode – 108. Sitzung. Berlin, Donnerstag, den 6. Mai 2004 (PDF; 1,5 MB), S. 9833, 6. Mai 2004, Jürgen Gehb (CDU/CSU): Ich gebe freimütig zu, dass mir die Situation von Lesben und Schwulen in unserem Land und erst recht der historische Rückblick über Jahrzehnte vor dieser Zeit nicht gerade geläufig war.</ref> Das Wort ist auch in Erklärungen zu Gesetzen oder Gesetzesentwürfen zu finden<ref>582/A XXII. GP – Initiativantrag – Bundesgesetz, mit dem das Bundesgesetz über die Eingetragene Partnerschaft (EP-G) geschaffen … (PDF; 722 kB), parlament.gv.at, 6. April 2005.</ref><ref>Drucksache 15/473 – Gesetzentwurf – Entwurf eines Gesetzes zur Errichtung einer „Magnus-Hirschfeld-Stiftung“ (PDF; 273 kB). Deutscher Bundestag, 19. Februar 2003.</ref> und in Titel von Entschließungen des Europäischen Parlaments.<ref>Vorlage:EUR-Lex-Rechtsakt, S. 186 (PDF-S. 64): B4-0824 und 0852/98: Entschließung zur Gleichberechtigung von Schwulen und Lesben in der Europäischen Union vom 17. September 1998.</ref> In deutschsprachigen Gesetzestexten selbst wurde auch das Wort homosexuell bisher ein einziges Mal verwendet, nämlich im Kurztitel „Homosexuelle Handlungen“ des § 175 (der nur homosexuelle Handlungen von über 18-Jährigen mit unter 18-Jährigen pönalisierte), das „Unzucht zwischen Männern“ von 1969 ersetzte. Sonst wurde und wird bisher entweder eine genauere Definition verwendet, das schon lange in der Judikatur verankerte gleichgeschlechtlich und früher widernatürlich verwendet oder bei Anti-Diskriminierungsgesetzen ganz allgemein von Sexueller Orientierung oder Sexueller Identität gesprochen. In wissenschaftlichen Arbeiten zum Thema wird schwul als Terminus technicus in der Arbeit und im Titel verwendet,<ref>Feststellung und Beispiele in: Erhard Köllner: Homosexualität als anthropologische Herausforderung. Klinkhardt, 2001, ISBN 3-7815-1138-3, S. 58.</ref> aber auch in nicht den engeren Themenkreis behandelnden Arbeiten wird der Begriff bei passender und korrekter Gelegenheit von manchen Autoren verwendet.<ref>Avi Mathis-Masury: Gefangen zwischen Hora und Tora. Körperlichkeit bei orthodoxen Juden in Israel. Dissertation, Eberhard-Karls-Universität Tübingen, 2004.</ref><ref>Hans-Peter Ketterl: Politische Kommunikation. Analyse und Perspektiven eines sich verändernden Kommunikations-Genres. Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München, 2004.</ref> Auch so manche der Homosexualität ablehnend gegenüberstehende Medien wie etwa die katholische Zeitung Die Tagespost verwenden in ihren Beiträgen manchmal an passender Stelle die Selbstbezeichnung.<ref>Markus Reder: Wie machen die das eigentlich? Die Tagespost, 3. Juli 2004.</ref><ref>Schule für Schwule – Chicago: Leben wie im Ghetto. Die Tagespost, Abruf: 15. Dezember 2008.</ref>

