Zirkumzision

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Datei:Circumcision central Asia2.jpg
Zirkumzision an einem Jungen in Zentralasien, vermutlich Turkmenistan (um 1870)

Zirkumzision (von Vorlage:LaS / Vorlage:LaS: Vorlage:LaS), auch männliche Beschneidung, meint in erster Linie die vollständige Entfernung der männlichen Vorhaut.<ref>Vorlage:Webarchiv (PDF) Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Eschborn, Januar 2011.</ref> Mittlerweile wird entgegen der ursprünglichen Bedeutung vielfach auch eine teilweise Entfernung der männlichen Vorhaut als Zirkumzision angesehen. Die Zirkumzision gehört zu den weltweit am häufigsten durchgeführten körperlichen Eingriffen und wird meist aus religiösen und kulturellen Beweggründen durchgeführt, selten mit medizinischer Indikation.

Gegenwärtig sind schätzungsweise zwischen 33 %<ref>Vorlage:Literatur</ref><ref name="Fateh-Moghadam">Bijan Fateh-Moghadam (2010): Religiöse Rechtfertigung? Die Beschneidung von Knaben zwischen Strafrecht, Religionsfreiheit und elterlichem Sorgerecht. In: Zeitschrift für rechtswissenschaftliche Forschung. Heft 2, S. 115–142, Volltext (PDF; 200 kB).</ref> und 39 %<ref>Vorlage:Literatur</ref> der männlichen Weltbevölkerung beschnitten. Die Beschneidung von gesunden Kindern am achten Lebenstag gilt im Judentum als Gebot Gottes. Der Koran erwähnt sie nicht ausdrücklich. Dennoch ist sie in islamisch geprägten Ländern als Sunna weit verbreitet und wird im Kindes- oder Jugendalter durchgeführt. In einigen Gesellschaften ist die Beschneidung ein Initiationsritual; dieses Ritual symbolisiert die Aufnahme des Jugendlichen in die Gemeinschaft der erwachsenen Männer.

Die Zirkumzision ist eine von mehreren Behandlungsmöglichkeiten (s. z. B. Triple Inzision), die beispielsweise bei schweren Formen der pathologischen Phimose als indiziert gilt, wenn Behandlungsalternativen nicht erfolgversprechend sind oder zuvor keinen Heilungserfolg brachten.<ref name="Leitlinien Phimose">Vorlage:Webarchiv Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie.</ref>

Die Zirkumzision als Routineeingriff ist besonders bei Minderjährigen umstritten, wenn auch nicht annähernd in einem Maße, das mit dem der universellen Ächtung der Weiblichen Genitalverstümmelung vergleichbar wäre. Von vielen Kinderschutzverbänden und einem Teil der Ärzteorganisationen wird die nicht medizinisch begründete Beschneidung abgelehnt, da sie den Körper irreversibel verändere und bei nicht einwilligungsfähigen Jungen nicht im Einklang mit Gesundheitsschutz und Kindeswohl stehe.<ref name="SPON-1182714">Vorlage:Internetquelle</ref> Im angelsächsischen Bereich gibt es schon länger eine gesellschaftliche Debatte zwischen Gruppen von Gegnern der Beschneidung („Intaktivisten“-Bewegung) und Befürwortern. Umstritten sind insbesondere medizinischer Nutzen und Risiken, bei Kindern auch ethische und rechtliche Aspekte sowie die Beurteilung im Hinblick auf die Menschenrechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit.

Beschneidung in Kulturgeschichte und Religion

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Ursprung und rituelle Bedeutung der Beschneidung

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Die Ursprünge des Brauchs der Beschneidung sind weitgehend ungeklärt. Vermutlich haben patriarchale Stammesgesellschaften die Beschneidung beider Geschlechter eingeführt. Älteste Überlieferungen des Rituals deuten auf Volksgruppen, die in ariden, wüstenähnlichen Regionen lebten. Nomaden insbesondere Nord- und Ostafrikas sowie Australiens und deren Nachfolgereligionen praktizieren auch heute die religiös motivierte Beschneidung von Jungen, von Mädchen (siehe Geographische Verbreitung weiblicher Genitalverstümmelung) oder beiden Geschlechtern.

Auf einen Ursprung in der Steinzeit deuten Funde des traditionell verwendeten Werkzeugs. Hier wird vermutet, dass die Prozedur anfänglich der Markierung der Stammeszugehörigkeit diente.<ref>Ulrich Zimmermann: Artikel Beschneidung (AT) im Lexikon Bibelwissenschaft</ref>

Archäologische Funde legen nahe, dass schon um das Jahr 7500 v. Chr. die Kastration als Akt der Hingabe wesentlicher Teil des antiken Kybele-Kultes war. Einer Theorie der Urologen Mordeniz und Verit zufolge entwickelte sich hieraus der Brauch der Vorhautbeschneidung als weniger invasive und blutige Prozedur. Durch Kontakt mit dem Kult am Beginn des 1. vorchristlichen Jahrtausends sei es zu einer Übernahme des Brauches in das Judentum gekommen. Eine andere, volkstümlichere Argumentation besagt, dass die Vorhaut im Grunde die einzige Stelle des (männlichen) Körpers sei, deren „Opferung“ keinerlei Schaden mit sich bringe.<ref name="PMID19506405">C. Mordeniz, A. Verit: Is circumcision a modified ritual of castration? In: Urologia internationalis. Band 82, Nummer 4, 2009, Vorlage:ISSN, S. 399–403, doi:10.1159/000218527, PMID 19506405 (Review).</ref> Diese Reform war ein Pars-pro-toto-Opfer, das in der biblischen Tradition – und für den skizzierten Zusammenhang von Menschenopfer (hier Opferung des Sohnes Isaak), Beschneidung und Fruchtbarkeit exemplarisch – Abraham als erster vornahm Vorlage:Bibel.

Die rituelle oder religiöse Beschneidung in der Pubertät gilt bei beiden Geschlechtern als Initiationsritus. Der heranwachsende Mensch wird in die Gemeinschaft aufgenommen, indem er bewusst in eine Krisensituation gebracht wird, in der er „Mut zeigen“, „sich bewähren“ und als „vollwertiges Mitglied“ erweisen soll. Oft muss er dabei schmerzhafte oder demütigende Prozeduren über sich ergehen lassen. So stellt die Beschneidung bei den Bambara und den Dogon im westafrikanischen Mali einen Mannbarkeitsritus dar, der die ursprüngliche Androgynität, als „verhexte Weiblichkeit“ durch die Vorhaut symbolisiert, aufheben soll.<ref name="Eliade 1995:37–38">Die Beschneidung steht hier am Anfang eines sechsstufigen Initiationszyklus, an dessen Ende die Wiederherstellung der Androgynie als Integration der „geistigen Weiblichkeit“ steht, laut Mircea Eliade, Ioan Petru Culianu: Handbuch der Religionen. Frankfurt am Main 1995, S. 37–38; Zitat: Vorlage:"</ref>

Neben der Beschneidung der Vorhaut des Mannes gibt es verschiedene Formen von operativen Eingriffen am Penis, die im Rahmen derartiger Initiationsriten bei Naturvölkern auch heute noch praktiziert werden. Bei den Aborigines (den australischen Ureinwohnern) sowie auf mehreren Inseln des Westpazifischen Ozeans ist es Brauch, jungen Männern einige Wochen nach Entfernung der Vorhaut den Penis aufzuschlitzen, was eine vollständige oder partielle Spaltung der Harnröhre bewirkt, die sogenannte Subinzision. In Indonesien werden einigen Jungen zu Beginn der Pubertät Bambus- oder Metallkugeln, sogenannte Implants, in den Penisschaft oder die Eichel eingesetzt.

Beschneidung im Alten Ägypten

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Datei:Circumcision Sakkara 3.jpg
Beschneidung erwachsener Männer. Zeichnung eines Reliefs im Grab des Anchmahor (um 2300 v. Chr.).

Vorlage:Hauptartikel Die älteste bekannte Darstellung einer durch Priester<ref>Doris Schwarzmann-Schafhauser: Unter dem Primat des Totenkults? Die Chirurgie im Alten Ägypten. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 73–81; hier S. 76 f.</ref> durchgeführten Beschneidung ist ein ägyptisches Relief in der Mastaba des Anchmahor, Wesir des Pharao Teti II., in Sakkara (um 2300 v. Chr.). Die Ursprünge der Beschneidung in Ägypten werden unter anderem mit dem dortigen Schlangenkult in Verbindung gebracht, der in der Verehrung der Götter Mehen, Wadjet und Apophis zum Ausdruck kommt. Den alten Ägyptern galt die Schlange als unsterblich, weil sie ihre Haut abwerfen und sich damit immer wieder erneuern konnte. Einige Kulturhistoriker vermuten, die Beschneidung eines Mannes habe symbolisch die Häutung der Schlange nachvollziehen und die menschliche Seele unsterblich machen sollen.

Judentum

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Datei:Isaac's circumcision, Regensburg c1300.jpg
Die Beschneidung Isaaks (Regensburg Pentateuch, zirka 1300; Israel-Museum, Jerusalem)
Datei:Covenant of Abraham.JPG
Durchführung einer Brit Mila

Vorlage:Hauptartikel

Laut der Tora wurde die Beschneidung unter den Israeliten durch ein göttliches Gebot an ihren Stammvater Abraham eingeführt: Vorlage:Zitat Wie hier erwähnt soll die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt stattfinden. Sie wird von einem jüdischen Beschneider (Mohel, Plural Mohalim) durchgeführt, der darin ausgebildet wurde.<ref name="Schnittiger">Peter Bollag: Schnittiger Typ. In: Jüdische Allgemeine. 17. November 2011; abgerufen am 14. August 2012.</ref> Unterschiedliche Auffassungen gibt es darüber, ob die Brit Mila ohne<ref>„[das Baby] erhält nicht einmal eine örtliche Narkose, denn den Bund mit Gott muss man sozusagen bei vollem Bewusstsein vollziehen. Natürlich schreit das Baby, natürlich tut ihm der Eingriff weh.“ In: Paul Spiegel: Was ist koscher? Jüdischer Glaube, jüdisches Leben. München 2003, S. 40.</ref><ref>Rabbinerin Antje Yael Deusel, Oberärztin an der Klinik für Urologie und Kinderurologie in Bamberg: „Bedenken gegen die Brit Mila aus medizinischen Gründen läßt sich durch eine Durchführung der Zirkumzision nach dem jeweils aktuellsten chirurgischen Standard begegnen, unter Anwendung einer geeigneten Anästhesie.“ a-r-k.de/britmila Damit spricht sie sich weder für noch gegen eine Betäubung aus.</ref> oder mit Betäubung stattfinden soll.

Die Beschneidung wird im Judentum als Eintritt in den Bund mit Gott angesehen. Diesen Bund ging Gott nach jüdischer Überlieferung mit Abraham (und seiner Familie) ein; daher wird der Beschneidungsbund auch als „abrahamitischer Bund“ bezeichnet. Sie ist allerdings nicht in erster Linie als Abgrenzung der Juden von anderen Völkern gemeint, sondern als Zeichen des Bundes, sie ist also „weniger Unterscheidungsmerkmal als Bekenntniszeichen.“<ref>Georg Braulik: Die Beschneidung an Vorhaut und Herz. Zu Gebot und Gnade des Bundeszeichens im Alten Testament. In: Jan-Heiner Tück (hrsg.): Die Beschneidung Jesu: Was sie Juden und Christen heute bedeutet. Freiburg 2020, S. 77.</ref>

Ebenso wie im 1. Jahrhundert n. Chr. der jüdisch-hellenistische Philosoph Philon von Alexandria in De Circumcisione,<ref>Daniel Boyarin: Sparks of the Logos: Essays in Rabbinic Hermeneutics. Koninklijke Brill, Leiden 2003, ISBN 90-04-12628-7, S. 37 (englisch; Vorlage:Google Buch).</ref> befürwortete im 12. Jahrhundert der jüdische Arzt und Rabbi Moses Maimonides die Beschneidung auch wegen ihrer angeblich den Sexualtrieb mäßigenden Wirkung:<ref>Shaye J. D. Cohen: Why Aren’t Jewish Women Circumcised? Gender and Covenant in Judaism. University of California Press, Berkeley / Los Angeles 2005, ISBN 0-520-21250-9, S. 147 (englisch; Vorlage:Google Buch).</ref> Die Geschlechtsorgane sollten so verletzt und geschwächt werden, dass sie zwar noch funktionieren, aber keine „überschüssige“ Lust mehr zulassen. Die Fähigkeit, der Ehefrau sexuelle Lust zu bereiten, ist aber auch laut Maimonides die Voraussetzung für eine Ehe.

Während nach Ansicht der (christlichen) historisch-kritischen Bibelforschung die größten Teile der Abrahamsgeschichte der Entstehungszeit um 950 v. Chr. zugeordnet werden, soll diese Form des Abrahambund erst 400 Jahre später mit der Priesterschrift im Zuge einer umfassenden Überarbeitung des Pentateuch eingefügt worden sein. Gleiches gilt für die wiederholte Vorschrift der Knabenbeschneidung am achten Lebenstag durch Gott in der Torah (Vorlage:B), die dort im Kontext der vorübergehenden Unreinheit der Mutter erwähnt wird.<ref name="Glick">Leonard B. Glick: Marked in Your Flesh: Circumcision from Ancient Judea to Modern America. Oxford University Press, New York 2005, ISBN 0-19-517674-X, S. 14–15 (englisch; Vorlage:Google Buch).</ref> Als ursprüngliche Version des Bundes gilt Genesis 15 Vorlage:Bibel, welcher dort durch Abraham mittels Tieropfer geschlossen wird.<ref name="Glick" />

Dem israelischen Anthropologen Nissan Rubin zufolge enthielt die jüdische Beschneidung in den ersten beiden Jahrtausenden nicht die Periah. Diese sei erst in der Zeit des Bar-Kochba-Aufstands (132–135 n. Chr.) von den Rabbinern vorgeschrieben worden, um das u. a. im Talmud und bei den Makkabäern Vorlage:Bibel erwähnte meshikhat orlah (das Wiederherstellen der Vorhaut durch Strecken) unmöglich zu machen. Dieses habe sich unter hellenistischem Einfluss verbreitet, da in der griechischen Gesellschaft eine entblößte Eichel als obszön und lächerlich galt.<ref>Nissan Rubin: Brit Milah: A Study of Change in Custom. In: Derselbe: The Covenant of Circumcision: New Perspectives on an Ancient Jewish Rite. University Press of New England, Lebanon 2003, ISBN 1-58465-307-8, S. 87 ff. (englisch; Vorlage:Google Buch).</ref>

Die – nach jüdischem und protestantischem Verständnis als Apokryphen gewerteten – Bücher 1 und 2 Makkabäer sind die älteste heute bekannte Quelle für eine Unterdrückung der Brit Mila. Laut Makkabäer hat Antiochos IV. Epiphanes zu Beginn des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts versucht, Juden in seinem Reich zu hellenisieren: „[…] Auch die Beschneidung verbot er und gebot, die Leute an alle Unreinheiten und heidnischen Bräuche zu gewöhnen, … Die Frauen, die ihre Söhne hatten beschneiden lassen, wurden getötet, wie Antiochos befohlen hatte; man hängte ihnen die Knäblein an den Hals in ihren Häusern und tötete auch sie, die sie beschnitten hatten.“ Vorlage:Bibel „Zwei Frauen nämlich wurden vorgeführt, weil sie ihre Söhne beschnitten hatten. Denen band man die Kindlein an die Brust und führte sie öffentlich herum durch die ganze Stadt und warf sie zuletzt über die Mauer hinab.“ Vorlage:Bibel

In Vorlage:Bibel fordert König Saul für seine Tochter einen Brautpreis von 100 Vorhäuten getöteter Philister von König David, in der Hoffnung, dass dieser dabei umkomme, doch dieser übergibt daraufhin die doppelte Menge. In Vorlage:Bibel fordern die Brüder Dinas, einer Tochter Jakobs, die vom Sohn des örtlichen Hiwiterfürsten vergewaltigt wurde, die Beschneidung seines Stammes als Voraussetzung für eine ausgleichende Heirat. Auch hier stellt sich die Forderung als List heraus, denn zwei der Brüder nutzen das Wundfieber der Beschnittenen, um ungehindert alles Männliche in der Stadt umzubringen.

Innerhalb des in Deutschland im 19. Jahrhundert aufkommenden Reformjudentums gab es Stimmen, die das alte Ritual abschaffen oder zumindest modifizieren wollten. Der Rabbi Samuel Holdheim vertrat 1844 in seinem Buch Ueber die Beschneidung den Standpunkt, dass die Zirkumzision kein Sakrament und damit für die Zugehörigkeit zum Judentum keine Notwendigkeit sei.<ref>Klaus Hödl: Die deutschsprachige Beschneidungsdebatte im 19. Jahrhundert. In: Aschkenas. 2007, Band 13, Heft 1, S. 189–209, doi:10.1515/ASCH.2003.189.</ref> Abraham Geiger, einer der Begründer des Reformjudentums, das in Deutschland als liberales Judentum bezeichnet wird, entschied sich aber für die Beibehaltung der Beschneidung, was auch für das Reformjudentum der Gegenwart weiterhin gilt. Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts verzichteten einige assimilierte jüdische Familien auf die Beschneidung ihrer Söhne. Zum Beispiel ließ Theodor Herzl seinen Sohn Hans 1891 nicht beschneiden.<ref>Warum beschneiden Muslime und Juden ihre Söhne? In: Die Welt, 28. Juni 2012.</ref> Theodor Herzl identifizierte sich bis 1891 nicht mit dem Judentum; er hatte, bevor er den modernen politischen Zionismus zu begründen begann, zur Lösung der „Judenfrage“ eine Massentaufe der Juden im Wiener Stephansdom empfohlen.

Derzeit lassen die meisten jüdischen Familien – auch die meisten nichtreligiösen – ihre Söhne kurz nach der Geburt beschneiden. In den Ländern des ehemaligen Ostblocks – er zerfiel 1990 – ist nach Angaben eines dort tätigen Mohels nur eine sehr kleine Minderheit unter den jüdischen Männern beschnitten, was auf das frühere kommunistische Regime in diesen Ländern zurückzuführen sei; die Bereitschaft zur Beschneidung nimmt dort dem Mohel zufolge inzwischen aber deutlich zu.<ref name="Schnittiger" /> In Israel, wo nach Angaben von Rabbiner Moshe Morsenau, Leiter des Referats für Beschneidungen (Brit Mila) im Büro des israelischen Oberrabbinats, 2011 insgesamt rund 60.000 Beschneidungen stattgefunden haben,<ref>Tatsache 6 Mythen in der Beschneidungsdebatte. AJC Berlin, Lawrence & Lee Ramer Institute for German Jewish Relations, 15. November 2012.</ref> wird der Anteil der nicht beschnittenen jüdischen Söhne auf 2 % geschätzt und die Anzahl der Familien, die auf eine Brit Mila verzichtet haben, auf einige Tausend.<ref name="SZ">Thorsten Schmitz: Der Schrei. In: Süddeutsche Zeitung. 7. August 2012, S. 3.</ref> Israelische Gegner der Beschneidung geben an, neue Umfragen hätten ergeben, dass 3 % der jüdischen Israelis ihre Söhne nicht beschnitten haben oder nicht beschneiden wollen.<ref>Jewish ceremonies – circumstitions.com.</ref>

Christentum

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Datei:Flügelretabel aus Brabant Berlin Beschneidung.jpg
Beschneidung Jesu, Brabanter Flügelretabel, um 1480

Im frühen Christentum sprach sich Paulus von Tarsus gegen eine Pflicht zur Beschneidung für die neubekehrten Heidenchristen aus. Paulus war selbst ein beschnittener Judenchrist. Für ihn entscheidend war nicht die körperliche Beschneidung, sondern die – bereits im Judentum ebenfalls betonte – „Beschneidung des Herzens“, wie sie schon das 5. Buch Mose kennt: „Ihr sollt die Vorhaut eures Herzens beschneiden und nicht länger halsstarrig sein.“ Vorlage:Bibel. Wer glaube, so Paulus, allein durch körperliche Beschneidung gottgefällig zu sein und heilig zu werden, sei auf einem Irrweg: „Die Beschneidung ist wohl nütze, wenn du das Gesetz hältst; hältst du aber das Gesetz nicht, so bist du aus einem Beschnittenen schon ein Unbeschnittener geworden.“ Vorlage:Bibel. Entscheidend sei der demütige Glaube: „Denn in Christus Jesus kommt es gerade nicht darauf an, beschnitten oder unbeschnitten zu sein, sondern darauf, den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist.“ Vorlage:Bibel

Er verurteilt den Rückfall in eine bloße Gesetzeshaltung im Philipperbrief in einer eindeutigen Überspitzung: (Phil 3,2-4a:2) „Hütet euch vor den Hunden, hütet euch vor den schlechten Arbeitern, hütet euch vor der Verschneidung.“ (3) „Denn die Beschneidung, das sind wir, die wir im Geiste Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf Fleisch vertrauen“ – (4) „obgleich ich auch auf Fleisch Vertrauen setzen könnte.“

Hätte man an der Beschneidungspflicht für männliche Konvertiten festgehalten, so hätte dies für die Missionierung von Nichtjuden und den Aufstieg zu einer Weltreligion ein ganz erhebliches Hindernis bedeutet.<ref>Ernst Lautenbach: Lexikon Bibel-Zitate: Auslese für das 21. Jahrhundert. mit Geleitworten von Robert Zollitsch und Ulrich Fischer. München 2006, ISBN 3-89129-789-0, S. 94.</ref>

Mit dem Ende des antiken Judenchristentums als eigener Strömung verschwand dann die Beschneidung im Christentum fast ganz. Einige christliche Kirchen wie die Koptisch-Orthodoxe Kirche, Äthiopisch-Orthodoxe Kirche sowie die Eritreisch-Orthodoxe Tewahedo-Kirche praktizieren weiterhin die Beschneidung. Im Christentum wurde das Ritual der Beschneidung der männlichen Neugeborenen, das zugleich ein Ritual des Namens oder seiner Zuerteilung darstellt, weitgehend durch das der Taufe abgelöst.

Der westgotische König Wamba setzte im Jahr 673 die Beschneidung als Strafe für Angehörige seiner eigenen Truppen ein, die während eines Feldzugs spanische Frauen vergewaltigt hatten. Die Betroffenen wurden damit entsprechend der antijüdischen Gesetzgebung des Toledanischen Reiches als Juden markiert und aus der christlichen Rechtsgemeinschaft ausgestoßen.<ref>Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte. Beck, München 2010, S. 113.</ref>

Das Zweite Vatikanische Konzil schaffte 1962 das Fest zur Beschneidung des Herrn (in circumcisione domini) ab, mit dem acht Tage nach Heiligabend jeweils am 1. Januar der Beschneidung Jesu Vorlage:Bibel gedacht wurde.<ref>Michael Sintzel (Beichtvater des Mutterhauses der barmherzigen Schwestern zu München): Leben und Taten der Heiligen - Eine Legenden-Sammlung für das christkatholische Volk. In: Das Fest der Beschneidung unseres Herrn Jesu Christi. 1839. heiligenlegenden.de – Josef Dirschl.</ref>

Islam

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Datei:Jongetjes in prinsenkledij voor besnijdenisfeest.JPG
Jungen auf dem Weg zu einer türkischen Beschneidungszeremonie

Vorlage:Hauptartikel

Die Beschneidung (Vorlage:ArS und Vorlage:Ar,<ref>H. Wehr: Arabisches Wörterbuch. Wiesbaden 1968, S. 205.</ref> persisch auch Vorlage:Fa)<ref> Alavi Junker: Persisch-Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1970, S. 266.</ref> wird heute von den meisten Muslimen als integraler Bestandteil des Islam angesehen. Der Prophet Mohammed kam laut einer Überlieferung ohne oder mit einer sehr kurzen Vorhaut zur Welt. Die Beschneidung wird heute bei Muslimen als ein Zeichen der Religionszugehörigkeit im Kindesalter – bis zum Alter von 13 Jahren – durchgeführt. Oft wird aus diesem Anlass ein großes Familienfest gefeiert. In den meisten Fällen wird so beschnitten, dass die komplette Vorhaut entfernt wird, so dass die Eichel immer freiliegt. Der Beschneidungsstil „low & tight“ wird hier oft angewendet.

In manchen Ländern (z. B. der Türkei) werden Jungen im späteren Kindesalter beschnitten. Bei der aus diesem Anlass veranstalteten Familienfeier, der Sünnet, können sich islamische Elemente mit traditionellen Elementen mischen.

Die Beschneidung wird im Koran nicht explizit erwähnt und lässt sich lediglich aus der Anweisung, der Religion Abrahams zu folgen, ableiten:

Vorlage:Zitat

Die Beschneidung wird allerdings in den Hadithen erwähnt. Von grundlegender Bedeutung ist die folgende Überlieferung:

Vorlage:Zitat

Auch gibt es einen Hadith, wonach Mohammed seine beiden Enkel al-Hasan ibn ʿAlī und al-Husain ibn ʿAlī beschnitten hat, doch gilt er nicht als vertrauenswürdig, weil er weder in den sechs Büchern, noch im Musnad von Ahmad ibn Hanbal erwähnt wird.<ref>Sami Aldeeb: Male & Female Circumcision among Jews, Christians and Muslims. Religious, Medical, Social and Legal Debate. Warren Center, Pennsylvania 2001, S. 109.</ref>

Gleichwohl gilt die Beschneidung des männlichen Geschlechtsteils den meisten Muslimen als Pflicht und wird in der Regel bei männlichen muslimischen Kindern schon frühzeitig – oft als Baby – von den Eltern in Auftrag gegeben. Bei später konvertierten Muslimen kann die Beschneidung durch eine Operation mit örtlicher Betäubung erfolgen. Es gilt als eines der Zeichen des Prophetentums, dass die Propheten bereits beschnitten – also ohne Vorhaut – geboren werden. Beschnitten zu sein kann interpretiert werden als „dem Vorbild der Propheten zu entsprechen“.

Das zu diesem Anlass getragene Beschneidungskostüm (Sünnet Kıyafetleri) ist eine traditionelle, religiöse Tracht, die überwiegend in der Türkei Verwendung findet, ist aufwändig gearbeitet und besteht meist aus einer Stoffhose, einen Hemd, einer bestickten Weste, einer Krawatte oder einer Fliege, einem langen Umhang und einer auffälligen Kopfbedeckung. Die Grundfarbe ist oft weiß, es kann aber auch eine andere Farbe haben. Dazu werden Schuhe getragen und ein Zepter oder ein Dolch. Teilweise wird eine Schärpe mit der Aufschrift „Maşallah“ um die Schulter getragen.

Jesidentum

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Auch im Jesidentum, das zwar eine monotheistische Religion ist, nicht jedoch auf den Offenbarungen einer Heiligen Schrift beruht, ist die Beschneidung von Jungen im Alter von 14 Jahren Teil der traditionellen Übergangsriten, die Sinet oder Sunet genannt wird.<ref>Gülnaz Beyaz: Mein Leben im Schatten der Blutrache. DTV, München 2008, ISBN 978-3-423-34480-7, S. 146.</ref>

Neuzeit

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Im Jahr 1712 erschien in England das vermutlich von dem geschäftstüchtigen Quacksalber und Schriftsteller John Marten geschriebene und anonym veröffentlichte Pamphlet Onania: or, the Heinous Sin of Self-Pollution („Onanie oder die abscheuliche Sünde der Selbstbeschmutzung“), das nach und nach in alle europäischen Sprachen übersetzt wurde und große Verbreitung erfuhr. Darin wurde behauptet, dass exzessive Masturbation vielfältige Krankheiten wie Pocken und Tuberkulose verursachen könne. Selbst die großen Aufklärer der Zeit glaubten dem anonym veröffentlichten Werk. Denis Diderot nahm die fragwürdigen Thesen sogar in seine Encyclopédie auf. Im 18. und 19. Jahrhundert fand in der Folge in ganz Europa geradezu ein „Feldzug gegen die Masturbation“ statt. Es erschienen unzählige wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Veröffentlichungen, die die angeblichen Gefahren der Masturbation anprangerten und Methoden zu ihrer Verhinderung anboten. Als Standardwerk kann die ab 1760 in unzähligen Auflagen verbreitete Schrift L’Onanisme. Dissertation sur les maladies produits par la masturbation („Die Onanie. Abhandlung über Krankheiten durch Masturbation“) des Lausanner Arztes Simon-Auguste Tissot gelten.<ref>Simon-Auguste Tissot: Die Onanie, oder Abhandlung über die Krankheiten die von der Selbstbefleckung herrühren., Faksimile einer Übersetzung aus dem Französischen aus dem Jahre 1774, Erstausgabe 1758.</ref> Zahlreiche Ärzte dieser Zeit hielten Masturbation für die Ursache von „jugendlicher Rebellion“ und von Krankheiten wie Epilepsie, „Erweichung von Körper und Geist“, Hysterie und Neurosen.

Im viktorianischen England fand die Beschneidung vor allem bei der Oberschicht Zustimmung. Über die britische Kolonisierung (→Britisches Weltreich) verbreitete sich die Beschneidung auch in Indien (bis 1947 britische Kolonie), Nordamerika, Australien, Neuseeland und Südafrika. Ab etwa 1860 erschienen Publikationen, die die Beschneidung als „Prävention gegen Masturbation“ – damals pejorativ als „Selbst-Missbrauch“ bezeichnet – oder als „Bestrafung“ dafür propagierten.<ref name="Darby2003">R. Darby: The Masturbation Taboo and the Rise of Routine Male Circumcision: A Review of the Historiography. In: Journal of Social History. Band 36, Nummer 3, 2003, S. 737–757, doi:10.1353/jsh.2003.0047 (Volltext).</ref> Beispiele:

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Die Zahl der Zirkumzisionen nahm zu. Die masturbationsfeindliche Motivation findet sich noch in Campbell’s Urology, einem englischsprachigen Standard-Lehrbuch der Urologie, in der Auflage von 1970: Vorlage:Zitat

Die medizinisch nicht-notwendige Beschneidung des Penis wurde in Großbritannien nach 1949 von der Liste der bezahlten Leistungen der Krankenkassen (1948 wurde der National Health Service gegründet) gestrichen, in Kanada in den 1990er Jahren. In Australien fielen die Werte ab den 1970ern von 90 % auf 10 bis 20 %.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> In den Vereinigten Staaten fielen die Werte ab etwa den 1980er Jahren (nicht so stark und teilweise durch Zuwanderung indiziert). Näheres siehe im Abschnitt „Situation in einzelnen Staaten“.

Anteil Beschnittener in der Gegenwart

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Datei:Circumcision comparison.jpg
Ergebnis der Zirkumzision: Unbeschnittener (links) und beschnittener Penis

In den USA wurden gemäß einem Bericht der Agency for Healthcare Research and Quality (AHRQ) im Jahr 2005 landesweit 56 % der männlichen Neugeborenen vor der Entlassung aus der Klinik beschnitten. Im Mittleren Westen lag der Anteil dabei mit 75 % erheblich höher als im Westen mit 31 %.<ref>Statistical Brief #45: Circumcisions Performed in U.S. Community Hospitals, 2005. Auf: hcup-us.ahrq.gov (englisch).</ref><ref name="AHRQ">Health News: Circumcision rates vary by region. Auf: upi.com (englisch); abgerufen am 12. September 2008.</ref> Nach den Daten des National Center for Health Statistics nahm die nationale Rate der beschnittenen Neugeborenen von 1979 bis 2010 von 64,5 % auf 58,3 % ab.<ref name="cdc-dhcs">Vorlage:Internetquelle</ref> Berücksichtigt man alle Altersgruppen so sind in den USA rund 80,5 % der Männer beschnitten.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

In Deutschland ermittelte das Wissenschaftliche Institut der AOK für die dort abgerechneten ambulanten und klinischen Fälle von Vorhauteingriffen bei Jungen bis fünf Jahren im Jahre 2006 noch 5472 Eingriffe, 2011 waren es 7103 Fälle, obwohl die Anzahl der versicherten Jungen im gleichen Zeitraum um 5 % sank. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung verzeichnete zwischen 2008 und 2011 allein im ambulanten Bereich einen Anstieg um 34 %.<ref name="FAZ_immermehr" /><ref name="guterSchnitt" /> In Cottbus betrug nach einer Untersuchung von 2013 auf der Grundlage von 10.000 Fragebögen von 2005 der Anteil der Beschnittenen 6,7 %.<ref name="DOI10.1007/s00120-012-3112-2">B. Hoschke, S. Fenske, S. Brookman-May, I. Spivak, C. Gilfrich, H.-M. Fritsche, I. Wolff, M. May: Die männliche Zirkumzision ist nicht mit einer höheren Prävalenz der erektilen Dysfunktion assoziiert. In: Der Urologe. Band 52, 2013, S. 562, doi:10.1007/s00120-012-3112-2.</ref> Bei 10,9 % der männlichen Jugendlichen in Deutschland wurde eine Zirkumzision durchgeführt.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Im Jahr 2014 fanden in Deutschland 66.717 medizinisch indizierte und von den gesetzlichen Krankenkassen gezahlte Zirkumzisionen ambulant statt, hinzu kommen 13.477 stationäre Zirkumzisionen.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Einer 2021 veröffentlichten Analyse zufolge gibt es in Deutschland keinen Trend zur Beschneidung von Neugeborenen. Die überwiegende Mehrheit der zu beschneidenden Jungen werde nach dem ersten Lebensjahr operiert. Die Zirkumzisionsrate war im Untersuchungszeitraum (2005 bis 2017) rückläufig.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

In Großbritannien wurde bei rund 21 % der Männer die Vorhaut entfernt, in Frankreich beträgt der Anteil der Beschnittenen rund 14 % und in Belgien sind 22,6 % der Männer beschnitten worden.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Südkorea hat in Asien mit Ausnahme der islamisch geprägten Staaten nach den Philippinen mit den zweithöchsten Anteil an Beschneidungen. Bei jungen Männern beträgt dieser knapp 80 %. Die Beschneidung von Neugeborenen ist unüblich; Südkorea ist das Land mit dem höchsten Anteil an Beschneidungen im Teenager- und Erwachsenenalter.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Die Beschneidungsrate ist in den 1980er und 1990er Jahren stark angestiegen (1945 betrug sie etwa 0,1 %).<ref>M. G. Pang, D. S. Kim: Extraordinarily high rates of male circumcision in South Korea: history and underlying causes. In: BJU international. Band 89, Nummer 1, Januar 2002, S. 48–54, Vorlage:ISSN, PMID 11849160.</ref> Die Beschneidung wurde bis vor wenigen Jahren in den Hygienevorgaben des Militärs ausdrücklich empfohlen, galt allerdings nie als verpflichtend und wird inzwischen nicht mehr aufgeführt. Seit den 2010er Jahren ist der prozentuale Anteil an beschnittenen Personen in Südkorea moderat sinkend, da immer weniger Zirkumzisionen durchgeführt werden.<ref name="S.Korea 2012-12-11">DaiSik Kim, Sung-Ae Koo, Myung-Geol Pang: Decline in male circumcision in South Korea In: BMC Public Health. Band 12, Artikelnr. 1067, 11. Dezember 2012 (englisch; Volltext: doi:10.1186/1471-2458-12-1067).</ref>

Auf den Philippinen ist die Zirkumzision gesellschaftlich weitestgehend ein obligatorischer Bestandteil der dortigen Kulturen und ist dort als Tulì bekannt. Annähernd 92 % der männlichen Bevölkerung auf den Philippinen sind beschnitten.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Durchführung der Zirkumzision

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Es gibt verschiedene chirurgische Methoden zur Durchführung einer Zirkumzision. Bei der am weitesten verbreiteten Methode schneidet der Chirurg die Vorhaut zirkulär mit einem Skalpell ab. Die bei medizinischer Indikation typischerweise angewandte Operationstechnik geht auf den Begründer der plastischen Chirurgie, Johann Friedrich Dieffenbach, zurück.<ref>Schumpelick u. a.: Zirkumzision nach Dieffenbach. S. 434 ff. (Vorlage:Google Buch).</ref>

Vor allem in den USA sind verschiedene Methoden mit unterschiedlichen Klemmen und sogenannten circumcision kits in Gebrauch, die eine freihändige Beschneidung ersetzen sollen und vor allem die Naht überflüssig machen (die Klemme bleibt angelegt, bis unter ihr die Wunde verheilt ist).

Für die neonatale Beschneidung wurden verschiedene Techniken zur Reduzierung der Stressbelastung entwickelt. Kirya und Werthman stellten 1978 den Dorsal Penile Nerve Block (DPNB) vor. Hierfür wird ein lokal wirksames Betäubungsmittel subkutan beidseitig der Peniswurzel injiziert.<ref>C. Kirya, M. W. Werthmann Jr.: Neonatal circumcision and penile dorsal nerve block--a painless procedure. In: Journal of Pediatrics. Juni 1978, Band 92, Nr. 6, S. 998–1000, PMID 660375 (Volltext on-line).</ref> Als Lokalanästhetikum für den DPNB kommen Lidocain und Bupivacain in Frage. In einer Vergleichsstudie aus 2005 erwies sich Bupivacain als überlegen.<ref>O. C. Stolik-Dollberg, S. Dollberg: Bupivacaine versus lidocaine analgesia for neonatal circumcision. In: BMC Pediatrics. Mai 2005, Band 22, Nr. 5(1), S. 12, PMID 15907216, Vorlage:PMC.</ref> Masciello untersuchte 1990 die Lokalanästhesie per Lidocain-Injektion am Penisschaft und fand diese Methode im Vergleich dem DPNB überlegen.<ref>A. L. Masciello: Anesthesia for neonatal circumcision: local anesthesia is better than dorsal penile nerve block. In: Obstetrics & Gynecology Mai 1990 Band 75, Nr. 5, S. 834–838, PMID 2183111. (Volltext on-line).</ref> Stang u. a. empfahlen 1997 zur Stress- und Schmerzreduzierung zusätzlich zum DPNB die Verwendung eines Schnullers, der zuvor in eine Saccharoselösung getaucht wurde, sowie den Einsatz eines speziell gestalteten OP-Stuhls. Bei einer traditionell durchgeführten Brit Mila kommt dem Sandek die Aufgabe zu, das Kind zu halten und mit süßem Wein zu beruhigen.<ref>H. J. Stang, L. W. Snellman, L. M. Condon, M. M. Conroy, R. Liebo, L. Brodersen, M. R. Gunnar: Beyond dorsal penile nerve block: a more humane circumcision. In: Pediatrics. August 1997, Band 100, Nr. 2, Artikel E3. PMID 9233974 (Volltexta als PDF).</ref> Die systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse der Daten mehrerer randomisierter, kontrollierter Studien ergab 2001, dass der DPNB bei der neonatalen Beschneidung die am häufigsten untersuchte Methode zur Schmerzlinderung war, zudem am meisten effektiv gegen den Schmerz des Eingriffs. Verglichen mit einem Placebo zeigte sich die oberflächliche Lidocain-Anwendung (EMLA) ebenfalls effektiv, jedoch weniger als ein DPNB. Beide Interventionen erschienen den Reviewautoren als sicher für die Anwendung an Neugeborenen. Keine der untersuchten Methoden konnten die schmerzbedingten Reaktionen komplett eliminieren.<ref>B. Brady-Fryer, N. Wiebe, J. A. Lander: Pain relief for neonatal circumcision. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. 18. Oktober 2004, Band 18, Nr. 4, Artikel: CD004217, PMID 15495086.</ref>

In Deutschland finden nichtrituelle Beschneidungen auch bei Säuglingen immer mit örtlicher Betäubung statt. Laut den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie ist für die operative Behandlung einer Phimose eine Narkose erforderlich, ergänzt durch eine Leitungsanästhesie.<ref name="Leitlinien Phimose" />

Allgemeines

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Datei:Beschneidung 2.jpg
Längsschnitt mit der Schere nach vorherigem zirkulären Hautschnitt mit Skalpell

In Europa ist es verbreitet, die über die Eichel vorgezogene und überstehende Vorhaut zunächst mit einer Klemme zu fassen und vor dieser die Eichel schützenden Ebene durch einen Schnitt abzutrennen. Häufig wird danach der zwischen diesem Schnitt und dem Eichelkranz verbliebene Hautring (inneres Vorhautblatt) zusätzlich eingekürzt. Je nach Wunsch des Patienten oder seiner Eltern oder je nach Empfehlung des Arztes kann dabei ein unterschiedliches Ergebnis hinsichtlich der verbleibenden Hautmenge bestimmt werden (siehe Abschnitt „Beschneidungsstile“). Eine weitere Methode besteht in der freihändigen zirkulären Durchtrennung der Haut an zwei vorher markierten Stellen. Auch diese Markierung dient der Festlegung, wie viel Haut abgetragen werden und wie weit von der Eichel entfernt die verheilte Narbe liegen soll. Danach wird die zwischen den beiden ringförmigen Schnitten liegende Haut abgetragen; die flankierenden Ränder werden zueinander geführt. Diese Art ist bei kurzem Präputium angezeigt, das nicht so weit vor die Eichel gezogen werden kann, dass es vor dieser übersteht.

Der Eingriff dauert zirka 15 Minuten, danach werden die Wundränder mit selbstauflösendem Material miteinander vernäht. Die Wunde heilt in der Regel innerhalb von zwei Wochen ab. Nach dieser Zeit lösen sich die Fäden selbstständig auf. Es sollte jedoch für einen Zeitraum von drei Wochen nach dem Eingriff auf den Geschlechtsverkehr verzichtet werden.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Gomco-Klemme

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Gomco Clamp, zu Deutsch Gomco-Klemme, ist ein Markenname der Goldstein Medical Company und wird vor allem in den USA zur Säuglingsbeschneidung eingesetzt. Dabei wird die Klemme zwischen Eichel und Vorhaut geschoben und danach geschlossen. Die Vorhaut wird dabei vorsichtig abgeklemmt. Als Vorteile gelten relativ geringer Blutverlust und relativ schnelle Durchführbarkeit.

Plastibell

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Datei:Plastibell Circumcision Device.jpg
Säuglingsbeschneidung mit dem Plastibell-Ring (US-Produkt)

Hierbei wird ein zweiteiliger Plastikring angelegt. Dabei liegt ein Teil zwischen Eichel und Vorhaut, der andere Teil außerhalb, an der Basis der Vorhaut. Die zwischen beiden angelegten Teilen liegende Haut wird durch einen Faden abgebunden. Durch das Abbinden fällt die Vorhaut nach einigen Tagen von selbst ab. Das Verfahren kann als minimalinvasiv und relativ schmerzlos betrachtet werden, findet jedoch nicht vollständig unter ärztlicher Überwachung statt, so dass dieser bei eventuellen Schwellungen nicht eingreifen kann. Falls der Ring zu früh entfernt wird, kann die noch nicht ausreichend vernarbte Wunde an ihren Rändern aufplatzen, was zumeist einen weiteren Eingriff in Form einer Wundnaht erfordert; sofern das unterbleibt, kommt es oft zu Entzündungen mit anschließender wulstiger Narbenbildung.<ref>Näheres siehe auch englische Wikipedia.</ref>

Erstreckung der Beschneidung auf das Vorhautbändchen (Frenulektomie)

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Häufig ist das Vorhautbändchen (Frenulum praeputii, siehe „Vorhaut“), eine individuell sehr unterschiedlich ausgeprägte, mehr oder weniger straffe Hautbrücke an der Unterseite des Penis, gespannt zwischen Harnröhrenöffnung und Schafthaut, ebenfalls Gegenstand der Beschneidung. Dabei wird das Bändchen, unabhängig von dem vorgeschriebenen Maß der Abtragung von innerem und äußerem Vorhautblatt, entweder nur durchtrennt und danach zumeist an den Wundrändern wieder quer vernäht oder es wird vollständig ausgeschnitten. Insbesondere ein kurzes Frenulum (Frenulum breve) kann die Eichel am erigierten Glied herunterziehen und die Erektion damit verkrümmen und schmerzhaft werden lassen. Dieser Effekt wird durch eine Beschneidung, insbesondere eine radikale, entscheidend verstärkt. Deshalb ist es besonders bei „tight“-Beschneidungen zumeist angezeigt, das Frenulum zumindest zu durchtrennen (Frenulotomie), in der Regel sollte – oder muss – es sogar ganz ausgeschnitten werden (Frenulektomie).<ref>L. Gallo, S. Perdonà, A. Gallo, A. (2010). EJACULATORY DISORDERS: The Role of Short Frenulum and the Effects of Frenulectomy on Premature Ejaculation. In: Journal of sexual medicine. 2010, Band 7, Nr. 3, S. 1269-1276, doi:10.1111/j.1743-6109.2009.01661.x.</ref>

Traditionelle Beschneidung

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Bei der rituellen jüdischen Beschneidung, der Brit Mila, wird der Eingriff von einer speziell ausgebildeten Person, dem sogenannten Mohel, durchgeführt. Die rituelle muslimische Beschneidung (Sünnet) wird vom Sünnetci durchgeführt. Das für den Ritus übliche Lebensalter ist acht Tage für Juden und bis etwa zwölf Jahre bei Muslimen. Der Blutverlust ist meist so gering, dass auf ein Vernähen der Wundränder verzichtet wird.

Datei:WLA jewishmuseum Circumcision Set 2.jpg
Traditionelles jüdisches Beschneidungswerkzeug (im Jewish Museum (New York City)), 19. Jahrhundert

Die jüdische Beschneidung besteht aus drei einzelnen Vorgängen: Zunächst wird die Vorhaut vor der Eichel mit einer sichelförmigen Klemme gefasst und mit einem Messer abgetrennt; sodann wird das verbliebene innere Vorhautblatt durch Einreißen abgetragen; und schließlich saugt der Mohel mittels eines Glasröhrchens oder mit dem Mund<ref name="NYTimes_2012-06-13">City Urges Requiring Consent for Jewish Rite. Auf: nytimes.com vom 12. Juni 2012; abgerufen am 24. Juli 2012.</ref> das Blut aus der Wunde und benetzt diese – zur Reinigung – abschließend mit etwas Wein. Manche Mohalim sind heutzutage Ärzte.<ref name="SZ" /> An bereits beschnittenen Männern und Jungen, die zum Judentum übertreten, muss nach orthodoxem Verständnis ein den religiösen Akt der Brit Mila symbolisierender Vorgang vollzogen werden, denn eine bereits vollzogene weltliche Beschneidung wird diesem Anspruch nicht gerecht; bei dieser symbolischen Handlung ist durch eine kleine Hauteröffnung zumindest ein Tropfen Blut (Tippat Dam) als wörtliche Übersetzung und zugleich Bezeichnung der Zeremonie hervorzubringen. Nach liberalem Verständnis kann bei der Konversion auf diese Handlung verzichtet werden.

Beschneidungsstile und Formen

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Beim Mann wird bei einer Beschneidung die Vorhaut teilweise oder vollständig entfernt. Die Beschneidungsvarianten variieren daher in Hinsicht auf Straffheit und Platzierung der Narbe: In der Umgangssprache werden die verschiedenen Beschneidungsstile mit englischen Begriffen bezeichnet. Man unterscheidet low, mit nah an der Eichel liegender Narbe und high mit der Narbe am Schaft, weiter entfernt von der Eichel. Bei einer Beschneidung low wird das innere Vorhautblatt nahezu vollständig entfernt. Nach der Straffheit der Schafthaut unterscheidet man zwischen loose, wobei die Eichel im nicht erigierten Zustand noch teilweise bedeckt sein kann und tight, wobei die Eichel immer freiliegt und die Schafthaut bei einer Erektion nur sehr wenig oder keinen Bewegungsspielraum mehr hat. Daraus ergeben sich die Beschneidungsstile high & tight, high & loose, low & tight und low & loose. Wenn sowohl inneres als auch äußeres Vorhautblatt so weit entfernt werden, dass die Eichel immer, auch im nichterigierten Zustand, freiliegt und nur noch ein Rest von wenigen – bis zu zehn – Millimetern innerer Vorhaut verbleibt, spricht man generell von einer „radikalen Zirkumzision“; dies auch als Indikation, sofern die vollständige Abtragung der Vorhaut medizinisch angezeigt ist. Während das Beschnittensein des Gliedes bei den high-Stilen meist durch eine unterschiedliche Farbtönung der Haut ober- und unterhalb der Beschneidungsnaht deutlich zu erkennen ist, ist dies bei den low-Varianten wegen des weitgehenden Fehlens des helleren Innenblattes der Vorhaut nur in einem schmalen Streifen an der Eichelfurche oder auch gar nicht der Fall; der Penis wirkt dann, wenn sich die Narbe direkt hinter der Eichel befindet, als sei er schon immer ohne Vorhaut gewesen. Zudem weicht die Färbung der Beschneidungsnarbe selbst oftmals von der umgebenden Haut ab, was ebenfalls bei den high-Stilen deutlicher hervortritt.