Der Schweizer Politiker Moritz Leuenberger sprach 2001 in seiner damaligen Funktion als Bundespräsident beim Christopher Street Day in Zürich: Vorlage:Zitat In den aktuellen Wörterbüchern im Jahre 2008 sind Schwulenbar, Schwulenbewegung, Schwulenorganisation, Schwulengruppe, Schwulenlokal, schwules Wesen und Schwulsein nicht markiert.<ref name="DudUniv2007">Dudenredaktion (Hrsg.): Deutsches Universalwörterbuch. Bibliographisches Institut, Mannheim 2007, ISBN 3-411-05506-5.</ref><ref name="DuGr1999">Duden – Großes Wörterbuch der deutschen Sprache. 1999.</ref> Schwulheit ist mit „selten“ markiert und Schwulenszene manchmal mit „Jargon“.<ref name="DudUniv2007" /><ref name="DuGr1999" /> Das Adjektiv schwul und die Substantive [der] Schwule bzw. [die] Schwule,<ref name="mackensen2006">Lutz Mackensen: Deutsches Wörterbuch. 13. Auflage. Manuscriptum, 2006, ISBN 3-937801-08-1.</ref> sind entweder mit „umgangssprachlich“<ref name="mackensen2006" /><ref>Renate Wahrig-Burfeind: Wahrig Universalwörterbuch Rechtschreibung. Dtv, München 2002, ISBN 3-423-32524-0.</ref> „umgangssprachlich und Selbstbezeichnung“<ref name="DudUniv2007" /><ref>Das neue deutsche Wörterbuch. Wilhelm Heyne Verlag, 1996.</ref><ref>Die aktuelle deutsche Rechtschreibung. NGV, Köln 2006, ISBN 3-625-11398-8.</ref> oder gar nicht<ref>Österreichisches Wörterbuch. 40. Auflage. 2006, ISBN 3-209-05068-6; „warm“ ist dagegen mit „ugs. abw.“ markiert.</ref> markiert. In einer im April 2008 bei 1820 Personen ab 16 Jahren durchgeführten und im Juni 2008 veröffentlichten Umfrage über die allgemeine Akzeptanz von Tabuwörtern gaben 63 Prozent an, dass sie das Wort selbst verwenden, 27 Prozent verwenden es nicht aktiv, aber es stört sie auch nicht und 13 Prozent finden es ärgerlich oder abstoßend. Ein Prozent der Befragten machte keine Angabe.<ref>Pressemeldung: Vorlage:Webarchiv Gesellschaft für deutsche Sprache, 13. Juni 2008: Vorlage:Webarchiv</ref>

Vergleichbare Änderungen in anderen Sprachen

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Ähnliche konnotationsändernde Entwicklungen haben auch die englischen Wörter gay<ref name="skinner117" /> und vor allem queer<ref>Annette Treibel: Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart. VS Verlag, 2006, ISBN 3-531-15177-0, S. 121.</ref> in ihrem Sprachraum erfahren, die dort ebenfalls sowohl als Emanzipationswörter als auch als Schimpfwörter zu finden sind. Gay wird in der englischen Jugendsprache in ähnlicher allgemeiner negativer Bedeutung genutzt wie in unserem Sprachraum schwul.

Abwandlungen

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  • Schwülstig steht sprachlich selten in Zusammenhang mit Homosexualität. Der Nachfolger von schwul, die neuere Form schwül, wird manchmal in Wortspielen verwendet oder wenn es der Reim erfordert. Etwa im Lila Lied, wo die „lila Nacht“, reimend auf Gefühl, als schwül bezeichnet wird.

Die Wörter schwul und Schwuler haben zahlreiche Abwandlungen hervorgebracht.<ref name="hunold" />

  • Der Ausdruck Schwuchtel, der meist beleidigend verwendet wird, zählt nicht dazu, da er eine völlig eigenständige Etymologie hat.
  • Schwulität kommt zwar von derselben Grundbedeutung „drückend heiß“, hat aber einen anderen Ursprung und eine andere Grundbedeutung. In Zusammenhang mit Homosexualität wird es allerdings manchmal als scherzhafter Hehlausdruck verwendet und versteckt eben jene hinter der eigentlichen Bedeutung Unannehmlichkeit. Selten wird es als eher abwertende Bezeichnung für das Schwulsein benutzt.<ref name="skinner" />
  • In der Schweizer Jugendsprache gibt es die Bezeichnung [der] Schwüggel, die abwertend verwendet wird und nicht zur Selbstbezeichnung dient.<ref>Schülerinnen und Schülern vom 7. bis 13. Schuljahr aus der ganzen Schweiz: Pons Wörterbuch der Schweizer Jugendsprache 2002Vorlage:Toter Link, Klett und Balmer AG, Zug 2002.</ref>

Siehe auch

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Vorlage:Portal

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Vorlage:Wiktionary Vorlage:Commonscat

Einzelnachweise

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<references responsive />