Während in den USA vornehmlich high & tight beschnitten wird, sind im europäischen Raum eher die low-Stile verbreitet.

Sofern lediglich ein Teil der Vorhaut entfernt wird, so dass die Eichel im Ruhezustand des Gliedes auch weiterhin teilweise bedeckt ist, kann es zu einer „Narbenphimose“ kommen. Insbesondere, wenn „high&loose“ beschnitten wurde, liegt die Beschneidungsnarbe im Ruhezustand gelegentlich sogar noch auf Höhe der Eichelspitze, oft jedoch zumindest vor dem breiteren Eichelkranz. Sofern dann das Narbengewebe wulstig verwächst oder sich bei der Heilung zusammenzieht, entsteht im Narbenbereich ein zirkulärer Ring, der ähnlich einer Phimose einschnürend auf die Eichel wirkt. Diese Fälle erfordern unweigerlich eine zweite Beschneidung, die dann radikaler ausfallen wird oder muss, damit eine anlagebedingt eventuell erneut entstehende Narbeneinschnürung sich nicht mehr auf die Eichel auswirken kann.<ref>Vorlage:Webarchiv (englisch).</ref>

Datei:Preputioplasty.svg
Erweiterungsplastik der Vorhaut

Neben den erwähnten gibt es weitere Formen der Vorhautbeschneidung. Diese sind in der Regel nur regional begrenzt anzutreffen und spielen eine untergeordnete Rolle. Beispielhaft hierfür wäre der Rückenschnitt oder Erweiterungsplastik, wobei die Vorhaut nicht abgetrennt wird, sondern nur teilweise eingeschnitten wird.<ref>Dorsal-slit history (englisch).</ref>
Präputiumplastik bei Phimose.

Indikationen

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Eine medizinische Indikation zur Zirkumzision besteht gemäß einer aktualisierten europäischen Leitlinie<ref>Vorlage:Webarchiv</ref> bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen wie Morbus Zoon (= Balanitis plasmacellularis), Lichen sclerosus et atrophicus (chronisch-entzündliche Erkrankung der Vorhaut), bei therapieresistentem Lichen ruber planus, bei rezidivierender Bowenoider Papulose<ref>Peter Altmeyer: Bowenoide Papulose In: Dermatologische Differenzialdiagnose: Der Weg zur klinischen Diagnose. Springer, Berlin 2011, ISBN 978-3-540-39001-5, S. 551.</ref> und bei Peniskarzinomen.<ref name="Leitlinien Phimose" /> Außerdem bei narbigen Phimosen, zum Beispiel nach ausgedehnten Balanopostitiden. Bei einer nicht reponierbaren Paraphimose wird keine Zirkumzision, sondern eine dorsale Inzision, empfohlen.<ref name="Leitlinien Phimose" />

Eine zwischen 1996 und 1999 an der Dermatologischen Klinik und Poliklinik der LMU München durchgeführte Studie zeigte dabei eine deutliche Überlegenheit der Zirkumzision (ggf. mit zusätzlicher konservativer Nachbehandlung) von chronisch entzündlichen Erkrankungen und Präkanzerosen wie Lichen sclerosus et atrophicans, sekundäre Phimose, Balanitis/Balanoposthitis, Condyloma acuminata, Erythroplasie Queirat, Morbus Bowen und Paraphimose gegenüber einer alleinigen konservativen Behandlung.<ref>B. Wörle, M. J. Flaig, B. Konz: Operationsindikation und Stellenwert der Zirkumzision in der Behandlung von chronisch-entzündlichen Erkrankungen und Präkanzerosen. In: G. Sebastian, A. Stein, I. Hackert (Hrsg.): Standards und Trends in der operativen und onkologischen Dermatologie, Phlebologie und Proktologie. Band 17, Congress Compact, Berlin 2001, ISBN 3-9806898-5-9, S. 101–106.</ref>

Eine Besiedelung mit Condylomata acuminata (Feigwarzen) wird dagegen in erster Linie mit dem Laser oder „Vereisung“ mittels tiefstgekühltem, flüssigem Stickstoff behandelt.

Eine Indikation kann in Einzelfällen bei einer nicht narbig- oder durch Lichen sclerosus bedingten Vorhautverengung, der so genannten Phimose, gesehen werden, die jedoch bei Erwachsenen relativ selten auftritt. Bei Säuglingen und Kindern ist eine verengte Vorhaut normal („physiologische Phimose“).<ref name="Leitlinien Phimose" /><ref>Jakob Øster: Further Fate of the Foreskin – Incidence of Preputial Adhesions, Phimosis, and Smegma among Danish Schoolboys (englisch).</ref> Nicht vernarbte Phimosen lassen sich auch konservativ (Salbenbehandlung mittels Corticoid) oder mittels Erweiterungsplastik behandeln.<ref name="Leitlinien Phimose" />

Kontraindikationen

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Die Zirkumzision im Kindesalter sollte nicht durchgeführt werden, wenn eine Hypospadie oder eine Penishypoplasie vorliegt, da die Vorhaut für spätere rekonstruktiv-chirurgische Maßnahmen erforderlich werden kann.<ref>E. Stark, J. Steffens: Fehler und Gefahren bei ambulanten Operationen: Zirkumzision. In: Der Urologe. Ausgabe A, 2003, Band 42, Nr. 8, S. 1035–1038, doi:10.1007/s00120-003-0403-7.</ref> Bei Jungen oder Männern, die unter einer Blutgerinnungsstörung oder einer Herzerkrankung leiden, ist die OP mit erhöhten Risiken verbunden und sollte nach Möglichkeit vermieden werden.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Besonders kritisch wird eine Beschneidung bei einem Hämophilie-Patienten oder einem Thrombozytopenie-Patienten betrachtet. Grundsätzlich sollte kein Junge oder Mann beschnitten werden, der krank, geschwächt oder jünger als einen Tag alt ist. Auch beim Vorliegen von Hauterkrankungen, die eine normale Heilung möglicherweise beeinträchtigen könnten, sollte auf eine Beschneidung verzichtet werden.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Weitere Kontraindikationen sind ein buried penis, eine akute lokale Infektion, eine akute Entzündung der Eichel und Nekrosen.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Hygienische und gesundheitlich-präventive Motive

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Datei:Glans Penis by David Shankbone.jpg
Eichel eines beschnittenen Penis (Kranzfurche unbedeckt)
Datei:Sulcus coronarius.jpg
Kranzfurche eines unbeschnittenen Penis (bei zurückgestreifter Vorhaut)

Jenseits medizinischer Indikationen werden von Beschneidungsbefürwortern einige gesundheitlich-präventive Motive vorgebracht. Folgende physiologische Zusammenhänge werden von ihnen für die Krankheitsprävention als relevant angesehen:

  • Nach einer Hypothese wird die Übertragung von Viren erschwert. Die in der Vorhaut selbst in hoher Konzentration sowie nah an der Hautoberfläche vorliegenden Langerhans-Zellen und CD4-Rezeptorzellen erleichtern möglicherweise die Übertragung von Viren beim Geschlechtsakt.<ref>H. A. Weiss, S. L. Thomas, S. K. Munab2, R. J. Hayes: Male circumcision and risk of syphilis, chancroid, and genital herpes: a systematic review and meta-analysis. In: Sexually Transmitted Infections. Band 86, 2006, S. 101–110, PMID 16581731, Vorlage:PMC.</ref><ref>How does male circumcision protect against HIV infection? In: British Medical Journal. Vorlage:PMC (englisch).</ref>

Ob und in welchen Fällen die Vorhautentfernung als Routineoperation empfohlen werden sollte, bleibt umstritten. Die der Zirkumzision zugeschriebenen möglichen hygienischen und gesundheitlichen Vorteile einerseits sollten unter Einbeziehung der jeweiligen Grundhäufigkeiten der betrachteten Krankheiten gegen die möglichen Komplikationsrisiken des Eingriffs und alternative Präventionsmöglichkeiten andererseits abgewogen werden.<ref name="MosesBaileyRonald">S. Moses, R. C. Bailey, A. R. Ronald: Male circumcision: assessment of health benefits and risks. In: Sexually transmitted infections. Band 74, Nummer 5, Oktober 1998, Vorlage:ISSN, S. 368–373, PMID 10195035, Vorlage:PMC (Review).</ref> Die Vorhautentfernung ersetzt in keinem Fall eine ausreichende Genitalhygiene und Safer-Sex-Maßnahmen.

Die routinemäßige Beschneidung bei Kindern und Neugeborenen wird von vielen Fachorganisationen als rein kosmetische beziehungsweise kulturelle Angelegenheit betrachtet, gesundheitlich-präventive Argumente werden zurückgewiesen.<ref>Circumcision Policy Statements (englisch).</ref> Bremer Kassenärzte lehnen es ab, solche Beschneidungen auf Kosten der Krankenkassen abzurechnen.<ref name="ÄZ Bremen 2010">Ärzte wollen keine Beschneidung auf Kassenkosten. In: Ärztezeitung online, 11. Mai 2010, abgerufen am 15. August 2012.</ref>

Harnwegsinfekte

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Das Risiko für einen Harnwegsinfekt (HWI) bei gesunden Knaben liegt bei ca. 1 %.<ref name=":0">Vorlage:Internetquelle</ref> Ob sich das Risiko nach einer Beschneidung verringert, ist Gegenstand verschiedener Untersuchungen. Nach einer Cochrane-Metaanalyse von 2012<ref>Vorlage:Literatur</ref> fehlen valide randomisierte kontrollierte Studien, die einen protektiven Effekt belegen.<ref name=":0" /> Durch eine frühe ritualisierte Beschneidung kann das Risiko sogar erhöht sein.

Die aktuelle S2k-Leitlinie sieht die Zirkumzision nur dann als sinnvolle prophylaktische Maßnahme, wenn Jungen an einer rezidivierenden HWI leiden und eine höhergradige angeborene Anomalie des harnableitenden Systems aufweisen. In dem Fall sollte eine bestehende Enge der Vorhaut medikamentös oder chirurgisch behandelt werden.<ref name=":0" />

Infektionsrisiko von HIV

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Studien deuten darauf hin, dass das HIV-Infektionsrisiko beim ungeschützten, heterosexuellen Geschlechtsverkehr mit HIV-infizierten Partnern für beschnittene Männer geringer sein kann als für unbeschnittene. Die Metaanalyse der Cochrane Collaboration aus dem Jahre 2009 ergab nach medizinisch durchgeführter Zirkumzision eine Reduzierung des relativen Infektionsrisikos für heterosexuelle Männer um bis zu 66 %. Hierfür wurden Daten aus drei großen, randomisierten und kontrollierten Studien, die in Kenia, Uganda und Südafrika zwischen 2002 und 2006 durchgeführt wurden, bewertet. Wie die Autoren betonten, haben die ausgewerteten Untersuchungen nicht die Effekte der Zirkumzision auf die weiblichen Partner von HIV-infizierten Männern eingeschätzt.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Eine von der WHO einberufene Expertenrunde empfahl nach Auswertung der Ergebnisse der drei randomisierten, kontrollierten Studien aus Kenia, Uganda und Südafrika sowie zahlreicher Beobachtungsstudien im März 2007 ihren Mitgliedsstaaten in einer Presseerklärung, die Zirkumzision als zusätzliches Mittel in die nationale Anti-Aids-Strategie aufzunehmen.<ref name="WHO-Presseerklärung">WHO: WHO and UNAIDS announce recommendations from expert consultation on male circumcision for HIV prevention (englisch).</ref><ref name="Beschneidung">Vorlage:Webarchiv</ref> Ein Grund für den protektiven Effekt bei heterosexuellen Männern wird dadurch erklärt, dass in der männlichen Vorhaut CD4-positive Langerhans-Zellen und damit primäre Zielzellen von HIV vorhanden sind.<ref name=":1" />

Seit 2007 läuft ein von der WHO initiiertes Programm, in 15 afrikanischen Ländern mit hoher HIV-Prävalenz bei Jungen und Männern in Afrika freiwillige Beschneidungen durchzuführen (voluntary medical male circumcision, VMMC).<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Weitere Organisationen wie UNAIDS, USAID, PEPFAR, verschiedene NGOs wie das VMMC-Erfahrungsprojekt und UNICEF unterstützen diese Kampagne.<ref name=":2">Vorlage:Internetquelle</ref> Die Beschneidungen sind kostenlos, größtenteils finanziert durch die PEPFAR.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Die Beschneidung zur HIV-Prävention wurde von mehreren Seiten kritisiert, da zum einen durch die Beschneidung das Risiko für eine HIV-Infektion nur sinkt (aber größer Null bleibt) und zum anderen die gefühlte (= subjektive) Sicherheit beschnittene Männer zu einem leichtfertigen Verhalten (Verzicht auf Kondome, Treue oder Enthaltsamkeit) verleiten könnte. Zudem stellt die Beschneidung selbst gerade in Ländern der Dritten Welt ein erhebliches gesundheitliches Risiko dar, da vielerorts sterile Bedingungen beim Beschneiden fehlen und die Beschneidung so selbst zur Quelle einer Infektionskrankheit (oder mehrerer – zum Beispiel HIV) werden kann. Konsens ist, dass das Infektionsrisiko keinesfalls auf null fällt, so dass Beschneidung nicht als Ersatz für Safer-Sex-Verhaltensweisen fungieren kann.<ref>Vorlage:Webarchiv (englisch).</ref> Scharf kritisiert werden auch Beschneidungen an nicht einwilligungsfähige Personen wie Kleinkinder bzw. Säuglinge, was die Rechte von Kindern verletzt und häufig ohne Betäubung durchgeführt wird.<ref name=":2" /> Da der Erfolg der Beschneidungskampagnen an Erwachsenen gering ist, wurden zusätzlich auch Kinder involviert.

Eine südafrikanische Studie aus dem Jahr 2008 kommt zudem zu dem Fazit, dass Beschneidungen keinen Einfluss auf die Übertragbarkeit von HIV haben; sie stellt damit die WHO-Empfehlung in Frage.<ref>C. Connolly, L. C. Simbayi, R. Shanmugam, A. Nqeketo: Male circumcision and its relationship to HIV infection in South Africa: Results of a national survey in 2002. In: South African Medical Journal. 2008 (englisch), PMID 19115756 (Vorlage:Webarchiv).</ref> Laut Zimbabwe Health Demographic Survey von 2011/2012 sei eine höhere HIV-Infektionsrate unter Beschnittenen zu verzeichnen, welche Blessing Mutede vom National Aids Council auf das falsche Gefühl der Sicherheit und dadurch verursachtes risikoreiches Verhalten zurückführt.<ref>Shamiso Yikoniko: Circumcised men not spared from HIV infection. In: The Sunday Mail. Zimbabwe, 7. Juli 2012; abgerufen am 25. Juli 2012.</ref> Ein USAID-Bericht von 2009 konnte keinen klaren Zusammenhang zwischen männlicher Beschneidung und der Verbreitung von HIV feststellen. Hierzu wurden Daten aus 15 afrikanischen Ländern, Kambodscha, Haiti und Indien ausgewertet. Während in acht Ländern Beschnittene relativ weniger häufig HIV-infiziert waren, wiesen die restlichen zehn Länder unter Beschnittenen eine höhere HIV-Verbreitung auf.<ref>USAid: Levels and Spread of HIV Seroprevalence and Associated Factors: Evidence from National Household Surveys. USAID DHS Comparative Reports Nr. 22, Februar 2009, S. Xii. (Volltext als PDF; 3,4 MB) Auf: measuredhs.com, abgerufen am 25. August 2012.</ref>

Der Pädiater Robert S. Van Howe und die Familienmedizinerin Michelle R. Storms kritisierten die „Zirkumzisionslösung“ als „verschwenderischen Wahnsinn“, der effektiveren, kostengünstigeren und weniger invasiven Alternativen Ressourcen entziehe. Die Beschneidungsprogramme werden ihrer Ansicht nach wahrscheinlich die Zahl der HIV-Infektionen erhöhen.<ref name="PMID28299046">R. S. Van Howe, M. R. Storms: How the circumcision solution in Africa will increase HIV infections. In: Journal of public health in Africa. Band 2, Nummer 1, März 2011, S. e4, doi:10.4081/jphia.2011.e4, PMID 28299046, Vorlage:PMC (Review).</ref> Brian J. Morris – ein selbsterklärter extremer Beschneidungs-Aktivist<ref name="PMID17935209">B. J. Morris: Why circumcision is a biomedical imperative for the 21(st) century. In: BioEssays: news and reviews in molecular, cellular and developmental biology. Band 29, Nummer 11, November 2007, S. 1147–1158, doi:10.1002/bies.20654, PMID 17935209 (Review).</ref> – und Mitautoren widersprachen dieser Prognose.<ref name="PMID28299069">B. J. Morris, J. H. Waskett, R. H. Gray, D. T. Halperin, R. Wamai, B. Auvert, J. D. Klausner: Exposé of misleading claims that male circumcision will increase HIV infections in Africa. In: Journal of public health in Africa. Band 2, Nummer 2, September 2011, S. e28, doi:10.4081/jphia.2011.e28, PMID 28299069, Vorlage:PMC (Review).</ref> Laut Vorstand und Geschäftsführung der Deutschen Aidshilfe sei intensive Aufklärung notwendig, um der Fehlannahme, man sei nach einer Beschneidung geschützt, entgegenzuwirken.<ref>Alles wird anders und alles bleibt gleich! – Die Bedeutung der HIV-Viruslast für die Prävention, 4. Juli 2008, ondamaris.de.</ref>

Bei Männern, die Sex mit Männern haben (MSM) wird ein protektive Effekt der Beschneidung als wahrscheinlich niedrig angesehen.<ref name=":1" /> Und selbst wenn das Risiko für heterosexuelle Männer gesenkt wird, so ist für dieses für deren Partnerinnen nach wie vor unverändert.<ref name=":1">Vorlage:Literatur</ref>

Übertragung weiterer Geschlechtskrankheiten

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Eine Zirkumzision hat keinen signifikanten Einfluss auf die Inzidenz und Prävalenz sexuell übertragbaren Erkrankungen (STI).<ref name=":0" />

Weiterhin wurde in Untersuchungen ein geringeres Risiko für beschnittene Männer festgestellt, an Ulcus molle zu erkranken.<ref name="Weiss101-110">H. A. Weiss, S. L. Thomas, S. K. Munabi, R. J. Hayes: Male circumcision and risk of syphilis, chancroid, and genital herpes: a systematic review and meta-analysis. In: Sexually Transmitted Infections. Band 82, 2006, S. 101–110, PMID 16581731 (englisch).</ref> In Bezug auf Syphilis und Herpes-simplex-Viren (HSV) gab es widersprüchliche Studienergebnisse, so dass eine relative Schutzwirkung durch Beschneidung für möglich gehalten wurde. In den Fällen von Gonorrhoe und Chlamydiose wurden keine Anzeichen für eine mögliche Schutzwirkung gefunden.<ref name="PMID27497811">B. Friedman, J. Khoury, N. Petersiel, T. Yahalomi, M. Paul, A. Neuberger: Pros and cons of circumcision: an evidence-based overview. In: Clinical microbiology and infection: the official publication of the European Society of Clinical Microbiology and Infectious Diseases. Band 22, Nummer 9, September 2016, S. 768–774, doi:10.1016/j.cmi.2016.07.030, PMID 27497811 (Review).</ref>

HPV-Infektionen

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Das Zervixkarzinom, auch Gebärmutterhalskrebs genannt, ist weltweit der zweithäufigste bösartige Tumor bei Frauen. Man geht davon aus, dass ein großer Teil der Gebärmutterhalskarzinome von humanen Papillomviren (HPV) verursacht wird. Darüber hinaus verursachen HPV Genitalwarzen (z. B. Feigwarzen), Vaginal-, Penis- und Analkarzinome, Basalzellenkrebs und Rachenkrebs (Oropharynxkarzinom). Zugleich werden die in der Penis-Vorhaut vorkommenden Langerhans-Zellen und CD4-Rezeptorzellen für die Übertragung von Viren beim Geschlechtsakt mitverantwortlich gemacht. Allerdings sind neben der Vorhaut auch der Penisschaft (Corpus penis), die Eichel (Glans penis), der Hodensack (Skrotum) und Urin an der HPV-Übertragung beteiligt.<ref name="PMID30799416">L. Sichero, A. R. Giuliano, L. L. Villa: Human Papillomavirus and Genital Disease in Men: What We Have Learned from the HIM Study. In: Acta cytologica. Band 63, Nummer 2, 2019, S. 109–117, doi:10.1159/000493737, PMID 30799416 (Review).</ref>

Die HPV-Prävention bzw. die Prävention von Gebärmutterhalskrebs erfolgt durch die HPV-Impfung.<ref name=":0" /> Die Leitlinie sieht betont, dass eine Weitergabe sexuell übertragbarer Krankheiten wie HPV durch eine Beschneidung nicht verhindert wird.

Peniskarzinom

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Das Peniskarzinom ist in der westlichen Welt ein seltener Tumor, der bei Männern im fortgeschrittenen Lebensalter (meist über 50 Jahre) auftritt. In Mitteleuropa und in den Vereinigten Staaten lag die Inzidenz in den 1990er Jahren bei 0,9 pro 100.000, in Australien bei 1 pro 250.000.<ref name="Schoeneich">G. Schoeneich, D. Heimbach, S. C. Müller: Peniskarzinom. In: Journal für Urologie und Urogynäkologie. Band 6 (1) (Ausgabe für Österreich), 1999, S. 16–27. Volltext. (PDF; 313 kB)</ref><ref name="RACP2010">The Royal Australasian College of Physicians: Circumcision of Infant Males. 2010, S. 13. Volltext. (PDF; 448 kB)</ref> Weltweit ist das Karzinom für weniger als 0,5 % der Krebsfälle bei Männern verantwortlich.<ref name="Larke">N. L. Larke, S. L. Thomas, Silva I. dos Santos, H. A. Weiss: Male circumcision and penile cancer: a systematic review and meta-analysis. In: Cancer Causes Control. August 2011, Band 22, Nr. 8, S. 1097–1110 / Epublikation 22 Juni 2011, PMID 21695385, Vorlage:PMC.</ref>

Einer systematischen Übersichtsarbeit nebst Metaanalyse aus dem Jahre 2011 zufolge, ist eine fortbestehende Phimose einer der stärksten Risikofaktoren für das Auftreten eines Peniskarzinoms. Die Phimose führt wahrscheinlich zur Smegmaansammlung und wiederholten Entzündungen, welche wiederum das Risiko für Peniskrebs erhöhen. Männer, die in der Kindheit oder im Erwachsenenalter beschnitten wurden, hatten in der Metaanalyse ein wesentlich geringeres Risiko für das invasive Peniskarzinom. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Zirkumzision in der Kindheit oder im Erwachsenenalter vor diesem Karzinom schützt. Eine Zirkumzision eliminiert das Phimoserisiko, den Schutzeffekt führen die Autoren teilweise auf den Effekt der Zirkumzision bezüglich Phimoserisiko zurück.<ref name="Larke" />

Die aktuelle S2k-Leitlinie weist ausdrücklich darauf hin, dass nur im Falle solcher medizinischen Indikationen (z. B. auch bei Lichen sclerosus) die Beschneidung indiziert ist – jedoch nicht pauschal als Präventionsmaßnahme im Kindesalter.<ref name=":0" /> Statistisch gesehen müsste man über 320.000 Zirkumzisionen mit entsprechenden Komplikationsraten durchführen, um ein Peniskarzinom zu verhindern. Daher empfiehlt das RKI die HPV-Impfung zur Risikoreduktion HPV assoziierter Malignome.

Nach nicht sachgerecht durchgeführter, ritueller Beschneidung in Saudi-Arabien wurde in einigen Fällen die Entwicklung eines Karzinoms ausgehend von der Zirkumzisionsnarbe beobachtet.<ref>N. K. Bissada, R. R. Morcos, M. el-Senoussi: Post-circumcision carcinoma of the penis. I. Clinical aspects. In: Journal of Urology. 1986, S. 135, S. 283–285, PMID 3944860.</ref><ref>R. M. Seyam, N. K. Bissada, A. Mokhtar, W. Mourad, M. Aslam, N. Elkum: Outcome of penile cancer in circumcised men. In: Journal of Urology. 2006, Band 175, Nr. 2, S. 557–561, doi:10.1016/S0022-5347(05)00234-X, PMID 16406995.</ref>

Weitere Motive

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Hirsuties papillaris penis

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Als Hirsuties papillaris penis werden weißliche, hautfarbene oder rötliche warzenartige Bildungen bezeichnet, die am Eichelrand bis hin zum Vorhautbändchen des Penis des Menschen vorkommen. Etwa 10 bis 20 % der männlichen Bevölkerung sind von diesem harmlosen anatomischen Atavismus betroffen. Die Papillen bilden sich im Laufe der geschlechtlichen Entwicklung aus, vorwiegend in der Pubertät. Sie gelten aus medizinischer Sicht als nicht behandlungsbedürftig, können von den Betroffenen jedoch als ästhetisches Problem wahrgenommen werden. Hinzu kommen Befürchtungen, es handele sich womöglich um eine Geschlechtskrankheit und die Partnerin könnte ablehnend reagieren.<ref name="PMID27316776">A. S. Aldahan, T. K. Brah, K. Nouri: Diagnosis and Management of Pearly Penile Papules. In: American journal of men’s health. Band 12, Nummer 3, 05 2018, S. 624–627, doi:10.1177/1557988316654138, PMID 27316776, Vorlage:PMC.</ref>

Hirsuties papillaris penis wird häufiger bei unbeschnittenen Männern beobachtet. Der diesem Befund zugrundeliegende Mechanismus ist ungeklärt. Als Erklärung könnte die auf dem Eichelrand aufliegende Vorhaut mit einhergehender Smegmabildung infrage kommen. In einer Studie aus dem Jahr 2009 trat Hirsuties papillaris penis bei beschnittenen Männern seltener auf. Auch konnte ein Rückgang der Papillen nach Durchführung der Zirkumzision im späteren Lebensalter beobachtet werden.<ref>K. Agha, S. Alderson, S. Samraj, A. Cottam, C. Merry, V. Lee, R. Patel: Pearly penile papules regress in older patients and with circumcision. In: International Journal of STD & AIDS. November 2009, Band 20, Nr. 11, S. 768–770. PMID 19833692.</ref>

Weibliche Präferenz aus weiblicher sowie aus männlicher Sicht

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Zur Präferenz von Frauen veröffentlichten Brian Morris et al. 2019 eine systematische Übersichtsarbeit, welche die Ergebnisse von 29 Studien aus den USA, Australien und verschiedenen Ländern Europas und Afrikas auswertete. In der überwiegenden Mehrheit der Studien drückten die teilnehmenden Frauen eine Präferenz für den beschnittenen Penis aus. Die Hauptgründe für diese Präferenz waren Aussehen, Hygiene, reduziertes Infektionsrisiko und Empfinden bei Vaginalverkehr, manueller Stimulation und Fellatio. Frauen können zudem die Entscheidung für eine Beschneidung erheblich beeinflussen, bei Söhnen, Brüdern, anderen männlichen Familienmitgliedern und Freunden. In Studien, in denen die Motive von Müttern für die Beschneidung ihrer Söhne untersucht wurden, wurden Gesundheit, Krankheitsvorbeugung und Hygiene als Hauptgründe genannt.<ref>B. J. Morris, C. A. Hankins, E. R. Lumbers et al.: Sex and Male Circumcision: Women’s Preferences Across Different Cultures and Countries: A Systematic Review. In: Sexual medicine. 2019, Band 7, Nr. 2, S. 145–161, doi:10.1016/j.esxm.2019.03.003.</ref>

Bei einer 2005 veröffentlichten Umfrage unter philippinischen Jungen gaben 11 % der Teilnehmer an, dass ein Grund für die Beschneidung darin bestand, dass Frauen gerne mit einem beschnittenen Mann Geschlechtsverkehr haben. In der kenianischen Provinz Nyanza glaubten im Jahr 2005 55 % der unbeschnittenen Männer, dass Frauen Sex mit beschnittenen Männern mehr genießen würden. Diese Überzeugung war stark mit der Präferenz verbunden, beschnitten zu werden. 2003 gab etwa die Hälfte der Männer aus dem Distrikt Westonaria, Südafrika, an, dass Frauen beschnittene Partner bevorzugen.<ref>World Health Organization, UNAIDS: Male circumcision – Global trends and determinants of prevalence, safety and acceptability. (Volltext als PDF; 2,0 MB) 2007, ISBN 978-92-4-159616-9, S. 7.</ref>

Soziale Anpassung

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Der Wunsch nach Anpassung ist eine wichtige Motivation für die Beschneidung in einem Umfeld, in dem die Mehrheit der Jungen beschnitten ist. Eine Umfrage in Denver (USA) ergab, dass Eltern von Neugeborenen, insbesondere Väter, soziale Gründe als Hauptmotiv für die Entscheidung zur Beschneidung anführten. Zum Beispiel, wollten sie den Sohn nicht anders als die anderen Jungen aussehen lassen. 90 % der beschnittenen Väter wollten ihren Sohn beschneiden lassen, verglichen mit 23 % der nicht beschnittenen Väter. In einer Umfrage auf den Philippinen, wo die Beschneidung typischerweise im Alter von 10 bis 14 Jahren stattfindet, gaben zwei Drittel der Jungen an, sich nur für die Beschneidung entschieden zu haben, „um nicht unbeschnitten zu sein“. 41 % begründeten, die Beschneidung sei „Teil der Tradition“. In einer südkoreanischen Studie befürchteten 61 % der Befragten, dass sie von ihrem sozialen Umfeld verspottet würden, wenn sie sich nicht beschneiden lassen würden.<ref>World Health Organization, UNAIDS: Male circumcision – Global trends and determinants of prevalence, safety and acceptability. (Volltext als PDF; 2,0 MB) 2007, ISBN 978-92-4-159616-9, S. 5.</ref>

Auswirkungen auf die Sexualität

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Die Zirkumzision führt, bedingt durch die Entfernung der stark innervierten Vorhaut<ref name="Taylor96">J. R. Taylor, A. Lockwood, A. Taylor: The prepuce: specialized mucosa of the penis and its loss to circumcision. In: British journal of urology. Februar 1996, S. 77(2), S. 291–295, doi:10.1046/j.1464-410X.1996.85023.x, PMID 8800902 (Volltext on-line).</ref> sowie die Keratinisierung der Eichel, zu einer herabgesetzten Sensibilität des Penis. Weiterhin wird die Reibungsmechanik während des Vaginalverkehrs beeinflusst. Inwieweit diese Veränderungen jedoch zu Einschränkungen der Sexualität beitragen oder diese positiv beeinflussen können, ist Gegenstand kontroverser wissenschaftlicher Debatten.

Einfluss auf die Sensibilität des Penis

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Die Vorhaut enthält zahlreiche Meissnersche Tastkörperchen, die durch Dehnung stimuliert werden. Auf diese Weise spielt die Vorhaut eine Rolle für die Sexualität des Mannes.<ref name="Taylor96" /><ref>C.J. Cold, J.R. Taylor: The prepuce In: British Journal of Urology. Januar 1999, Volume 83, Suppl. 1, S. 34–44. PMID 10349413 (Volltext on-line).</ref> Durch die Entfernung der Vorhaut ist die Eichel nicht mehr permanent bedeckt; sie kann durch den ständigen Kontakt mit der Luft sowie Reiben an der Kleidung an Empfindlichkeit verlieren. Auch durch Entfernen von Vorhaut und Frenulum selbst kann die Sensibilität herabgesetzt werden, da beide über zahlreiche Nervenenden verfügen.<ref>M. L. Sorrells, J. L. Snyder, M. D. Reiss, C. Eden, M. F. Milos, N. Wilcox, Van Howe RS: Fine-touch pressure thresholds in the adult penis. In: BJU International. Band 99, Heft 4, April 2007, PMID 17378847, S. 864–869 (Volltext als PDF; 144 kB).</ref> Nach einer belgischen Studie mit Befragung von 1.059 unbeschnittenen und 310 beschnittenen Männern wirkte sich eine Zirkumzision deutlich negativ auf den sexuellen Genuss und die Orgasmusintensität bei Reizung der Eichel aus.<ref name="PMID23374102">G. A. Bronselaer, J. M. Schober, H. F. Meyer-Bahlburg, G. T'Sjoen, R. Vlietinck, P. B. Hoebeke: Male circumcision decreases penile sensitivity as measured in a large cohort. In: BJU international. Band 111, Nummer 5, Mai 2013, S. 820–827, doi:10.1111/j.1464-410X.2012.11761.x, PMID 23374102 (Volltext als PDF).</ref><ref>Robert Bublak: Kommen Beschnittene beim Sex zu kurz?. In: URO-News. 2013, Band 17, Nr. 3 (Volltext als PDF) Auf: springer.com</ref>

Auch eine Beschädigung oder Entfernung des Frenulums im Zuge der Beschneidung kann kritisch betrachtet werden. Dieser Teil des Penis ist bei vielen Männern empfindsamer als die Eichel selbst.<ref>R. Crooks, K. Baur: Our Sexuality. 5. Auflage. The Benjamin / Cummings Publishing, Redwood City 1993, S. 129.</ref> Dies gilt sicherlich auch für den hochsensiblen Bereich der Vorhaut, in dem die äußere Haut in die innere Schleimhaut übergeht, der wie viele Schleimhautgrenzen eine hocherogene Zone ist.<ref name="Taylor96" />

Fälschlich wird gelegentlich eine Studie der amerikanischen Sexualforscher Masters und Johnson aus dem Jahre 1966 als Beleg dafür genannt, dass ein beschnittener Penis empfindsamer als ein unbeschnittener sei.<ref>Tim Hammond: Why Masters & Johnson’s 1966 Circumcision Study is Flawed. Juli 1998 Auf: noharmm.org.</ref>

Masturbation

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Kim und Pang ermittelten 2007 im Rahmen ihrer prospektiven Befragung von 373 sexuell aktiven Männern im Alter von 30 bis 57 Jahren, dass unter den zur Auswertung ausgewählten Antwortenden – das waren 138 nach dem 20. Lebensjahr beschnittene Männer mit sexueller Aktivität bereits vor der Zirkumzision – 48 % die Masturbation nach der Beschneidung als weniger lustvoll, 8 % als verstärkt lustvoll und 44 % keine Veränderung empfanden. Nach dem Eingriff hatten 63 % der Antwortenden Schwierigkeiten bei der Masturbation, 37 % erlebten sie hinterher als leichter. Bei 74 % dieser Männer war das sexuelle Vergnügen gleich geblieben, bei 20 % war es schlechter und bei 6 % war es besser. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass das Masturbationsvergnügen und das sexuelle Vergnügen nach der Beschneidung abgenommen habe, was darauf hinweise, Vorlage:".<ref name="kimpang">DaiSik Kim, Myung-Geol Pang: The effect of male circumcision on sexuality. In: BJU international. Band 99, Nr. 3, März 2007, S. 619–622, doi:10.1111/j.1464-410X.2006.06646.x, PMID 17155977.</ref> Willcourt kritisierte das Studiendesign als schlecht und verzerrend: Unter anderem fehlten alle Details über die Rekrutierung der Studienteilnehmer und es seien nur 138 der 373 Männer für die Auswertung ausgewählt worden.<ref>Robin Willcourt: The effect of male circumcision on sexuality. In: BJU International. Mai 2007, Band 99, Nr. 5, S. 1169–1170, Vorlage:DOI, PMID 17437447.</ref> Die American Academy of Pediatrics (AAP) verwies 2012 in ihrer Leitlinie zur männlichen Beschneidung auf die Studie, um festzustellen, dass eine „fair evidence“ für reduziertes Masturbationsvergnügen nach Zirkumzision im Erwachsenenalter vorläge. Der Evidenzgrad „fair“ steht im Bewertungssystem der AAP für die methodisch zweitniedrigste Qualität bei vier Qualitätsstufen der berücksichtigten Arbeiten.<ref name="AAP 2012">American Academy of Pediatrics – Task Force on Circumcision: Male Circumcision. In: Pediatrics. Band 130, Nr. 3, 1. September 2012, S. e756–785 (englisch; doi:10.1542/peds.2012-1990).</ref>

Geschlechtsverkehr

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Sexuelle Zufriedenheit und Orgasmusfähigkeit

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Untersuchungen legen nahe, dass die Sensibilität der Eichel nach einer Beschneidung abnimmt.<ref name="Fink">K. S. Fink, C. C. Carson, R. F. DeVellis: Adult Circumcision Outcomes Study: Effect on Erectile Function, Penile Sensitivity, Sexual Activity and Satisfaction. In: Journal of Urology. Mai 2002, Band 167, Nr. 5, S. 2113–2116, PMID 11956453 (Volltext Auf: cirp.org).</ref><ref name="PMID19849961">Lisa Easton, Seth C. Kalichman: Behavioral aspects of male circumcision for the prevention of HIV infection. In: Current HIV/AIDS Reports. November 2009, Band 6, Nr. 4, S. 187–193. doi:10.1007/s11904-009-0025-9, PMID 19849961.</ref> 1983 dokumentierte Money u. a. den Verlust von Dehnungsrezeptoren in der Vorhaut und des Frenulums und eine damit einhergehende Verminderung der sexuellen Reaktion, wodurch die Fähigkeit des beschnittenen Mannes, Erektionen zu erreichen, eingeschränkt sei, und in der Folge eine erektile Dysfunktion als mögliche Komplikation der männlichen Beschneidung auftreten könne.<ref>J. Money, J. Davison: Adult penile circumcision: Erotosexual and cosmetic sequelae. In: Journal of Sex Research. 1983, Band 19 S. 289–292 (Volltext auf: cirp.org).</ref>

Für Männer spielt die Vorhaut aufgrund ihrer Erogenität eine bedeutende Rolle in ihrem Sexualleben (so ist mitunter durch ihre alleinige Stimulation ein Orgasmus möglich).<ref>Vorlage:Webarchiv (englisch).</ref> In einer von Morten Frisch u. a. 2011 im International Journal of Epidemiology (IJE) veröffentlichten und in Dänemark durchgeführten, umfangreichen Querschnittstudie, bei der 1893 unbeschnittene und 203 beschnittene Männer befragt wurden, zeigte sich für beschnittene Männer ein größeres Risiko für Anorgasmie. Da mittels robuster Schätzverfahren ein Einfluss von psychischen Faktoren ausgeschlossen wurde, führen die Autoren den Effekt auf die verringerte Sensibilität des Penis von Beschnittenen zurück.<ref name="Frisch11">Morten Frisch, Morten Lindholm, Morten Grønbæk: Male circumcision and sexual function in men and women: a survey-based, cross-sectional study in Denmark. In: International Journal of Epidemiology. Oktober 2011, S. 40(5), S. 1367–1381, doi:10.1093/ije/dyr104, PMID 21672947.</ref><ref name="PMID29381458">S. Dave, K. Afshar, L. H. Braga, P. Anderson: Canadian Urological Association guideline on the care of the normal foreskin and neonatal circumcision in Canadian infants (full version). In: Canadian Urological Association journal = Journal de l’Association des urologues du Canada. Band 12, Nummer 2, Februar 2018, S. E76–E99, doi:10.5489/cuaj.5033, PMID 29381458, Vorlage:PMC.</ref> In einem Leserbrief kritisierten Brian Morris, Jake Waskett und Ronald Gray diese Studie hinsichtlich ihrer Methodik und bezüglich der Autorenschlussfolgerung. Die geringe Beteiligung (5395 Männer wurden eingeladen und nur 2096 letztlich interviewt) könne zu einer Selbstselektion führen. Auch bedürften einige der eingesetzten statistischen Verfahren einer genauen Prüfung. Die von Frisch u. a. unterstellte verringerte Sensibilität des beschnittenen Penis sei ohne Nachweis und zudem fragwürdig, weil für medizinische Zirkumzisionen in Dänemark die Vorhaut gar nicht vollständig entfernt wird. Der Tenor des Artikels stimme überein mit dem von Frisch unter „Interessenkonflikte“ erklärten Engagement als Beschneidungsgegner.<ref>Brian J. Morris, Jake H. Waskett, Ronald H. Gray: Does sexual function survey in Denmark offer any support for male circumcision having an adverse effect? In: International Journal of Epidemiology. Februar 2012, S. 41 (1), S. 310–326, doi:10.1093/ije/dyr180, PMID 22422464.</ref> In der ebenfalls veröffentlichten Antwort wies Frisch diese Kritik ausdrücklich zurück. Die Studie sei unter Verwendung der gängigen epidemiologischen und statistischen Methoden durchgeführt worden, die auch dem Peer-Review-Prozess des international anerkannten und hochrangigen IJE standgehalten hätten. Zudem ließe eine Vollbeschneidung aufgrund des Gewebeverlustes einen noch viel größeren Sensibilitätsverlust erwarten als eine Teilbeschneidung. Die von Morris u. a. vorgebrachte Kritik lasse sich vielmehr dadurch erklären, dass die Ergebnisse der Studie von Frisch u. a. nicht in die Agenda der Beschneidungsbefürworter und Aktivisten Morris und Waskett passten. Morris habe zunächst versucht, die Veröffentlichung der Studie durch einen Bruch der Regeln des Peer-Review-Prozesses und durch den Aufbau von Druck auf die Editoren des IJE zu verhindern, sei damit jedoch gescheitert.<ref>Morten Frisch: Author’s Response to: Does sexual function survey in Denmark offer any support for male circumcision having an adverse effect? In: International Journal of Epidemiology. Februar 2012, S. 41 (1), S. 312–314, doi:10.1093/ije/dyr181</ref>

In der Studie von Solinis und Yiannaki (2007) antworteten 65 % der 123 befragten, beschnittenen Männer, nun länger bis zur Ejakulation zu benötigen, nur 10 % davon empfanden dies jedoch als tatsächliche Verbesserung.<ref name="Solinis">I. Solinis, A. Yiannaki: Does circumcision improve couple’s sex life? In: Journal of Men's Health & Gender. 2007, Band 4, Nr. 3, S. 361 (Volltext).</ref> Eine multinationale Studie ergab 2005 im Durchschnitt eine Dauer von 6,7 Minuten bis zur Ejakulation bei Vaginalverkehr für Beschnittene gegenüber 6,0 Minuten für unbeschnittene Männer, dieser Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant.<ref name="Waldinger">M. D. Waldinger, P. Quinn, M. Dilleen, R. Mundayat, D. H. Schweitzer, M. Boolell: A multinational population survey of intravaginal ejaculation latency time. In: The journal of sexual medicine. Juli 2005, Band 2, Nummer 4, S. 492–497, Vorlage:ISSN. doi:10.1111/j.1743-6109.2005.00070.x, PMID 16422843.</ref>

Im Rahmen einer über zwei Jahre laufenden Studie bei Erwachsenen in Uganda blieb bei Beschnittenen der Anteil derer, die mit ihrem Sexualleben zufrieden waren, mit 98,4 % beinahe gleich groß wie vor der Zirkumzision (98,5 %), bei den intakten Kontrollgruppen stieg die Zufriedenheit dagegen von 98,0 % auf 99,9 %. In der Kontrollgruppe berichteten nur 0,1 % von Erektions- oder Ejakulationsschwierigkeiten, bei Beschnittenen war der Anteil dreimal so hoch.<ref name="Kigotzi">G. Kigozi, S. Watya, C. B. Polis, D. Buwembo, V. Kiggundu, M. J. Wawer, D. Serwadda, F. Nalugoda, N. Kiwanuka, M. C. Bacon, V. Ssempijja, F. Makumbi, R. H. Gray: The effect of male circumcision on sexual satisfaction and function, results from a randomized trial of male circumcision for human immunodeficiency virus prevention, Rakai, Uganda. In: BJU International. Januar 2008, Band 101, Nr. 1, S. 65–70, doi:10.1111/j.1464-410X.2007.07369.x, PMID 18086100. Kommentiert von Jelto J. Drenth (Volltext) und Marwan Daar (Volltext)</ref> Kim und Pang ermittelten im Rahmen ihrer Befragung von 138 schon vor der Beschneidung sexuell aktiven Männern bei 6 % der Antwortenden eine Verbesserung ihres Sexuallebens, 20 % gaben eine Verschlechterung an.<ref name="kimpang" /> In der Studie von Solinis und Yiannaki (2007) mit 123 beschnittenen Männern gaben 16 % eine Verbesserung und 35 % eine Verschlechterung an.<ref name="Solinis" />

Bei einer 2013 veröffentlichten Studie, in deren Rahmen über 1300 Männer in Belgien anonym befragt wurden, berichteten die Teilnehmer von geringerer Orgasmusintensität und verringertem Lustempfinden am beschnittenen Penis sowie dass es anstrengender sei, überhaupt zum Orgasmus zu kommen. Die Probleme betrafen sowohl die Eichel als auch den Penisschaft.<ref name="Bronselaer">Guy A. Bronselaer, Justine M. Schober, Heino F.L. Meyer-Bahlburg, Guy T'Sjoen, Robert Vlietinck, Piet B. Hoebeke: Male circumcision decreases penile sensitivity as measured in a large cohort. In: BJU International Online. 4. Februar 2013, doi:10.1111/j.1464-410X.2012.11761.x, PMID 23374102.</ref><ref name="Bublak">Robert Bublak: Beschneidung kostet Sex-Spaß. In: Ärzte Zeitung online vom 19. Februar 2013, abgerufen am 3. März 2013.</ref>

Ejakulationskontrolle

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Die Annahme einer Wirksamkeit der Zirkumzision gegen vorzeitigen Samenerguss fand teilweise empirische Bestätigung in einer türkischen Studie, in der 42 Männer untersucht wurden. Die Beschneidung fand im Erwachsenenalter statt (die Männer waren zwischen 19 und 28 Jahren alt), 39 Männer ließen sich aus religiösen Gründen beschneiden, 3 aus kosmetischen Gründen. Untersucht und befragt wurden die Männer vor der Beschneidung und wenigstens 12 Wochen nach der Beschneidung. Es ergaben sich keine signifikanten Funktionsunterschiede, aber im Mittel war die Zeit bis zum Samenerguss signifikant verlängert.<ref>T. İ. Şenkul, C. İşeri, K. Karademir, F. Saraçoğlu, D. Erden: Circumcision in adults: effect on sexual function. In: Urology. 2004, Band 63, Nr. 1), S. 155–158, doi:10.1016/j.urology.2003.08.035.</ref>

Bei einer britischen Studie an 84 Männern, die bereits vor Durchführung der Studie aufgrund medizinischer Indikation (meist Phimose oder genitaler Lichen sclerosus) beschnitten worden waren, stellten 64 % der Teilnehmer keine Veränderung hinsichtlich vorzeitigem Samenerguss nach erfolgter Beschneidung fest, 13 % eine Verbesserung und 33 % eine Verschlechterung.<ref name="Masood05">Masood: Penile Sensitivity and Sexual Satisfaction after Circumcision: Are We Informing Men Correctly? In: Urologia Internationalis. 2005, Band 75, S. 62–66, doi:10.1159/000085930.</ref>

Eine andere Studie im Umfeld der HIV-Prävention bei heterosexuellen Hoch-Risiko-Populationen an 2684 zufällig ausgewählten Männern in Kenia zum Thema sexuelle Funktion und sexuelles Vergnügen fand, dass es für beschnittene Männer eher möglich zu sein scheint, den Zeitpunkt der Ejakulation selbst zu steuern beziehungsweise hinauszuzögern. Gleichzeitig konnte ein Großteil der beschnittenen Männer von einem sehr viel empfindlicheren („much more sensitive“) Penis berichten, oder davon, den Orgasmus sehr viel („much more“) leichter erreichen zu können.<ref>J. N. Krieger, S. D. Mehta, R. C. Bailey, K. Agot, J. O. Ndinya-Achola, C. Parker, S. Moses: Adult Male Circumcision: Effects on Sexual Function and Sexual Satisfaction in Kisumu, Kenya. In: The Journal of Sexual Medicine. November 2008, Band 5, Nr. 11, / Epublikation: 28 August 2008, S. 2610–2622, PMID 18761593.</ref>

Auswirkung auf die Geschlechtspartnerin

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1999 ergab O’Haras postalische Befragung von Frauen, die über Magazin-Anzeigen und einen Anti-Beschneidungsnewsletter unter der Prämisse rekrutiert wurden, sowohl über Erfahrungen mit beschnittenen als auch mit unbeschnittenen Sexualpartnern zu verfügen, dass die Antwortenden mehrheitlich Vaginalverkehr mit einem intakten Penis bevorzugten.<ref name="O’Hara">K. O’Hara, J. O’Hara: The effect of male circumcision on the sexual enjoyment of the female partner. In: BJU International. Januar 1999, Band 83, Supplement 1, S. 79–84, PMID 10349418 (Volltext in Englisch).</ref> 2008 fanden Cortés-González et al. per Befragung von 19 Frauen eine signifikant verringerte vaginale Lubrikation nach der Beschneidung des Partners. Keine statistisch signifikanten Unterschiede fanden die Autoren hingegen bezüglich der allgemeinen sexuellen Befriedigung, des Schmerzes während der vaginalen Penetration, des sexuellen Verlangens und des vaginalen Orgasmus.<ref>J. Cortés-González, J. Arratia-Maqueo, L. Gómez-Guerra: Does circumcision has an effect on female’s perception of sexual satisfaction? In: Revista de Investigación Clínica. Band 60, Nr. 3, 2008, S. 227, PMID 18807735.</ref> 2011 zeigten Morten Frisch et al. eine höhere Inzidenz für Orgasmusprobleme und Dyspareunie, wenn der Mann beschnitten war.<ref name="Frisch11" />

Hingegen berichtete in einer Studie aus dem Jahr 2009 die überwältigende Mehrheit der befragten ugandischen Frauen (97,1 %), dass sie nach der Beschneidung ihres männlichen Partners entweder keine Veränderung oder eine Verbesserung der sexuellen Befriedigung erfahren haben. Die Autoren schlossen daraus, dass die männliche Beschneidung keine schädlichen Auswirkungen auf die weibliche sexuelle Befriedigung hat.<ref>G. Kigozi, I. Lukabwe, J. Kagaayi, M. J. Wawer, B. Nantume, G. Kigozi, …, R. Ridzon: Sexual satisfaction of women partners of circumcised men in a randomized trial of male circumcision in Rakai, Uganda. In: BJU international. 2009, Band 104, Nr. 11, S. 1698–1701, doi:10.1111/j.1464-410X.2009.08683.x.</ref> Eine Studie mit Luo-Frauen in Kenia, deren Männer sich im Erwachsenenalter zum Zwecke der HIV-Prävention beschneiden ließen, ergab 2002, dass die befragten Teilnehmerinnen den Geschlechtsverkehr nach der Zirkumzision als erfüllender empfanden.<ref>Bailey, Muga, Poulussen, Abich: The acceptability of male circumcision to reduce HIV infections in Nyanza Province, Kenya. In: AIDS Care. Februar 2002, Band 14, Nr. 1, S. 27–40 (Volltext in Englisch).</ref> Williamson zeigte 2007 eine größere Präferenz von US-amerikanischen Frauen, Fellatio und/oder manuelle Stimulation auszuführen, wenn der Mann beschnitten ist.<ref name="Williamson">M. L. Williamson, P. S. Williamson: Women’s preferences for penile circumcision in sexual partners. In: Journal of Sex Education and Therapy. 1988, Band 14, doi:10.1080/01614576.1988.11074930 (Volltext in Englisch) Auf: circlist.com</ref>

Indirekte Effekte scheinen eine entscheidende Rolle zu spielen: Hygienische Einstellungen sowie vorgefasste Meinungen durch Sozialisierung beeinflussen das Urteil der Partnerin bezüglich der Beschneidung und können einen größeren Einfluss auf ihr Lustempfinden haben als die mechanisch-physiologisch bedingten Veränderungen, wie Befragungen in Kenia und Malawi ergaben.<ref>C. Hankins: Male circumcision: implications for women as sexual partners and parents. In: Reproductive Health Matters. 2007, Band 15, Nr. 29, S. 62–67, PMID 17512377 (Volltext als PDF).</ref>

Eine systematische Übersichtsarbeit aus 2019 wertete sieben Studien zur sexuellen Befriedigung und Funktion bei Frauen mit Kontakt zu beschnittenen Männern aus. Die Autoren bezeichneten die Ergebnisse als komplex und unentschieden. Als mögliche Gründe hierfür nannten sie Einflüsse von Kenntnissen, Gefühlen und Glaubensüberzeugungen zu möglichen Schutzwirkungen einer Beschneidung. Außerdem sei von Stichprobenverzerrung und methodischen Unklarheiten bei den Studien auszugehen, die ihre Qualität und Interpretation zu einer besonderen Herausforderung machten. Afrikanische Studien bewerteten die Autoren als vergleichsweise aussagekräftig. Dieser Evidenz zufolge ist nach der männlichen Beschneidung in Subsahara-Afrika die sexuelle Zufriedenheit unter weiblichen Partnern nicht verringert.<ref name="PMID30357642">J. M. Grund, T. S. Bryant, C. Toledo, I. Jackson, K. Curran, S. Zhou, J. M. Del Campo, L. Yang, A. Kivumbi, P. Li, N. Bock, J. Taliano, S. M. Davis: Association of Male Circumcision with Women’s Knowledge of its Biomedical Effects and With Their Sexual Satisfaction and Function: A Systematic Review. In: AIDS and behavior. Band 23, Nr. 5, Mai 2019, S. 1104–1114, doi:10.1007/s10461-018-2313-0, PMID 30357642, Vorlage:PMC.</ref>

Mögliche Probleme und Komplikationen durch die Beschneidung

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Datei:Skin bridge glans.jpg
Durch Beschneidung hervorgerufene postoperative Hautbrücke
Datei:Hautnekrose nach Beschneidung.JPG
Hautnekrose nach Beschneidung beim Kind
Datei:Einblutung nach Beschneidung.JPG
Einblutung nach Beschneidung beim Erwachsenen

Zirkumzisionen implizieren eine signifikante Komplikationsrate.<ref name="Leitlinien Phimose" /> Sie wird je nach Definition zwischen 0,06 % und 55 % angegeben<ref>Canadian Paediatric Society: Vorlage:Webarchiv In: CMAJ. 1996, Band 154, Nr. 6, S. 769–780.</ref> oder zwischen 2 % und 10 % geschätzt.<ref name="PMID8242285">N. Williams, L. Kapila: Complications of circumcision. In: The British Journal of Surgery. Band 80, Nummer 10, Oktober 1993, Vorlage:ISSN, S. 1231–1236, PMID 8242285 (Review).</ref> Auch Todesfälle, insbesondere nach der Beschneidung von Neugeborenen, bei denen schon geringer Blutverlust Lebensgefahr bedeutet, kommen vor.<ref>Circumcision and Information Resource Pages: Circumcision Deaths, abgerufen am 9. Juli 2012.</ref><ref>Baby’s Death Renews Debate Over a Circumcision Ritual. In: New York Times. 7. März 2012, abgerufen am 9. Juli 2012.</ref><ref name="kilburn">Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref name="bbc-2012-11-27">Vorlage:Internetquelle</ref>

Medizinische Komplikationen

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Schmerzen und postoperative Beschwerden

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Der Eingriff verursacht Schmerzen; diese können einige Tage anhalten. Zur Schmerzbehandlung gibt es zum einen Oberflächenanästhetika wie Lidocain (EMLA) und Benzocain, die als Creme oder Salbe auf die Haut aufgetragen werden, zum anderen eine Leitungsanästhesie des Nervus dorsalis penis per Injektion. Zahlreiche klinische Studien sowie systematische Übersichtsarbeiten der Cochrane Collaboration konnten zeigen, dass eine Oberflächenanästhesie zwar eine Schmerzlinderung herbeiführt, eine wirksame und effektive Schmerzbehandlung jedoch nur mit einer Leitungsanästhesie erreicht werden kann.<ref>B. Brady-Fryer, N. Wiebe, J. A. Lander: Pain relief for neonatal circumcision. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. 2004, Band 18, Nr. 4, S. CD004217, doi:10.1002/14651858.CD004217.pub2.</ref><ref>M. J. O’Sullivan, B. Mislovic, E. Alexander: Dorsal penile nerve block for male pediatric circumcision--randomized comparison of ultrasound-guided vs anatomical landmark technique. In: Paediatr Anaesth. Band 21, Nr. 12, 2011, S. 1214–1218. doi:10.1111/j.1460-9592.2011.03722.x</ref><ref>M. Butler-O’Hara, C. LeMoine, R. Guillet: Analgesia for neonatal circumcision: a randomized controlled trial of EMLA cream versus dorsal penile nerve block. In: Pediatrics. Band 101, Nr. 4, 1998, S. E5, PMID 9521971.</ref><ref>J. Lander, B. Brady-Fryer, J. B. Metcalfe, S. Nazarali, S. Muttitt: Comparison of ring block, dorsal penile nerve block, and topical anesthesia for neonatal circumcision: a randomized controlled trial. In: JAMA. 1997, Band 278, Nr. 24, S. 2157-2162, doi:10.1001/jama.1997.03550240047032, PMID 9417009.</ref><ref>A. Taddio, K. Ohlsson, A. Ohlsson: Lidocaine-prilocaine cream for analgesia during circumcision in newborn boys. In: Cochrane Database of Systematic Reviews. Band 2, 2000, S. CD000496. Review. PMID 10796371.</ref> Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hat die Indikation der Betäubungssalbe EMLA für die Neugeborenenbeschneidung widerrufen.<ref>Arzneimittelinformationen des Bundes und der Länder - Änderung der Gebrauchs- und Fachinformation vom 22. Juli 2013 - Abrufbar unter pharmnet-bund.de</ref><ref name="sz-1747655-2">Vorlage:Internetquelle</ref>

Weitere akute Komplikationen, wie sie bei jedem operativen Eingriff auftreten können, sind Blutungen und Infektionen durch unsterile Wundversorgung. Weiterhin ist ein postoperativer Wundschmerz möglich sowie Schmerzen beim Urinieren. Nach der Operation kann sich störendes Reiben an der Kleidung bemerkbar machen; nach einigen Tagen oder Wochen nimmt diese Empfindung bei der Mehrzahl der Operierten ab.

Meatusstenose

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Vorlage:Hauptartikel

Meatusstenose bezeichnet die krankhafte Verengung der Harnröhrenöffnung, welche überwiegend bei Säuglingen und Kleinkindern auftritt. Sie stellt eine der häufigsten Komplikationen infolge der Säuglingsbeschneidung dar.<ref name="Howe06">R. S. Van Howe: Incidence of meatal stenosis following neonatal circumcision in a primary care setting. In: Clinical Pediatrics. Band 45, Nr. 1, 2006, S. 49–54, PMID 16429216.</ref><ref name="medscapesteno">Meatal Stenosis – Medscape Reference.</ref> Eine Studie aus dem Jahr 2006 fand Meatusstenosen ausschließlich bei vorher beschnittenen Jungen.<ref name="Howe06" /> Die Inzidenzraten nach einer Beschneidung liegen um die 10 %.<ref name="medscapesteno" /><ref>A. Stenram, G. Malmfors, L. Okmian: Circumcision for phimosis: a follow-up study. In: Scandinavian journal of urology and nephrology. Band 20, Nr. 2, 1986, S. 89, PMID 3749823.</ref> Eine Urodynamische Untersuchung sollte, mit Abstand zur Beschneidung, als Nachuntersuchung durchgeführt werden. Unbehandelt kann eine Meatusstenose, durch erhöhten Fließwiderstand und Harnverhaltung, zu Folgeerkrankungen der Harnorgane wie Hydronephrose und vesikorenaler Reflux führen.<ref>M. Joudi, M. Fathi, M. Hiradfar: Incidence of asymptomatic meatal stenosis in children following neonatal circumcision. In: Journal of Pediatric Urology. Band 7, Nr. 5, 2010, S. 526–528, PMID 20851685.</ref>

Knotenbildung der Venen

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Die dorsale Vene (Vena dorsalis penis superficialis), die beim Mann an der Spitze der Vorhaut beginnt, wird bei der Beschneidung in der Regel, jedoch nicht notwendigerweise, durchtrennt und verästelt sich mit der Zeit neu. Dies kann Knoten entstehen lassen. Erfahrene Operateure klemmen diese Vene deshalb im Zuge der Beschneidung gesondert ab und vernähen ihren Stumpf, um solchen Knoten vorzubeugen.

Verwachsungen

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Weiterhin kann es zu einer Verwachsung zwischen der Haut der Eichel mit der umliegenden Penishaut kommen, wodurch eine Hautbrücke entsteht, die bei Bedarf eine ambulant-operative Nachkorrektur erforderlich macht.<ref name="PMID12463295">S. A. Naimer, R. Peleg u. a.: Office management of penile skin bridges with electrocautery. In: The Journal of the American Board of Family Practice. Band 15, Nummer 6, November-Dezember 2002, Vorlage:ISSN, S. 485–488, PMID 12463295.</ref><ref>R. S. van Howe: Variability in penile appearance and penile findings: a prospective study. In: Britisch Journal of Urology. Band 80, Nummer 5, S. 776–782 (englisch).</ref>

Eine solche Korrektur ist ebenfalls dringend angeraten, wenn die verbleibende Schafthaut im Zuge der Beschneidung nach dem Abtragen des inneren Vorhautblattes eng an oder sogar auf den Eichelkranz genäht wird, was vor allem bei Kleinkindbeschneidungen durch wenig geübte Operateure gelegentlich vorkommt. Die dadurch möglicherweise entstehenden Hauttaschen können zu Entzündungen und vor allem zu Behinderungen beim Geschlechtsverkehr führen. Zudem ist das Ergebnis, selbst nach operativer Korrektur, eine Beschädigung des Eichelkranzes, die sich sowohl in der Sensibilität als auch im kosmetischen Ergebnis irreversibel negativ auswirkt.

Herpes-Risiko

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Das jüdisch-orthodoxe Ritual Metzitzah B'peh (Saugen des Blutes vom Penis des Babys mit dem Mund) ist in den Vereinigten Staaten umstritten, weil es in mehreren Fällen zu Infektionen mit Herpes simplex Typ 1 (HSV-1), Hirnschäden und Tod geführt hat.<ref>New York City Departement of Health and Mental Hygiene: Circumcision. Before the Bris: How to Protect Your Baby Against Infection. Vorlage:Webarchiv</ref>

Nach Schätzungen der amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers for Disease Control and Prevention werden innerhalb der rund 250.000 Mitglieder umfassenden Gemeinschaft ultra-orthodoxer Juden in New York pro Jahr etwa 3.600 Neugeborene der traditionellen Art des Eingriffs unterzogen.<ref name="NYTimes_2012-06-13" /> Der Appell von Michael Bloomberg im Jahr 2005, dem Bürgermeister New Yorks, sich von dieser Praxis zu distanzieren, wurde mit der Begründung, die oral-genitale Beschneidung sei sicher, abgelehnt.<ref name="tagesspiegel-6806704">Vorlage:Internetquelle</ref>

Der letzte bekannte Fall von Herpes durch Metzitzah B'peh wurde 2019 bekannt.<ref>nyc.gov (PDF; 160 kB)</ref> Zwischen 2000 und 2015 sind in den USA mehr als ein Dutzend Babys erkrankt und 2 gestorben.<ref>nytimes.com</ref>

Nekrose

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Vorlage:Hauptartikel

Die Nekrose der Eichel kann als Ergebnis einer Kauterisationsverletzung bei der Gomco-Technik oder wegen einer Distalverschiebung eines Plastibell-Rings falscher Größe auftreten. Milde Fälle von Nekrose können mit lokaler Wundversorgung und topischen Antibiotika behandelt werden, schwerere Fälle chirurgisch. Selten sind Einzelfallberichte über eine komplette Nekrose der Glans und des Penis, wo nach mehreren Reparaturversuchen eine Geschlechtsumwandlung durchgeführt wurde.<ref name="Krill">A. J. Krill, L. S. Palmer, J. S. Palmer: Complications of circumcision In: Scientific World Journal. Nummer 11, S. 2458–2468, doi:10.1100/2011/373829, PMID 22235177, Vorlage:PMC.</ref> Im Fall des David Reimer wurde 1966 der Penis bei einer medizinisch indizierten Zirkumzision durch Elektrokauterisation irreparabel verletzt. Seine Eltern entschieden sich daher auf Rat des Sexualwissenschaftlers John Money, eine geschlechtsverändernde Operation durchführen zu lassen und das Kind als Mädchen zu erziehen.<ref>J. Money: Ablatio Penis: Normal Male Infant Sex-Reassigned as a Girl. In: Archives of Sexual Behaviour. Band 4, Nr. 1, 1975, S. 65–71.</ref> Gearhart und Rock berichteten 1989 über vier Fälle von Zirkumzision mittels Elektrokauterisation, bei denen nach der initialen Verletzung zunächst der Penis amputiert und sodann eine feminisierende Genitoplastik vorgenommen wurde. Die Autoren bewerteten die früh feminisierende Genitoplastik als „exzellente Methode für die Rekonstruktion eines äußeren Genitals“ in solchen Fällen.<ref>J.P. Gearhart, J. A. Rock: Total ablation of the penis after circumcision with electrocautery: a method of management and long-term followup. In: Journal of Urology September 1989, Band 142, Nr. 3, S. 799–801, PMID 2769863.</ref> Kritisiert wurde diese Praxis früher Geschlechtsumwandlung nach Verletzung des männlichen Genitals 1997 von Diamond und Sigmundson.<ref>Milton Diamond, H. Keith Sigmundson: Sex Reassignment at Birth: A Long Term Review and Clinical Implications. In: Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine. 1997, Band 151, Nr. 3, S. 289–304, PMID 9080940 (Volltext on-line).</ref>

Versehentliche Amputationen

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Unbeabsichtigte Eichelamputationen treten extrem selten auf, sind aber eine verheerende Komplikation von Zirkumzisionsversuchen mit der Mogen-Klemme. Die Mogen-Klemme behindert die direkte Sicht des Chirurgen auf die Glans vor dem Einschneiden der Vorhaut.<ref name="Krill" /> Ben Chaim et al. fanden 2001 unter 19.478 in Israel durchgeführten und dokumentierten Neugeborenenbeschneidungen einen Fall von versehentlicher Teilamputation der Glans Penis. Die Beschneidung erfolgte durch einen Mohel.<ref>J. Ben Chaim, P. M. Livne, J. Binyamini, B. Hardak, D. Ben-Meir, Y. Mor: Complications of Circumcision in Israel: A One Year Multicentric Survey. In: The Israel Medical Association Journal. (IMAJ) Juni 2005, Band 7, Nr. 6, S. 368–70, PMID 15984378 (Volltext als PDF; 175 kB).</ref> Gluckman et al. berichteten 1995 über das erfolgreiche Wiederanfügen einer versehentlich amputierten Eichel. Die Verletzung trat während einer Neugeborenenbeschneidung mit Sheldon-Klemme auf.<ref>G. R. Gluckman, M. L. Stoller, M. M. Jacobs, B. A. Kogan: Newborn penile glans amputation during circumcision and successful reattachment. In: Journal of Urology. März 1995, Band 153, Nr. 3, Teil 1, S. 778–9, PMID 7861536.</ref>

Yilmaz et al. berichteten 1993 den Fall einer versehentlichen Penisamputation, zu der es während der rituellen Beschneidung eines 10-jährigen Jungen kam. Der Penis konnte erfolgreich wiederangefügt werden.<ref>A. F. Yilmaz, S. Sarikaya, S. Yildiz, R. Büyükalpelli: Rare complication of circumcision: penile amputation and reattachment. In: European Urology. 1993, Band 23, Nr. 3, S. 423–4, PMID 8508901.</ref> 2014 veröffentlichte eine Autorengruppe der medizinischen Hochschule Hannover eine retrospektive Analyse aller zwischen Januar 2005 und August 2012 stationär im Kinderkrankenhaus auf der Bult behandelten Komplikationen nach Zirkumzision und fand dabei unter anderem einen Fall von versehentlicher Penisamputation. Die insgesamt 83 wegen Komplikationen behandelten Patienten waren zuvor entweder in diesem Kinderkrankenhaus aus medizinischer Indikation oder in anderen Institutionen aus medizinischen oder religiösen Gründen zirkumzidiert worden.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Todesfälle

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Douglas Gairdner berichtete 16 bis 19 Todesfälle in England und Wales durch neonatale Beschneidungen in den 1940er Jahren.<ref name="cps.ca">Zitiert nach Canadian Paediatric Society: Position Statement: Neonatal circumcision revisited. 15. März 1996.</ref> Sydney Gellis bemerkte 1978, dass aus seiner Sicht mehr Todesfälle durch Komplikationen durch Beschneidung auftreten als Fälle von Peniskrebs.<ref name="cps.ca" /> Eine Studie aus dem Jahr 2018 untersuchte 200 Todesfälle aus den USA, die im Zeitraum zwischen 2001 und 2010 nach 9.833.110 neonatalen Beschneidungen im ersten Lebensmonat aufgetreten waren. Die Autoren wiesen darauf hin, dass die ermittelte Zahl von Todesfällen nicht einfach ursächlich auf die Zirkumzisionen zurückgeführt werden darf. Das Studiendesign ermögliche sowohl die Unter- als auch die Überzählung von Todesfällen aufgrund neonataler Beschneidungen. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass bei den verstorbenen Säuglingen oft unerkannte oder bereits bekannte Erkrankungen wie Herzkrankheiten, Gerinnungsstörungen, Hämophilie oder Lungenkrankheiten vorlagen, und schlussfolgerten, dass Eltern darüber umfangreicher aufgeklärt werden müssen, um Risiken zu minimieren.<ref>Brian D. Earp, Veerajalandhar Allareddy, Veerasathpurush Allareddy, Alexandre T. Rotta: Factors Associated With Early Deaths Following Neonatal Male Circumcision in the United States, 2001 to 2010. In: Clinical Pediatrics. Band 57, 13, November 2018, S. 1532–1540, doi:10.1177/0009922818790060, PMID 30066572.</ref> Nach Auswertung epidemiologischer Daten aus 15 Ländern fand Eran Elhaik 2019 Unterstützung für einen statistischen Zusammenhang zwischen neonatalen Zirkumzisionen, Frühgeburten und dem plötzlichen Kindstod.<ref>Eran Elhaik: Neonatal circumcision and prematurity are associated with sudden infant death syndrome (SIDS) In: Journal of Clinical and Translational Research. 10. Januar 2019, Band 4, Nr. 2, s. 136–151, PMID 30873502.</ref>

In Afrika kommt es zu zum Teil drastischen Anzahlen von Todesopfern durch rituelle Beschneidungsfeiern:

Sonstige Risiken und Komplikationen

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In der medizinischen Fachliteratur finden sich Dokumentationen verschiedener Erkrankungen und Fehlbildungen, meist in Form von Fallberichten, die mit unterschiedlicher Inzidenz infolge einer Zirkumzision auftreten können. Es handelt sich überwiegend um seltene Probleme, die oft durch eine nicht sachgerechte Durchführung bedingt sind.

Die Beschneidung kann zu Harnverhaltung mit akutem Nierenversagen,<ref>J. D. Eason, M. McDonnell, G. Clark: Lesson of the Week: Male ritual circumcision resulting in acute renal failure. In: BMJ: British medical journal. 1994, Band 309, Nr. 6955, S. 660–661, doi:10.1136/bmj.309.6955.660.</ref> einer Glomerulonephritis (eine Entzündung der Nierenkörperchen),<ref>V. Tasic, M. Polenakovic: Acute poststreptococcal glomerulonephritis following circumcision. In: Pediatric Nephrology. Band 15, Nr. 3, 2000, S. 274–275, doi:10.1007/s004670000451.</ref> Granuloma<ref>E. Kocakoc, A. Kazez, A. F. Dagli, M. Koc: Postcircumcision Granuloma. In: Journal of ultrasound in medicine. Band 25, Nr. 12, 2006, S. 1611–1613, PMID 17121960.</ref><ref name="Yegane" /><ref>S. A. Naimer, A. Cohen, D. Vardy: Pyogenic granuloma of the penile shaft following circumcision. In: Pediatric dermatology. Band 19, Nr. 1, 2002, S. 39–41, PMID 11860569.</ref> oder auch einem staphylogenen Lyell-Syndrom<ref>D. Annunziato, L. M. Goldblum: Staphylococcal scalded skin syndrome: A complication of circumcision. In: Archives of Pediatrics and Adolescent Medicine. Band 132, Nr. 12, 1978, S. 1187, PMID 717333.</ref> führen.

Mögliche Fehlbildungen infolge der Beschneidung sind die Penishypoplasie (ein Schrumpfpenis)<ref>A. A. Esen, G. Aslan, H. Kazımoğlu, D. Arslan, I. Celebi: Concealed penis: rare complication of circumcision. In: Urologia internationalis. Band 66, Nr. 2), 2001, S. 117–118, PMID 11223758.</ref><ref>S. Yildirim, T. Aköz, M. Akan: A rare complication of circumcision: concealed penis. In: Plastic and reconstructive surgery. Band 106, Nr. 7, 2000, S. 1662, PMID 1112920.</ref><ref>J. B. Chaim, P. M. Livne, J. Binyamini, B. Hardak, D. Ben-Meir, Y. Mor: Complications of circumcision in Israel: a one year multicenter survey. In: Israel Medical Association Journal. Band 7, 2005, S. 368–370, PMID 15984378.</ref> oder eine Induratio penis plastica (Penisschiefstellung).<ref name="Yegane">R. A. Yegane, A. R. Kheirollahi, N. A. Salehi, M. Bashashati, J. A. Khoshdel, M. Ahmadi: Late complications of circumcision in Iran. In: Pediatric surgery international. Band 22, Nummer 5, 2006, S. 442–445, doi:10.1007/s00383-006-1672-1.</ref>

Psychische Folgeprobleme

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Laut Goldman (1999) birgt die Beschneidung eines Kindes das Risiko, dass das Kind bewusste und/oder unbewusste psychische Traumata erleidet. Mit der Beschneidung einhergehende Schmerzen, Stress sowie erlebter Kontrollverlust könnten sich negativ auf seine psychische Entwicklung auswirken. So zeigten sich Auffälligkeiten im Verhalten sechs Monate nach dem Eingriff, auch könne die Beziehung zwischen Mutter und Kind beeinträchtigt werden, insbesondere wenn die Beschneidung im Säuglingsalter stattfindet, das entwicklungspsychologisch in die hochsensible Phase der Bildung der Mutter-Kind-Bindung fällt (siehe auch Bindungstheorie).<ref>Goldman: The psychological impact of circumcision. In: BJU International. Band 83, Nr. 1, 1999, S. 93–102, doi:10.1046/j.1464-410x.1999.0830s1093.x.</ref>

Timm Hammond, Menschenrechtsaktivist und Gründer der beschneidungskritischen Organisation NOHARMM, publizierte 1999 im British Journal of Urology die Resultate einer von NOHARMM im Rahmen eines Dokumentationsprojektes zwischen 1993 und 1996 organisierten Befragung von beschnittenen, männlichen US-Amerikanern. 94 % der 546 Teilnehmer wurden in der Kindheit beschnitten. Unter anderem ergab die Befragung bei 50 % der Teilnehmer ein niedriges Selbstwertgefühl beziehungsweise das Gefühl von Minderwertigkeit gegenüber „intakten“ Männern.<ref>Timm Hammond: A Preliminary Poll of Men Circumcised in Infancy or Childhood. In: British Journal of Urology International. Band 83, Nummer S1, Januar 1999, S. 85–92. doi:10.1046/j.1464-410x.1999.0830s1085.x, PMID 10349419.</ref>

Eine Untersuchung von 2020 ergab beim Vergleich von 408 Männern, die im ersten Lebensmonat beschnitten worden waren, mit 211 unbeschnittenen Männern ein geringeres Gefühl von Sicherheit in sozialen Bindungen und eine geringere emotionale Stabilität bei den Beschnittenen.<ref name="PMID33299934">A. Miani, G. A. Di Bernardo, A. D. Højgaard, B. D. Earp, P. J. Zak, A. M. Landau, J. Hoppe, M. Winterdahl: Neonatal male circumcision is associated with altered adult socio-affective processing. In: Heliyon. Band 6, Nummer 11, November 2020, S. e05566, doi:10.1016/j.heliyon.2020.e05566, PMID 33299934, Vorlage:PMC.</ref>

Kontroversen um die Beschneidung Minderjähriger

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Beschneidungskritik in früherer Zeit

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Schon in der Antike regte sich Widerspruch gegen die Beschneidung, welche zu jener Zeit ausschließlich von den Hebräern praktiziert wurde. Im Zuge der Hellenisierung wurde die Vorhaut als integraler und wünschenswerter Bestandteil der menschlichen Anatomie betrachtet, die hebräische Tradition der Beschneidung stand im Widerspruch dazu. Während die Beschneidung anfangs als kulturelle Eigenart einer Minderheit mit Befremden betrachtet, aber geduldet wurde, kam es 132 n. Chr. unter dem Kaiser Hadrian zu einem Verbot der Beschneidung. Dieses Gesetz wurde zirka 140 in den Pandekten unter Antoninus Pius dahingehend modifiziert, dass für Hebräer Ausnahmeregelungen galten, die legale Beschneidungen ermöglichten.<ref>F. M. Hodges: The ideal prepuce in ancient Greece and Rome: male genital aesthetics and their relation to lipodermos, circumcision, foreskin restoration, and the kynodesme. In: Bulletin of the History of Medicine. Band 75, Nr. 3, 2001, S. 375–405, PMID 11568485.</ref>

Im 19. Jahrhundert kam es zu verstärkter Kritik an der Beschneidung. Die Praktik wurde zunehmend als archaische, rückständige Tradition betrachtet, welche in der durch Wissenschaft und Aufklärung geprägten Moderne keinen Platz mehr hätte. Der britische Anthropologe John Lubbock, 1. Baron Avebury beschrieb die Beschneidung der Juden als ein Zeichen der „diesem Volk innewohnenden Barbarei“. Der Mediziner und Kanzler der Universität Tübingen, Johann Heinrich Ferdinand Autenrieth, sah in der Beschneidung einen primitiven Akt, der von seiner Ansicht nach kulturell niedrigstehenden Völkern wie Juden und Schwarzafrikanern praktiziert werde. In der Debatte über den Sinn der Beschneidung formulierte er, wie auch andere, die These vom Surrogat (Ersatz) für ein Menschenopfer.<ref name="Gilman-2016" /> Der italienische Arzt Paolo Mantegazza, der im späten 19. Jahrhundert als eine „Standardquelle“ zum Wesen der menschlichen Sexualität galt, ließ sich über die „Verstümmelung der Genitalien“ unter „wilden Völkern“ aus, worin er die Juden einschloss. Die Beschneidung „bei gebildeten Völkern“ sei „eine Infamie und eine Schande“. An die Juden appellierte er:

Vorlage:Zitat Auch der finnische Soziologe Edvard Westermarck betrachtete die Beschneidung als „Verstümmelung des Geschlechtsorgans“. Gemeinsam mit Auguste Forel vertrat er den Standpunkt, dass „die Absicht der Anregung des sexuellen Appetits“ verbunden mit dem „hygienischen Vorteil“ einen Anteil bei der Überführung der Beschneidung in einen Ritus hatte.<ref name="Gilman-2016" />

Beschneidungskritik in der Gegenwart

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Während die Zirkumzision bei Erwachsenen (eingeschränkt auch bei Jugendlichen) unter informierter Einwilligung kein ethisches Problem darstellt,<ref name="Benatar" /> ist der Eingriff bei Kindern Gegenstand zahlreicher Kontroversen. Hauptstreitpunkte sind ethische Aspekte wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit („genital integrity“) unter der Voraussetzung der mangelnden Einwilligungsfähigkeit des Kindes, die Gewichtung von medizinischen Vorteilen gegenüber Risiken und Komplikationen sowie der daraus erwachsenden Folgekosten für das Gesundheitssystem sowie die potentiellen Folgen und Auswirkungen auf die Sexualität des Mannes sowie dessen Partnerin.<ref name="Vawda">Y. Vawda, L. Maqutu: Neonatal circumcision–violation of children’s rights or public health necessity? In: South African Journal of Bioethics and Law. Band 4, Nr. 1, 2011, S. 36–42.</ref><ref name="Hellsten">S. K. Hellsten: Rationalising circumcision: from tradition to fashion, from public health to individual freedom—critical notes on cultural persistence of the practice of genital mutilation. In: Journal of Medical Ethics. Band 30, Nr. 3, 2004, S. 248, doi:10.1136/jme.2004.008888.</ref><ref name="Milos92" /> Diese Debatten werden in der Fachliteratur verschiedener Disziplinen, hauptsächlich der Medizin und Physiologie, Medizinethik und Rechtsethik sowie der Kulturanthropologie ausgetragen.

Da, im Gegensatz zu Mitteleuropa, in den USA ein hoher Anteil der Männer beschnitten ist, finden sich dort auch die heftigsten Kontroversen zwischen Befürwortern und Gegnern der Zirkumzision. Es existieren verschiedene Organisationen, die sich die Abschaffung der indikationslosen Beschneidung Minderjähriger zur Aufgabe gemacht haben. Als erste beschneidungskritische Gruppe wurde 1985 die National Organization of Circumcision Information Resource Centers (NOCIRC) gegründet. 2008 wurde eine gemeinsame internationale Kampagne der beschneidungskritischen Gruppen NORM-UK (National Organization of Restoring Men) und FORWARD (Foundation for Women’s Health, Research and Development) unter dem Titel „Genital Autonomy“ lanciert, die sich gegen jede Form der Beschneidung von Jungen oder Mädchen richtet, sofern diese nicht medizinisch erforderlich ist.<ref>Genders Unite for Genital Autonomy – It’s a Personal Choice; London, 3. September 2008. genitalautonomy.org (englisch)</ref> Die Kampagne kritisiert insbesondere die WHO-Empfehlung zur Zirkumzision im Rahmen der HIV-Prävention (siehe oben).<ref>Vorlage:Webarchiv (englisch).</ref>

Die im Jahr 2012 durch ein Urteil des Landgerichts Köln angestoßene deutsche Beschneidungsdebatte geht auf den Rechtswissenschaftler Holm Putzke zurück.<ref>Holm Putzke: Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben. Zugleich ein Beitrag über die Grenzen der Einwilligung in Fällen der Personensorge. In: Festschrift für Rolf Dietrich Herzberg. Tübingen 2008, S. 669–709 (Volltext als PDF; 7,1 MB).</ref> Er sieht die Beschneidung von Kindern als erheblichen körperlichen Eingriff, der zu sehr verharmlost werde. Das Gesetz untersage bereits leichte körperliche Bestrafungen. Dann müsse die Beschneidung als irreversibler Eingriff in die körperliche Selbstbestimmung erst recht verboten sein.

In einem gemeinsamen Aufruf forderten mehr als 700 Mediziner und Juristen, darunter die Hochschullehrer Matthias Franz, Holm Putzke, Maximilian Stehr und Hans-Georg Dietz, Bundesregierung und Bundestagsabgeordnete auf, das, was ihrer Meinung nach das Kindeswohl ist, in den Mittelpunkt zu rücken: „Es herrscht eine bemerkenswerte Verleugnungshaltung und Empathieverweigerung gegenüber den kleinen Jungen, denen durch die genitale Beschneidung erhebliches Leid zugefügt wird“.<ref name="faz-11827590">Vorlage:Internetquelle</ref>

Die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin e. V. (DAKJ) sprach sich am 25. Juli 2012 gegen eine Beschneidung von Minderjährigen aus religiösen und rituellen Gründen aus.<ref>Vorlage:Webarchiv oder Vorlage:Webarchiv</ref> Gleiches tat die Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).<ref>Presseerklärung (4. Juli 2012) zu dem Urteil des Landgerichts Köln (zur Rechtswidrigkeit der medizinisch nicht indizierten Zirkumzision bei nicht einwilligungsfähigen Knaben) – Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).</ref> Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte äußerte sich am 23. August 2012 nach der Sitzung des Nationalen Ethikrates mit „Unverständnis und Entsetzen“ („Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit zählt offenbar nicht!“).<ref>Recht eines Kindes auf körperliche Unversehrtheit zählt offenbar nicht! Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.</ref>

Am 9. September 2012 fand in Berlin eine Demonstration von 250 bis 500 Mitgliedern religiöser Gemeinschaften statt, welche sich für den Erhalt der Straffreiheit von rituellen Knabenbeschneidungen einsetzen.<ref>Hunderte demonstrieren für Beschneidungen – Deutsche Welle.</ref> Nach Ansicht von einigen jüdischen Vertretern bringe die deutsche Beschneidungsdebatte einen neuen Antisemitismus zum Ausdruck und sei vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus zu betrachten.<ref>Der gute alte Antisemitismus. In: Jüdische Allgemeine.</ref> Für die Europäische Rabbinerkonferenz ist das Kölner Urteil „der schwerste Angriff auf jüdisches Leben seit dem Holocaust“. Sie warf Beschneidungskritikern vor, „die Sprache der Menschenrechte“ als „neue Sprache des Antisemitismus zu missbrauchen“.<ref>Die neue Sprache des Antisemitismus ist die Sprache der Menschenrechte. In: Telepolis. (online), 25. November 2012.</ref> Auch der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn bestätigte, dass sich gerade in der Beschneidungskontroverse exemplarisch gezeigt habe, „wie verdichtet und zugleich tief verankert antisemitische Ressentiments in den psychischen Strukturen“ von Antisemiten seien.<ref>Samuel Salzborn: Globaler Antisemitismus. Eine Spurensuche in den Abgründen der Moderne. 2. Auflage, Beltz Juventa, Weinheim 2020, S. 181</ref>

Am 12. September 2012 forderten die Deutsche Kinderhilfe, der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und Terre des Femmes von Bundesregierung und Bundestag ein zweijähriges Moratorium und die Einrichtung eines Runden Tisches zum Thema rituelle Knabenbeschneidungen vor einer Gesetzesänderung.<ref name="aerzteblatt-51634">Vorlage:Internetquelle</ref> Der Deutsche Richterbund begrüßte hingegen die Bundestagsresolution zum Gesetzgebungsvorhaben.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Mangelnde Einwilligungsfähigkeit der Betroffenen

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Da Kinder selbst nicht in medizinische Eingriffe einwilligen können, steht in Deutschland die Einwilligungsbefugnis in medizinisch indizierte Eingriffe den Eltern im Rahmen der Elterlichen Sorge als gesetzliche Vertreter zu.

Diese Einwilligungsbefugnis der Eltern ist bei medizinisch notwendigen Eingriffen weithin unbestritten, wird jedoch bei medizinisch nicht indizierten Beschneidungen von Kritikern der Beschneidung als Eingriff in die körperliche Unversehrtheit und dauerhafte körperliche Veränderung abgelehnt.<ref>R. Cruz, L. B. Glick, J. W. Travis: Circumcision as Human-Rights Violation: Assessing Benatar and Benatar. In: The American Journal of Bioethics. Band 3, Nr. 2, 2002, S. 19–20, doi:10.1162/152651603766436351.</ref><ref name="Hellsten" /><ref name="Milos92" /><ref name="Hodges">F. M. Hodges: Prophylactic interventions on children: balancing human rights with public health. In: Journal of Medical Ethics. Band 28, Nr. 1, 2002, S. 10–16, doi:10.1136/jme.28.1.10.</ref><ref>D. A. Canning: Informed consent for neonatal circumcision: An ethical and legal conundrum. In: Journal of Urology. 168 (4), 2002, S. 1650–1651, PMID 12356070.</ref><ref>G. Hill: Can Anyone Authorize the Nontherapeutic Permanent Alteration of a Child’s Body? In: The American Journal of Bioethics. Band 3, Nr. 2, 2003, S. 16–18, doi:10.1162/152651603766436342.</ref>

In Deutschland wurde 2012 die medizinisch nicht erforderliche Beschneidung männlicher Kinder durch Ergänzung des Familienrechts explizit erlaubt. Das widerspricht nach Meinung der Rechtsanwältin Claudia Holzner dem Grundgesetz und der herrschenden Meinung zur Wirksamkeit einer Einwilligung in eine Körperverletzung.<ref name="Förderverein Medizinrecht">C. Holzner: Überblick über die Diskussion "Stellungnahme zu dem Referentenentwurf eines Gesetzes des Bundesjustizministeriums vom 1. Oktober 2012 über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes". In: foerderverein-medizinrecht.de. (2012)</ref>

Mögliche gesundheitliche Vorteile einer Beschneidung<ref>M. Fox, M. Thomson: A covenant with the status quo? Male circumcision and the new BMA guidance to doctors. In: Journal of Medical Ethics. Band 31, 2004, S. 463–469, doi:10.1136/jme.2004.009340.</ref><ref>G. J. Boyle, G. Hill: Circumcision-generated emotions bias medical literature. In: BJU international. Band 109, Nr. 4, 2012, S. E11–E11, doi:10.1111/j.1464-410X.2012.10917.x.</ref><ref name="Van Howe">R. S. Van Howe: Is neonatal circumcision clinically beneficial? Argument against. In: Nature Clinical Practice Urology. Band 6, Nr. 2, 2009, S. 74–75, doi:10.1038/ncpuro1292.</ref> werden größtenteils erst mit Beginn der Geschlechtsreife relevant; Kritiker halten einen Eingriff davor für überflüssig, sofern keine akute medizinische Notwendigkeit vorliegt. Sie verweisen auf die mit der Beschneidung verbundenen Schmerzen<ref name="Boyle et al.">Vorlage:Literatur</ref> sowie die (möglichen) Einschränkungen des Sexuallebens.<ref name="Hellsten" /><ref name="Milos92">M. F. Milos, D. Macris: Circumcision: A medical or a human rights issue? In: Journal of Nurse-midwifery. Band 37, Nr. 2, 1992, S. S87–S96, PMID 1573462.</ref><ref name="Johnson">M. Johnson (2010): Male genital mutilation: Beyond the tolerable? In: Ethnicities. Band 10, Nr. 2, S. 181–207, doi:10.1177/1468796810361654.</ref>

Befürworter einer frühen Beschneidung verweisen dagegen unter Berufung auf die WHO auf eine schmerzärmere Durchführung und geringere Komplikationsraten zu diesem Zeitpunkt. Auch argumentieren sie, dass die psychische Belastung bei einer Beschneidung während der Pubertät deutlich größer sei.<ref>Charlotte Knobloch: Die Brit Mila bleibt! In: Jüdische Allgemeine. 12. Juli 2012.</ref> Die Beschneidung im Erwachsenenalter störe das Leben des Betroffenen stärker und verursache einen höheren Verlust an Privatsphäre als die Beschneidung im Säuglingsalter. Der Betroffene müsse sich von der Arbeit befreien lassen und vorübergehend verschiedene sexuelle und andere Aktivitäten unterlassen. Die Beschneidung im Erwachsenenalter sei teuer, da sie in einem OP-Raum unter Anästhesie durchgeführt werden müsse.<ref>Allan J. Jacobs: The ethics of circumcision of male infants. In: Israel Medical Association Journal. Januar 2013, Band 15, Nr. S. 160–165, PMID 23484246.</ref>

Die Ansicht, dass Babys und Kleinkinder kein oder ein geringer ausgeprägtes Schmerzempfinden haben, ist jedoch wissenschaftlich widerlegt<ref name="Anand1987">Vorlage:Cite journal</ref><ref name="NPCGPed2006">Vorlage:Cite journal</ref> und die Deutsche Schmerzgesellschaft weist darauf hin, dass der Eingriff nur mit adäquater Schmerzbehandlung durchgeführt werden soll.<ref name="Schmerzgesellschaft">Presseinformation (PDF; 182 kB) der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V.</ref>

Eine von der American Academy of Pediatrics einberufene Kommission für Bioethik sieht eine stellvertretende Einwilligung durch die Eltern als verbindlich an, wenn eine medizinische Notwendigkeit für den Eingriff besteht. Hingegen sollten Eingriffe, deren Unterlassung nicht mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist, auf ein späteres, einwilligungsfähiges Alter verschoben werden.<ref name="PMID10349416">R. S. Van Howe, J. S. Svoboda u. a.: Involuntary circumcision: the legal issues. In: BJU international. Band 83, Supplement 1, Januar 1999, Vorlage:ISSN, S. 63–73, PMID 10349416 (Review).</ref>

Religion und Kultur als Rechtfertigung der Beschneidung

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Die Frage, inwiefern die rituelle (durch Religion und Tradition begründete) Beschneidung im Sinne des Kindeswohls gerechtfertigt ist, wird ebenfalls kontrovers diskutiert.<ref name="Shaw09">David Shaw: Cutting through red tape: non-therapeutic circumcision and unethical guidelines. In: Clinical Ethics. Band 4, Nr. 4, 2009, S. 181–186 (Volltext als PDF), doi:10.1258/ce.2009.009029.</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref><ref name="HerzbergMedR">Rolf Dietrich Herzberg: Steht dem biblischen Gebot der Beschneidung ein rechtliches Verbot entgegen? In: Medizinrecht (MedR). Band 30, Nr. 3, 2012, S. 169–175, doi:10.1007/s00350-012-3099-0.</ref> Von Befürwortern wird die rituelle Beschneidung durch die Religionsfreiheit und das Erziehungsrecht der Eltern legitimiert: eine Erziehung im Sinne der Religion der Eltern sei im Interesse des Kindes. Dagegen wird eingewendet, dass unter die Religionsfreiheit auch eine Freiheit von Religion falle. Die Beschneidung Minderjähriger erfolgt vor deren Religionsmündigkeit, ob die Kinder später Religion und Ansichten der Eltern teilen, bleibt ungewiss.<ref>A. M. Viens: Value judgment, harm, and religious liberty. In: Journal of Medical Ethics.Band 30, Nr. 3, 2004, S. 241–247, doi:10.1136/jme.2003.003921.</ref> Das Recht der Eltern auf freie Religionsausübung müsse dort zurückgestellt werden, wo die Rechte des Kindes auf körperliche Unversehrtheit eingeschränkt werden.<ref>Rolf Dietrich Herzberg: Rechtliche Probleme der rituellen Beschneidung. In: JuristenZeitung (JZ), Band 7/2009, S. 332–339; Vorlage:Webarchiv</ref><ref name="HerzbergMedR" /> Bei dieser Argumentation wird nicht berücksichtigt, dass Artikel 14 II der UN-Kinderrechtskonvention (KRK) das Recht der Eltern garantiert, ihr Kind bei der Ausübung seiner Religionsfreiheit zu leiten. Soweit die Zirkumzision ein Zeichen der Zugehörigkeit zu einer religiös-kulturellen Minderheit darstellt, ist sie zudem durch Art. 30 KRK (Schutz der kulturellen Identität) ausdrücklich geschützt.<ref>Stefanie Schmahl: Kommentar zur UN-Kinderrechtskonvention mit Zusatzprotokollen (Handkommentar). Baden-Baden 2013, ISBN 978-3-8329-7650-7, Randnummer 7f zu Artikel 14.</ref>

Sirkku K. Hellsten, Philosophin an der University of Birmingham, sieht in religiösen und kulturellen Gründen für die Beschneidung (unabhängig vom Geschlecht) keine hinreichende Rechtfertigung für eine Einschränkung der körperlichen Unversehrtheit.<ref>S. K. Hellsten: Rationalising circumcision: from tradition to fashion, from public health to individual freedom – critical notes on cultural persistence of the practice of genital mutilation. In: Journal of Medical Ethics. Band 30, 2004, S. 248–253, doi:10.1136/jme.2004.008888.</ref> Der Bioethiker David M. Shaw zieht den Vergleich zu anderen religiös motivierten Formen der Körpermodifikation. Diese seien bei Kindern zu Recht verboten, obwohl sie in ihren Folgen oftmals weniger tiefgreifend seien; eine abweichende Behandlung/Privilegierung der Zirkumzision aus religiösen Gründen sei nicht zu rechtfertigen.<ref name="Shaw09" /> Der nichtjüdische deutsche Rechtswissenschaftler Rolf Dietrich Herzberg stellt die behauptete Notwendigkeit der rituellen Zirkumzision für die religiöse Zugehörigkeit in Islam und Judentum in Frage: zahlreiche jüdische Eltern würden ohne Identitätsverlust auf eine Beschneidung ihrer Kinder verzichten, die Beschneidung sei von vielen Gemeinden nicht als Voraussetzung für die „wohlwollende Aufnahme“ in die Gemeinschaft vorgegeben.<ref name="HerzbergZIS" />

Herzberg argumentiert auch, eine religiös begründete Gesetzesänderung würde die Frage unumgänglich machen, warum ähnlich religiös motivierte Eingriffe bei Mädchen, sofern sie wie bei den Schafi'iten auf die Klitorisvorhaut beschränkt sind,<ref>Thomas von der Osten-Sacken: Vorlage:Webarchiv In: Jungle World. 28. Juli 2012.</ref><ref>Ab. Rahman Isa, Rashidah Shuib & M. Shukri Othman: The practice of female circumcision among Muslims in Kelantan, Malaysia. In: Reproductive Health Matters. Band 7, Nummer 13, 1999, S. 137–144, doi:10.1016/S0968-8080(99)90125-8</ref> verboten bleiben sollten.<ref name="HerzbergZIS" /> Der Schweizer Jurist Sami Aldeeb erkennt im islamischen Recht keine stichhaltige Rechtfertigung für einen unterschiedlichen Umgang mit männlicher und weiblicher Beschneidung. Vor diesem Hintergrund kritisiert er die unterscheidende Bewertung in westlichen Staaten und von internationalen sowie Nichtregierungsorganisationen.<ref name="Aldeeb">Sami A. Aldeeb Abu-Sahlieh: Islamic Law and the Issue of Male and Female Circumcision In: Third World Legal Studies. Band 13, 1995, Artikel 4, S. 101. Volltext (PDF; 1,4 MB).</ref> (Siehe auch: Abgrenzung zur weiblichen Genitalverstümmelung)

Stefan Trapp, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Bremen, schätzt, dass ein Drittel der Familien ihre Kinder nicht aus religiösen Gründen, sondern wegen des Gruppenzwangs beschneiden lassen: „Wäre der Eingriff illegal, würde viel Druck von diesen Familien genommen. Das kommt in der Diskussion bislang aber gar nicht zur Sprache.“<ref name="lehn">Vorlage:Internetquelle</ref>

Gesundheitliche Folgen

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Als Argument für die Beschneidung werden verringerte Prävalenzen für verschiedene Krankheiten bei beschnittenen Männern angeführt (vgl. Abschnitt oben). Die Beschneidung wird von Befürwortern als vorbeugende Maßnahme gegen diese Krankheiten empfohlen;<ref name="Tobian">A. A. R. Tobian, R. H. Gray: The medical benefits of male circumcision. In: JAMA: The Journal of the American Medical Association. Band 306, Nr. 13, 2011, S. 1479–1480, doi:10.1001/jama.2011.1431.</ref> deren Argumente werden von Beschneidungs-Kritikern in Frage gestellt.<ref name="Van Howe" />

So finden sich geringere Übertragungsraten für einige sexuell übertragbare Erkrankungen (HIV, HPV), einhergehend mit der Empfehlung, die Beschneidung als eine Maßnahme der Krankheitsprävention einzusetzen. Dem wird entgegnet, dass mögliche positive Konsequenzen erst ab dem ersten Geschlechtsverkehr eintreten könnten, somit also keine Beschneidung im Kindesalter rechtfertigen,<ref>S. Rennie, A. S. Muula, D. Westreich: Male circumcision and HIV prevention: ethical, medical and public health tradeoffs in low-income countries. In: Journal of Medical Ethics. Band 33, 2007, S. 357–361, doi:10.1136/jme.2006.019901.</ref> und dass Safer Sex eine wesentlich sicherere – und nebenwirkungsfreie – Vorbeugungsmaßnahme ist.<ref>L. M. Carpenter, M. J. Casper: A Tale of Two Technologies. HPV Vaccination, Male Circumcision, and Sexual Health. In: Gender & Society. Band 23, Nr. 6, 2009, S. 790–816, doi:10.1177/0891243209352490.</ref><ref name="Hellsten" /><ref name="Johnson" /> Das Beschnitten-Sein erzeuge beim Beschnittenen eine Illusion der Sicherheit, die ihn dazu verleite, keine Vorkehrungsmaßnahmen gegen sexuell übertragbare Krankheiten zu ergreifen oder zu praktizieren.<ref name="Vawda" /><ref name="Hellsten" /> So dokumentierte eine Studie im Jahr 2000, dass beschnittene Männer mit geringerer Wahrscheinlichkeit bereit sind, Kondome zu benutzen.<ref>G. A. Bensley, G. J. Boyle: Physical, sexual and psychological effects of male infant circumcision: an exploratory survey. In: G. C. Denniston, F. M. Hodges, M. F. Milos (Hrsg.): Understanding circumcision: A multi-disciplinary approach to a multidimensional problem. Kluwer / Plenum, New York 2000, S. 207–239.</ref> Zudem schützt im Beispiel HIV die Beschneidung nicht Sexualpartnerinnen vor einer Ansteckung.

Bezüglich des verringerten Risikos für Peniskrebs wird eingewandt, dass die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung sehr gering ist (0,5 % aller Krebsfälle), Peniskrebs fast ausnahmslos Männer über 50 Jahre trifft und somit keine indikationslose Beschneidung im Kindesalter rechtfertigt.<ref name="Milos92" /> Laut Gellis sterben jährlich mehr Menschen an Komplikationen im Rahmen der Zirkumzision als an Peniskrebs.<ref>C. C. Gellis: Circumcision. In: American Journal of Diseases of Childhood. Band 132, Nr. 12, 1978, S. 1168–1169, PMID 717329.</ref>

Befürworter einer gesetzlichen Klarstellung zugunsten der Beschneidung (zum Beispiel Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der GRÜNEN im deutschen Bundestag), wiesen darauf hin, dass den Säuglingen oder Jungen noch höhere Risiken drohen, wenn andere als Ärzte sie beschneiden. Sie prophezeiten einen „Beschneidungstourismus“ für den Fall, dass die Beschneidung in Deutschland verboten würde.

Beschneidungsgegner verweisen unter anderem auf zahlreiche Todesfälle nach Beschneidungen.<ref>Circumcision Information and Resource Pages (CIRP): Circumcision Deaths Auf: cirp.org</ref>

Kritiker argumentieren: Die Vorhaut ist nicht ein nutzloses Stück Haut, sondern im Gegenteil einer der empfindungsfähigsten Bereiche des Penis. Zudem ist die Vorhaut dazu da, die Eichel vor Austrocknung und Verhornung zu schützen und empfindsam zu halten. Die Amputation der Vorhaut führt auf mehreren Wegen zu deutlichen Sensibilitätseinbußen.

Abgrenzung zur weiblichen Genitalverstümmelung

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Der Begriff weibliche Genitalverstümmelung (seltener: ‚Vaginalverstümmelung‘) subsumiert Eingriffe, bei denen Strukturen der Vulva dauerhaft verändert werden. Diese Eingriffe sind in der Regel traditionell-rituell motiviert (z. B. Initiationsritus); sie werden von zahlreichen internationalen Organisationen wie den Vereinten Nationen, UNICEF, Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen und der WHO als Verletzung des Menschenrechts auf körperliche Unversehrtheit kritisiert. Viele dieser Organisationen unterstützen Projekte, die bewirken sollen, dass diese Beschneidungen verboten oder nicht mehr durchgeführt werden. In vielen westlichen Ländern ist weibliche Genitalverstümmelung jeder Art strafbar. Bei beiden Geschlechtern werden Beschneidungen aus rituellen Gründen vorgenommen (und/oder seltener, um ein Genital im Sinne eines Schönheitsideals „schöner“ zu machen). Die schädlichen Auswirkungen einer Vaginalbeschneidung auf Gesundheit und Sexualität werden in vielen Ländern als maßgeblich für eine moralische und rechtliche Verurteilung erachtet; die einer Zirkumzision dagegen nicht.<ref>Morayo Atoki: Should female circumcision continue to be banned? In: Feminist Legal Studies. Band 3, Nummer 2, 1995, S. 223–235, doi:10.1007/BF01104114.</ref><ref name="Johnson" /> Mehrere Autoren kritisieren diese generelle Ungleichbehandlung in der Bewertung der männlichen und weiblichen Beschneidung.

Die sehr negativen Folgen für Gesundheit und Sexualfunktion bei schweren Formen der weiblichen Genitalverstümmelung (wie Infibulation und Klitoridektomie) werden nicht in Frage gestellt; einige Autoren halten die männliche Beschneidung für durchaus vergleichbar mit weniger umfassenden Arten von Vaginalbeschneidungen.<ref name="Darby" /><ref name="Bell03" /><ref>H. Askola: Cut-Off Point? Regulating Male Circumcision in Finland. In: Int J Law Policy Family. Band 25, Nr. 1, 2011, S. 100–119, doi:10.1093/lawfam/ebq018.</ref><ref name="Benatar" /><ref name="Davis2003" /><ref>Debra L. DeLaet: Framing Male Circumcision as a Human Rights Issue? Contributions to the Debate Over the Universality of Human Rights. In: Journal of Human Rights. Band 8, Nummer 4, 2009, doi:10.1080/14754830903324795.</ref> Frauen besitzen mit der Klitorisvorhaut eine anatomisch analoge Struktur zur Vorhaut des Mannes.<ref>C. J. Cold, J. R. Taylor: The prepuce. In: BJU International. Band 83, 1999, S. 34–44, doi:10.1046/j.1464-410x.1999.0830s1034.x.</ref>

Die Entfernung der Klitorisvorhaut bei Minderjährigen, welche (auch in westlichen Ländern) erwachsene Frauen aus kosmetischen Motiven vornehmen lassen, gilt nach dem Definitionskriterium Typ Ia der WHO als ein Fall von Genitalverstümmelung.<ref>Classification of female genital mutilation. WHO; abgerufen am 4. September 2012.</ref> Entsprechend findet sich die Forderung, auch die Zirkumzision des Mannes als „männliche Genitalverstümmelung“ (Vorlage:EnS) zu werten.<ref name="Johnson" /><ref name="Hellsten" /><ref name="Darby">R. Darby, J. S. Svoboda: A Rose by Any Other Name? Rethinking the Similarities and Differences between Male and Female Genital Cutting. In: Medical Anthropology Quarterly. Band 21, 2007, S. 301–323, doi:10.1525/maq.2007.21.3.301.</ref> Bei der Einstufung der weiblichen Beschneidung als Menschenrechtsverletzung wird nicht nach Schwere und Umfang unterschieden.<ref>Rahman, Toubia: Female Genital Mutilation: A guide to laws and policies worldwide. Zed Books, 2000, ISBN 1-85649-773-9. “The act of cutting itself – the cutting of healthy genital organs for nonmedical reasons – is at its essence a basic violation of girls’ and women’s right to physical integrity. This is true regardless of the degree of cutting or of the extent of the complications that may or may not ensue”.</ref> Eine generelle rechtliche und ethische Ungleichbehandlung der Beschneidung von Männern und Frauen unabhängig von Umfang und Schwere des Eingriffs wird von verschiedenen Autoren kritisch hinterfragt<ref name="Benatar">Michael Benatar, David Benatar: Between Prophylaxis and Child Abuse: The Ethics of Neonatal Male Circumcision. In: The American Journal of Bioethics. 2003, Band 3, Nr. 2, S. 35–48, doi:10.1162/152651603766436216, PMID 12859815. Vorlage:Webarchiv.</ref><ref>C. R. Horowitz, J. C. Jackson: Female „circumcision“ – African women confront American medicine. In: Journal of general internal medicine. Band 12, 1997, S. 491–499, doi:10.1046/j.1525-1497.1997.00088.x.</ref><ref>L. M. Solomon, R. C. Noll: Male versus female genital alteration: Differences in legal, medical, and socioethical responses. In: Gender medicine. Band 4, 2007, S. 89–96, doi:10.1016/S1550-8579(07)80023-4.</ref><ref>S. Webber, T. Schonfeld: Cutting history, cutting culture: Female circumcision in the United States. In: The American Journal of Bioethics. Band 3, 2003, S. 65–66, doi:10.1162/152651603766436324.</ref><ref name="Davis2003">Dena Davis: Cultural Bias in Responses to Male and Female Genital Surgeries In: The American Journal of Bioethics. Band 3, Nr. 2, 2003, S. 15.</ref><ref name="Evans">M. Evans: Circumcision in boys and girls: why the double standard? In: BMJ: British medical journal. Band 342, 2011, S. d978, PMID 21325390.</ref> und als Verstoß gegen den Gleichheitssatz und Ausdruck von Doppelmoral kritisiert.<ref>A. Myers, J. Myers: Male circumcision – the new hope? In: South African Medical Journal. Band 97, 2007, S. 338–341, Vorlage:ISSN.</ref><ref name="Evans" />

Eine im Jahr 2010 gestartete Initiative der American Academy of Pediatrics, die eine kleine Einkerbung der Klitorisvorhaut („ritual nick“) als kultursensitive Kompromisslösung vorgesehen hatte, wurde nach öffentlichen Protesten gestoppt, der Eingriff bleibt damit in den USA illegal.<ref>N. MacReady: AAP retracts statement on controversial procedure. In: The Lancet. Band 376, Nr. 9734, 2010, S. 15, doi:10.1016/S0140-6736(10)61042-2.</ref><ref>Has a U.S. Pediatrics Group Condoned Genital Cutting? – Time Magazine.</ref> Laut Raj Bhopal, Professor für Gesundheitswissenschaften an der University of Edinburgh, würden mit der Entscheidung ungleiche Standards für beide Geschlechter angesetzt: die Gründe für die Rücknahme des „ritual nick“ würden gleichermaßen für die männliche Beschneidung gelten.<ref>R. Bhopal: Circumcision. Parity for the sexes? In: BMJ: British medical journal. Band 21, Nr. 341, 2010, S. c3888, PMID 20659998.</ref> Die Anthropologin Kirsten Bell kritisierte 2005 den unausgewogenen Diskurs zur Beschneidung bei beiden Geschlechtern als Form des Gender Bias: der unkritischen Akzeptanz der männlichen Beschneidung stehe eine unhinterfragte Verurteilung der weiblichen Beschneidung gegenüber.<ref name="Bell03">Kirsten Bell: Genital Cutting and Western Discourses on Sexuality In: Medical Anthropology Quarterly. Band 19, Nummer 2, 2005, S. 125–148. Volltext.</ref> Ebenso argumentiert (2009) der Anthropologe Carlos D. Londoño Sulkin, dass Zirkumzision ebenso als Genitalverstümmelung angesehen werden könne und dass viele Menschen im Westen die Beschneidung von Männern als unproblematisch akzeptieren, es jedoch schwer finden, auch die Beschneidung von Frauen so zu sehen.<ref>C. Sulkin: Anthropology, liberalism and female genital cutting. In: Anthropology Today. Band 25, Nummer 6, 2009, S. 17–19, doi:10.1111/j.1467-8322.2009.00700.x.</ref> Der Kulturpsychologe Richard Shweder sah 2003 keinen Grund, die Beschneidung bei Mädchen und Frauen (sofern diese auf die Entfernung von Klitorisvorhaut und inneren Schamlippen beschränkt bleibt) anders zu werten als die Zirkumzision.<ref>Richard A. Shweder: When Cultures Collide: Which Rights? Whose Tradition of Values? A Critique of the Global Anti-FGM Campaign. Originally prepared for Joint Princeton University/Central European University Conference on „Universalism and Local Knowledge in Human Rights“ (24.-25. Oktober 2003), Princeton (NJ) Vorlage:Webarchiv humdev.uchicago.edu</ref>

Irmingard Schewe-Gerigk, Vorstandsvorsitzende des Vereins Terre des Femmes, äußerte im November 2012, eine Rechtsänderung zugunsten der männlichen Beschneidung würde dem generellen Verbot der Vaginalbeschneidung die Grundlage entziehen. Die der Zirkumzision vergleichbaren, sogenannten „milden Formen“ der weiblichen Beschneidung würden legitimiert.<ref>Vorlage:Webarchiv In: Cicero. (online), 25. November 2012.</ref><ref>Rechtsfalle Klitorisvorhaut. Telepolis, 25. November 2012.</ref>

Im Rahmen des deutschen Gesetzgebungsverfahrens zur Einführung eines § 226a StGB (Genitalverstümmelung)<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> wurde bei der Anhörung im Rechtsausschuss vom Sachverständigen Bernhard Hardtung, Professor für Strafrecht an der Universität Rostock, konstatiert, dass ein Körperverletzungs-Sondertatbestand, der nur für weibliche Opfer gelte, wegen Verstoßes gegen den Gleichheitssatz und das Benachteiligungsverbot in Vorlage:Art. GG verfassungswidrig sei, da die leichten Formen der Mädchenbeschneidung in ihrer Unrechtsschwere mit der (weiterhin erlaubten) Knabenbeschneidung vergleichbar seien.<ref>Bernhard Hardtung: Vorlage:Webarchiv Rechtsausschuss zu den Gesetzentwürfen BT-Drucksachen 17/1217, 17/12374 und 17/4759 am 24. April 2013.</ref> Der Bundestag schloss sich dieser Auffassung nicht an und verabschiedete Vorlage:§ StGB wie geplant in einer nur auf weibliche Genitalien bezogenen Fassung. Tonio Walter, Professor für Strafrecht an der Universität Regensburg, sieht in diesem neu geschaffenen Paragrafen einen Verstoß gegen den Verfassungsgrundsatz, „dass niemand wegen seines Geschlechts benachteiligt oder bevorzugt werden darf“, und prognostiziert: Vorlage:".<ref>Tonio Walter: Genitalverstümmelung: Das unantastbare Geschlecht. In: Die Zeit, Nr. 28/2013.</ref>

Regelung der Beschneidung Minderjähriger in einzelnen Staaten

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Europa

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Deutschland

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Straf- und Zivilrecht
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In Deutschland gab es bis zum 12. Dezember 2012 keine spezielle gesetzliche Regelung zur Beschneidung minderjähriger Jungen. Nach dem Standardkommentar zum Strafgesetzbuch von Thomas Fischer, 59. Auflage. 2012, wurde der Tatbestand der Körperverletzung wohl bejaht und die Frage, ob die Einwilligung der Sorgeberechtigten die Rechtswidrigkeit beseitigt, im Hinblick auf Vorlage:§ als umstritten bezeichnet.<ref name="Fischer59">Thomas Fischer: Strafgesetzbuch und Nebengesetze. 59. Auflage. Beck, München 2012, § 223 Rdnr. 6c.</ref>

  • Im Jahr 2004 fällte das Landgericht Frankenthal ein Urteil zur Beschneidung durch Nicht-Mediziner; dieses verneinte eine rechtlich wirksame Einwilligung der Eltern: „Die Einwilligung der Eltern in den medizinisch nicht indizierten, von einem Nichtmediziner unter unsterilen Bedingungen durchgeführten Eingriff stellt einen Sorgerechtsmissbrauch dar und besitzt daher keine rechtfertigende Wirkung.“<ref>L. G. Frankenthal: Einwilligung in die rituelle Beschneidung eines Neunjährigen. In: Medizinrecht. (MedR) 2005, Band 23, S. 243–244.</ref>
  • Im August 2007 bewilligte das Oberlandesgericht Frankfurt am Main Prozesskostenhilfe, da eine vom nicht sorgeberechtigten muslimischen Vater ohne Zustimmung der sorgeberechtigten Mutter veranlasste Beschneidung eines noch nicht einwilligungsfähigen Kindes eine Verletzung des Selbstbestimmungsrechtes des Kindes darstelle.<ref>OLG Frankfurt, Az. 4 W 12/07 vom 21. August 2007.</ref> (siehe Selbstbestimmungsrecht)
  • Das Landgericht Köln sprach am 7. Mai 2012 in zweiter Instanz<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> ein Urteil,<ref name="LG Köln">Az. 151 Ns 169/11. – Landgericht Köln Volltext (PDF; 68 kB)</ref> das die Zirkumzision als Körperverletzung nach § 223 Abs. 1 StGB einstuft, welche durch eine religiöse Motivation nach Artikel 4 Abs. 1, Abs. 2 GG und den Wunsch der Eltern nach Artikel 6 Abs. 2, S. 1 GG nicht gerechtfertigt werde und die nicht im Wohle des Kindes sei.<ref>Chronik der Ereignisse siehe auch: tagesspiegel.de</ref> Der Angeklagte Arzt wurde jedoch nach § 17 S. 1 StGB freigesprochen, da die Richter ihm einen unvermeidbaren Verbotsirrtum attestierten.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Das Urteil des Landgerichts Köln führte zu einer breiten öffentlichen Debatte („Beschneidungsdebatte“) über Legitimität und Legalität der Beschneidung Minderjähriger.<ref>Barbara Hans: Landgericht Köln: Beschneidung aus religiösen Gründen ist strafbar. Spiegel Online, 26. Juni 2012.</ref><ref>Vorlage:Der Spiegel</ref><ref>Thema: Beschneidung. Süddeutsche Zeitung.</ref><ref name="HerzbergZIS">Dietrich Herzberg: Die Beschneidung gesetzlich gestatten? In: Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik (ZIS), 10/2012, S. 486, zis-online.com (PDF; 277 kB)</ref>

Am 19. Juli 2012 stimmte der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit einem gemeinsamen Entschließungsantrag von CDU/CSU, SPD und FDP<ref>Drucksache 17/10331 (PDF; 51 kB) des Deutschen Bundestages.</ref> zu, der die Bundesregierung aufforderte, im Herbst 2012 „einen Gesetzentwurf vorzulegen, der sicherstellt, dass eine medizinisch fachgerechte Beschneidung von Jungen ohne unnötige Schmerzen grundsätzlich zulässig ist“.<ref>bundestag.de Plenarprotokoll 17/189 S. 22829–22836 + Anlagen 7 bis 12 (S. 22851–22856). (PDF; 1,5 MB) bundestag.de</ref>

Am 23. August 2012 kam es zu einer öffentlichen Plenarsitzung des Deutschen Ethikrates zu dem Thema unter Beteiligung von Leo Latasch, Ilhan Ilkilic, Reinhard Merkel, Wolfram Höfling und Peter Dabrock. Den Vorsitz hatte Christiane Woopen.<ref>Vorlage:Webarchiv – Dokumente der Plenarsitzung am 23. August 2012 des Deutschen Ethikrates.</ref> Trotz „tiefgreifender Differenzen“ einigte man sich auf vier Mindestanforderungen für eine gesetzliche Regelung: umfassende Aufklärung und Einwilligung der Sorgeberechtigten, qualifizierte Schmerzbehandlung, fachgerechte Durchführung des Eingriffs sowie Anerkennung eines entwicklungsabhängigen Vetorechts des betroffenen Jungen.<ref>Vorlage:Webarchiv, Pressemitteilung des Deutschen Ethikrates.</ref>

Am 28. September 2012 wurde ein vom Bundesministerium der Justiz ausgearbeitetes Papier „Beschneidung von Jungen – Eckpunkte einer Regelung“ zur Expertenanhörung vorgelegt. Es schlug vor, in das Bürgerliche Gesetzbuch einen § 1631d, Beschneidung des männlichen Kindes, einzufügen:

"(1) Die Personensorge umfasst auch das Recht, in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll. Dies gilt nicht, wenn durch die Beschneidung auch unter Berücksichtigung ihres Zwecks das Kindeswohl gefährdet wird.
(2) In den ersten sechs Monaten nach der Geburt des Kindes dürfen auch von einer Religionsgesellschaft dazu vorgesehene Personen Beschneidungen gemäß Absatz 1 durchführen, wenn sie dafür besonders ausgebildet und, ohne Arzt zu sein, für die Durchführung der Beschneidung vergleichbar befähigt sind."<ref>Beschneidung von Jungen – Eckpunkte einer Regelung über Vorlage:Webarchiv</ref><ref>Mit Vollgas ins BGB. In: Ärztezeitung.</ref>

Die kinderpolitischen Sprecher von SPD, Die Grünen und Linkspartei im Bundestag wandten sich gemeinsam gegen den Entwurf.<ref name="spon27spt">Umstrittener Gesetzentwurf: Opposition und Kinderschützer kritisieren Beschneidungsregeln. Spiegel Online, 27. September 2012.</ref><ref>Opposition gegen Gesetzentwurf des Justizministeriums. FAZ.net</ref> Wolfram Hartmann, Präsident des Verbandes der Kinder- und Jugendärzte, kritisierte an diesem Gesetzesentwurf, dass ein solcher Eingriff nach den Regeln der ärztlichen Kunst nicht durch einen Nicht-Arzt erfolgen könne.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>DRadio (online)</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Der Entwurf wurde am 10. Oktober 2012 vom Bundeskabinett als Entwurf eines Gesetzes über den Umfang der Personensorge bei einer Beschneidung des männlichen Kindes verabschiedet und gemäß Vorlage:Art. Abs. 2 Satz 1 des Grundgesetzes dem Bundesrat zugeleitet, der am 2. November 2012 keine Einwände erhob.<ref>Bundestag DIP zu BT-Drucksache 17/11295 (Gesetzentwurf der Bundesregierung)</ref> Die Bundestagsabgeordneten M. Rupprecht, D. Golze, K. Dörner u. a. legten am 8. November 2012 einen Gegenentwurf vor, der ein Schutzalter von 14 Jahren vorsah.<ref>BT-Drucksache 17/11430 (PDF; 219 kB)</ref> Beide Entwürfe wurden am 22. November 2012 erstmals im Bundestag behandelt und anschließend an den Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages überwiesen, der dazu am 26. November eine öffentliche Experten-Anhörung abhielt.<ref>Vorlage:Webarchiv; Humanistischer Pressedienst</ref>

Am 12. Dezember 2012 nahm der Bundestag in dritter Lesung mit 434:100 Stimmen bei 46 Enthaltungen den Gesetzentwurf der Bundesregierung an.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Plenarprotokoll 17/213, S. 26073–26107, 26110–26112, 25151–26172 [dip21.bundestag.de/dip21/btp/17/17213.pdf pdf]</ref> Der Bundesrat stimmte am 14. Dezember 2012 zu.<ref>Vorlage:Webarchiv</ref> Die Verkündung erfolgte im Bundesgesetzblatt vom 27. Dezember 2012; das Gesetz ist damit seit 28. Dezember 2012 als Vorlage:§ BGB in Kraft.

Im Dezember 2012 ergab eine im Auftrag des Vereins Mogis (Missbrauchsopfer gegen Internetsperren) von Infratest dimap erstellte Umfrage, dass 24 % der Befragten dieses Gesetz befürworteten und 70 % es ablehnten.<ref name="SPON-874473">Vorlage:Internetquelle</ref>

Am 30. August 2013 bestätigte das Oberlandesgericht Hamm (3 UF 133/13) durch Beschluss eine erstinstanzliche Entscheidung des Amtsgerichts – Familiengericht – Dortmund. Die geschiedenen Kindeseltern stritten im einstweiligen Anordnungsverfahren darüber, ob die (mittlerweile anderweitig verheiratete) Kindesmutter aus Kenia ihren sechs Jahre alten Sohn beschneiden lassen darf. Der Sohn lebt im Haushalt der Mutter, die auch das alleinige Sorgerecht hat. Das OLG entschied, dass die Voraussetzungen für eine Einwilligung der sorgeberechtigten Mutter in eine Beschneidung im verhandelten Fall nicht vorlägen. Auch wenn ein Sechsjähriger noch nicht in der Lage sei, über die Beschneidung seines Penis selbst zu entscheiden, verpflichte die gesetzliche Vorschrift die sorgeberechtigten Eltern und auch den Arzt, die Beschneidung mit dem Kind in einer seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechenden Art und Weise zu besprechen und die Wünsche des Kindes bei der elterlichen Entscheidung zu berücksichtigen. Eine diesen Anforderungen entsprechende Beteiligung des Kindes habe im vorliegenden Fall nicht stattgefunden. Die von den sorgeberechtigten Eltern oder einem allein sorgeberechtigten Elternteil ausgesprochene Einwilligung zur Beschneidung sei zudem nur dann wirksam, wenn diese(r) über den Eingriff zuvor ordnungsgemäß und umfassend ärztlich aufgeklärt worden sei(en) (siehe auch Informierte Einwilligung). Das OLG berücksichtigte bei seiner Abwägung auch weitere Umstände des Einzelfalls.<ref>3 UF 133/13. dejure.org; Vorlage:Webarchiv OLG Hamm</ref>

Ein Jahr nach Inkrafttreten von §1631d BGB forderten der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin, Terre des Femmes u. a. die Aufhebung der Vorschrift.<ref>Anno Fricke: Beschneidungsgesetz. Ärzte fordern das Aus. In: Ärztezeitung. 13. Dezember 2013.</ref> Wolfram Hartmann wies darauf hin, dass nach verbandsinternen Erhebungen die Zahl der Komplikationen in Folge von Zirkumzisionen unverändert hoch seien.<ref>Kinderärztepräsident gegen Beschneidungsgesetz. Zahl der Komplikationen offenbar unverändert hoch. In: Focus. 7. Dezember 2013.</ref> Der Strafrechtler Reinhard Merkel forderte eine Meldepflicht für schwere gesundheitliche Folgen nach Beschneidungen. Diese seien zwar selten, kämen aber dennoch vor.<ref>Corinna Buschow: Strafrechtler Merkel fordert Ergänzung im Beschneidungsgesetz. evangelisch.de, 12. Dezember 2013.</ref> Putzke kritisierte das Gesetz als „inkonsistent“ und „offenkundig verfassungswidrig“ und vertrat die Ansicht, die medizinische Qualifikation der Mohalim sowie die Schmerzbehandlung beim Eingriff seien unzureichend.<ref>Das Beschneidungsgesetz (§ 1631d BGB) - Fauler Kompromiss und fatales Signal, Leserbrief in der Monatsschrift Kinderheilkunde Oktober 2013, S. 950 f. (Elektronischer Sonderdruck für H. Putzke) (PDF; 160 kB)</ref>

Sozialrecht
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Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen die Kosten einer Zirkumzision nur, sofern diese medizinisch notwendig ist. Kosten für eine aus ästhetischen oder religiösen Gründen vorgenommene Beschneidung werden von ihnen nicht getragen.<ref>Ursula Mirastschijski und Eugenia Remmel: Intimchirurgie. Springer, Berlin 2019, ISBN 978-3-662-57391-4, S. 139.</ref>

Im Oktober 2013 teilte die Kassenärztliche Bundesvereinigung der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) mit, dass die Zahl der ambulanten Beschneidungen von Jungen unter fünf Jahren in den Jahren 2008 bis 2011 um 34 % gestiegen ist. Die Kinderchirurgen in Deutschland führen nach eigenen Angaben rund 21.000 Beschneidungen im Jahr durch. Bei etwa 300 Euro je Eingriff kostet dies demnach etwa sechs Millionen Euro. Maximilian Stehr, Vorsitzender der ‚Arbeitsgemeinschaft Kinderurologie‘ in der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH), sagte der FAS, so werde klar, „warum der Aufschrei der niedergelassenen Kollegen […] nach dem Kölner Beschneidungsurteil so heftig ausfiel“. Die FAS vermutet, dass Ärzte „bei der Abrechnung tricksen“, da im ambulanten Bereich die teurere Vorhautplastik, bei der die Vorhaut erhalten bleibt, bis zu 20 Mal häufiger abgerechnet wird als die vollständige Entfernung der Vorhaut. Eine Sprecherin der AOK sagte, für die Krankenkassen sei nicht nachvollziehbar, welche Operation tatsächlich vorgenommen wurde.<ref name="FAZ_immermehr">Vorlage:Internetquelle</ref><ref name="guterSchnitt">Guter Schnitt. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 19. Oktober 2013.</ref> Einem ähnlichen Bericht von NDR Radio vom 15. Januar 2015 widersprach Oliver Hakenberg, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Urologie: Es bestehe eine umfassende Dokumentationspflicht für Urologen, wobei die Kassenärztlichen Vereinigungen entweder eine Fotodokumentation oder einen pathologischen Befund der entfernten Vorhaut verlangten. Für Patienten und Ärzte sei es sowohl abwegig wie peinlich, Genitalfotos anfertigen zu müssen, nur um die Kontrolleure der Abrechnungsstelle zufrieden zu stellen. Die pathologische Untersuchung einer entfernten Vorhaut sei nur in Ausnahmefällen sinnvoll. Wenn sie nur zu eng war, sei eine Gewebeuntersuchung nutzlos. Die DGU verwahrte sich daher gegen den Betrugsvorwurf und forderte von den Kassenärztlichen Vereinigungen, absurden und kostentreibenden Verwaltungsbürokratismus zu beenden.<ref>Vorlage:Webarchiv, Berufsverband der Deutschen Urologen e. V. vom 20. Januar 2015.</ref>

Das Oberverwaltungsgericht Lüneburg entschied 2002, dass der Sozialhilfeträger zur Übernahme der Kosten einer religiös motivierten, medizinisch fachgerechten Beschneidung verpflichtet ist.<ref>OVG Lüneburg: Beschluss vom 23. Juli 2002 - 4 ME 336/02.</ref>

Anrufungen des Bundesverfassungsgerichtes
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Am 8. Februar 2013 nahm das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsbeschwerde eines im Jahr 1991 als Sechsjähriger beschnittenen Mannes gegen § 1631 d BGB nicht an, da der Mann von dem Gesetz nicht betroffen ist, da er bereits beschnitten war.<ref>BVerfG, 1 BvR 102/13, 8. Februar 2013</ref> Am 13. Februar 2013 wies es den Antrag eines Vaters auf Erlass einer einstweiligen Anordnung gegen die Übertragung des alleinigen Sorgerechts für seinen Sohn auf die vermutlich die Beschneidung beabsichtigende Kindesmutter ab, da durch § 1631d BGB das Anrufen anderer Gerichte möglich sei.<ref>BVerfG, 1 BvQ 2/13, 13. Februar 2013.</ref>

Österreich

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In Österreich ist Körperverletzung wie in Deutschland strafbar, ohne dass es eine Sonderregelung für Beschneidungen gibt. Anders als in Deutschland ist in den österreichischen Verfassungsgesetzen kein ausdrückliches Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verankert. Jedoch erklärt § 137 Abs. 2 ABGB „die Anwendung jeglicher Gewalt und die Zufügung körperlichen oder seelischen Leides“ durch die Eltern für unzulässig.<ref>aktuelle Fassung des AGBG, Rechtsinformationssystem des österreichischen Bundeskanzleramtes.</ref> Laut § 90 Abs. 3 StGB kann „in eine Verstümmelung oder sonstige Verletzung der Genitalien, die geeignet ist, eine nachhaltige Beeinträchtigung des sexuellen Empfindens herbeizuführen“, selbst von Erwachsenen nicht eingewilligt werden.<ref>aktuelle Fassung des StGB, Rechtsinformationssystem des österreichischen Bundeskanzleramtes.</ref> Das „Israelitengesetz“ von 1890 berechtigt die Israelitische Religionsgesellschaft und ihre Mitglieder, „Kinder und Jugendliche auch außerhalb der Schule durch alle traditionellen Bräuche zu führen und entsprechend den religiösen Geboten zu erziehen“ (§ 9 Abs. 4).<ref>Gesetz betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitischen Religionsgesellschaft. Rechtsinformationssystem des österreichischen Bundeskanzleramtes.</ref>

Die Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen wird vom österreichischen Justizministerium nicht für strafbar gehalten (Stand 2012), begründet wurde dies mit dem Elternrecht.<ref name="derstandard-1342947900975">Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Henning Klingen: Ende der Beschneidungsdebatte gefordert. In: Deutschlandradio. 2. August 2012.</ref><ref>Oskar Deutsch über Beschneidung, Gesetzeslage und Religionsfreiheit in Österreich. In: Jüdische Allgemeine. 2. August 2012.</ref> Gesundheitsminister Alois Stöger sagte im Juli 2012, die Debatte über religiöse Beschneidungen in Österreich sei eine „aufgesetzte Diskussion“. Es sei ein Thema aus Deutschland übernommen worden, „das nicht wichtig ist“.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Großbritannien

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Aufgrund der 1949 im British Medical Journal erschienenen Abhandlung The Fate of the Foreskin von Douglas Gairdner,<ref>Douglas Gairdner: The Fate of the Foreskin. In: British Medical Journal. Band 2, 24. Dezember 1949, S. 1433–1437, (Online).</ref> in der die Funktionen der Vorhaut beschrieben und die routinemäßige Beschneidung als überflüssig und nachteilig abgelehnt wurde, stellten die britischen Krankenkassen die Kostenübernahme für den Eingriff ein. In der Folge sanken die Beschneidungsraten in Großbritannien innerhalb kurzer Zeit drastisch von 30 % im Jahr 1950 auf heute unter 0,5 %. Bis 1945 (oder länger) lag die Beschneidungsrate in der anglikanischen und katholischen Ober- und Mittelschicht bei über 95 %.

Die British Medical Association gab 2004 Richtlinien zur männlichen Beschneidung heraus.<ref>The law and ethics of male circumcision: guidance for doctors. In: Journal of Medical Ethics. 2004; Band 30, S. 260 (jme.bmj.com Online-Version).</ref> Darin skizzierte sie die unterschiedlichen Meinungen, ob eine nicht-therapeutische Beschneidung vorteilhaft, neutral oder schädlich sei. Schaden oder Nutzen der Operation seien nicht eindeutig belegt. Die BMA gibt darin keine besonderen Richtlinien zur „rituellen Beschneidung“ und hält Eltern grundsätzlich für berechtigt, die Entscheidung über den Eingriff anstelle ihrer Kinder zu treffen.

Frankreich

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Die französische Regierung begründet die Zulässigkeit der Zirkumzision mit der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit.<ref>Interview mit Innenminister Manuel Valls: La France a une part juive incontestable In: Information juive. Nr. 326, Oktober 2012, S. 8.</ref> Explizite Vorschriften gibt es jedoch nur in Elsass-Lothringen, wo ein kaiserliches Dekret von 1862 die Zertifizierung von Mohalim regelt.<ref>Edwige Belliard, Laurence Herry, Yohann Bénard, Édouard Crépey, Julie Burguburu u. a.: Réflexions sur la laïcité. In: Conseil d’État, Rapport public 2004. La Documentation française, Paris 2004, ISBN 2-11-005595-2, S. 331–332.</ref>

Schweden

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In Schweden ist die Zirkumzision ohne medizinische Indikation an Jungen unter 18 Jahren seit 2001 durch das „Lag (2001:499) om omskärelse av pojkar“<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> (Gesetz betreffend die Beschneidung von Jungen) geregelt. Danach sind solche Zirkumzisionen als chirurgischer Eingriff grundsätzlich von einem approbierten Arzt und unter Anästhesie durchzuführen. Bei einem Jungen bis zu zwei Monaten kann auch eine andere befähigte Person mit staatlicher Zulassung die Zirkumzision vornehmen. Dies gilt namentlich für Personen, die von Glaubensgemeinschaften vorgeschlagen werden, in denen die Beschneidung Teil der religiösen Tradition ist.<ref>siehe auch Religiöse Beschneidungen In: aerzteblatt.de Jahrgang 109, Heft 31, 6. August 2012, S. 2 (PDF).</ref> Personen, die die Zirkumzision ohne die notwendige Qualifikation oder Zulassung vornehmen, droht das Gesetz Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu sechs Monaten an. Die Beschneidung bedarf der Zustimmung der Sorgeberechtigten. Sie darf nicht gegen den Willen des Kindes erfolgen, sofern es das Alter und die notwendige Reife für eine solche Erklärung hat.

Nordamerika

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Vereinigte Staaten

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In den USA fiel die Beschneidungsrate im Säuglingsalter von 83 % in den 1960er-Jahren auf 77 % im Jahr 2010.<ref name="PMID24702735">B. J. Morris, S. A. Bailis, T. E. Wiswell: Circumcision rates in the United States: rising or falling? What effect might the new affirmative pediatric policy statement have? In: Mayo Clinic proceedings. Band 89, Nummer 5, Mai 2014, S. 677–686, doi:10.1016/j.mayocp.2014.01.001, PMID 24702735 (Review).</ref> Der Anteil von Neugeborenen-Beschneidungen in Krankenhäusern der USA ist nach Angaben der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) von 64,7 % im Jahr 1980 auf 58,3 % im Jahr 2010 zurückgegangen. Die fallende Tendenz erklärt sich teilweise durch den steigenden Anteil an Hispanics, die ihre Kinder nicht so häufig beschneiden lassen wie der Rest der Bevölkerung.<ref>M. Owings et al., Centers for Disease Control and Prevention: Trends in Circumcision for Male Newborns in U.S. Hospitals: 1979–2010, 22. August 2013.</ref> Regional ist die Situation in den USA besonders uneinheitlich (z. B. wegen der verschieden starken Bevölkerungsgruppen); somit können auch gegenläufige Strömungen und höhere Prozentangaben lokalisiert werden. Ein wesentlicher Faktor ist die Kostenerstattung durch Medicaid.<ref>Jared Lane Maeda, Ramya Chari & Anne Elixhauser: Statistical Brief #126: Circumcisions Performed in U.S. Community Hospitals, 2009. Website des Healthcare Cost and Utilization Project. Februar 2012.</ref> 2012 gab es 18 Bundesstaaten, die im Rahmen von Medicaid nicht mehr für die Kosten einer Säuglingsbeschneidung aufkommen.<ref>Andrea K. Walker: Which states don’t cover circumcision? In: The Baltimore Sun. 21. August 2012.</ref> Der Berufsverband US-amerikanischer Kinderärzte, die American Academy of Pediatrics (AAP), befürwortet hingegen die Kostenerstattung durch Dritte. Zwar seien die gesundheitlichen Vorteile der Zirkumzision nicht groß genug, um eine Routinebeschneidung männlicher Neugeborener zu empfehlen, sie seien aber ausreichend groß, um den Zugang dazu für Familien zu rechtfertigen, die dies wünschen.<ref>American Academy of Pediatrics Task Force on Circumcision: Circumcision policy statement. In: Pediatrics. Band 130, Nr. 3, 1. September 2012, S. 585–586. (englisch; doi:10.1542/peds.2012-1989).</ref>

Obwohl mit nur sehr wenigen Ausnahmen praktisch keine christliche Kirche die Zirkumzision zu einem doktrinären Glaubensgrundsatz erhebt, finden die meisten religiös begründeten Beschneidungen heute in den USA unter Christen, hier besonders den Evangelikalen, statt. Gründe hierfür sind unter anderen, dem Beispiel Jesu folgen zu wollen oder dem Wort Gottes selbst dort zu folgen, wo dies nicht ausdrücklich verlangt wird. Stark zur Verbreitung dieser Einstellung unter Christen hat dabei das 1963 veröffentlichte Buch None of These Diseases des christlichen Mediziners S. I. McMillen beigetragen.<ref>Jim Bigelow: Evangelical Christianity in America and its Relationship to Infant Male Circumcision. In: George C. Denniston, Frederick Mansfield Hodges, Marilyn Fayre Milos (Hrsg.): Male and Female Circumcision: Medical, Legal, and Ethical Considerations in Pediatric Practice. Springer, 1999, ISBN 0-306-46131-5, S. 173–177.</ref>

Nachdem in San Francisco 2011 eine kommunale Volksabstimmung über ein Verbot der Routine-Beschneidung gerichtlich für unzulässig erklärt wurde,<ref>Maria L. La Ganga: Judge orders San Francisco circumcision ban off ballot. In: Los Angeles Times. 29. Juli 2011.</ref><ref>Beschneidung in Kalifornien: Doch kein Referendum. In: die tageszeitung, 29. Juli 2011.</ref> trat im Oktober 2011 in Kalifornien ein Gesetz in Kraft, das Beschneidungsverbote auf lokaler oder regionaler Ebene untersagt.<ref>California Circumcision Ban: Governor Signs Bill To Prevent Circumcision Bans. In: The Huffington Post. 2. Oktober 2011.</ref>

Kanada

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Auch in Kanada zahlen die Krankenkassen den für überflüssig erachteten Eingriff nicht mehr. Die Beschneidungsrate ist stark gesunken.

Australien

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Auch in Australien sinkt die Beschneidungsrate drastisch. Das Royal Australasian College of Physicians (RACP) schätzte im Jahr 2010, dass zwischen 10 % und 20 % aller männlichen Säuglinge beschnitten worden sind. Medicare Australia schätzt, dass im Jahr 2016/2017 nur noch 4 % der männlichen Säuglinge beschnitten worden sind.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Asien

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Israel

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In Israel ist die Beschneidungsrate sehr hoch. Nach einer Online-Umfrage des Elternportals Mamy im Jahr 2006 liegt sie bei 95 %. Ben Shalem, eine Organisation zur Abschaffung der Beschneidung, reichte 1999 eine Petition beim Obersten Gericht ein mit der Begründung, die Beschneidung verstoße gegen Menschenwürde, Kinderrechte und Strafrecht. Die Petition wurde abgewiesen.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Japan

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Japan hat eine der niedrigsten Beschneidungsraten der Welt. Es wird geschätzt, dass nur etwa 1 % der Japaner beschnitten sind.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Japaner leiden laut Studien aber nicht häufiger unter Harnwegsinfekten, sexuell übertragbaren Krankheiten oder Peniskrebs als US-Amerikaner, weshalb viele Ärzte einen tatsächlichen medizinischen Nutzen der männlichen Beschneidung anzweifeln.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Darstellung in der Kunst

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  • Thomas Mann schildert in seinem vierbändigen Roman Joseph und seine Brüder (veröffentlicht zwischen 1933 und 1943) eine Möglichkeit der Entstehung des Brauchs als Beschwichtigungs- und Unterwerfungsgeste gegenüber der archaisch-kriegerischen und ursprünglich nomadischen Gottheit „Jahu“, den er als angeblichen Vorläufer des alttestamentlichen JHWH darstellte.<ref>vgl. Thomas Mann: Joseph und seine Brüder 1. Frankfurt am Main 1974, S. 130 f.</ref>
  • Orazio Gentileschi (1563–1639): Circumcision. Tafelbild, Öl auf Leinwand, 390 × 252 cm, um 1606 (Church of Gesù, Ancona, dep. Pinacoteca Communale).
  • Rembrandt van Rijn (1606–1669): Die Beschneidung Christi (oder Die Beschneidung im Stall). Radierung, 1654.
  • Ein kleiner Schnitt, deutsche Kurzfilmkomödie (2021)

Deutungen in der Psychoanalyse

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Die Psychoanalyse nach Sigmund Freud (1856–1939) sah in der Zirkumzision und der dadurch genährten Kastrationsangst eine der wesentlichsten Ursachen des unbewussten Antisemitismus.<ref>Alphons Silbermann, Herbert A. Sallen: Latenter Antisemitismus in der Bundesrepublik. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Band 28, 1976, S. 706–723, hier S. ??.</ref> Freud zufolge werde die Beschneidung mit der Kastration gleichgesetzt und die Juden dafür gehasst.<ref>Wolfgang Benz, Werner Bergmann, Brigitte Mihok: Freud, Sigmund. In: Handbuch des Antisemitismus. Band 2, 1. Teil: Personen A–K. de Gruyter, 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 249–251 (Vorlage:Google Buch).</ref> Beispielsweise war der Stürmer-Herausgeber Julius Streicher derart auf die Thematik fixiert, dass er in Privatgesprächen die Beschneidung ebenso häufig wie „den Juden“ an sich erwähnte.<ref>Gustave M. Gilbert: Nürnberger Tagebuch: Gespräche der Angeklagten mit dem Gerichtspsychologen. Frankfurt am Main 1962, ISBN 3-436-02477-5, S. ??.</ref> Freud erklärte 1913 in seinem Werk Totem und Tabu, dass die Beschneidung ein Kastrationsäquivalent darstelle, welches das Inzestverbot auf das wirksamste unterstütze. Es würde durch die unbewusste Furcht vor Vergeltung des zum Vater gewordenen Mannes angeregt beziehungsweise motiviert. In ihm lebe noch die unbewusste Erinnerung an eigene inzestuöse und feindselige Regungen der Kindheit, die seinen Eltern galten. Der Vater fürchte, dass sein Kind diese Wünsche realisieren und dass es selbst deren geschädigtes Objekt sein könnte. Die Beschneidung solle einen Inzest verhindern.

Theodor Reik (1888–1969, ein österreichisch-amerikanischer Psychoanalytiker jüdischer Konfession und ein bekannter Schüler Freuds) schrieb 1915 in seinem Werk Die Pubertätsriten der Wilden: über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker:

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Anna Freud sieht die Beschneidung als mögliche Quelle von Neurose und Trauma.<ref>Anna Freud: The role of bodily illness in the mental life of children. In: Psychoanalytic Study of the Child. Band 7, 1952, S. 69–81, hier S. ?? (Volltext auf cirp.org).</ref>

Dem Psychoanalytiker Matthias Franz zufolge, kann eine Beschneidung im Alter von etwa fünf Jahren von den betroffenen Jungen als Vorlage:" erlebt werden, da sie entwicklungspsychologisch in der Konsolidierungsphase ihrer sexuellen Identität stattfindet. Die Drohung heiße im Erleben vieler Jungen: Vorlage:" Kulturgeschichtlich sei hier die Sexualität dem Vorlage:" unterstellt.<ref>Matthias Franz, interviewt von Heide Oestreich: Debatte um Beschneidung: „Es ist ein genitales Trauma“. In: taz.de. 25. Juli 2012, abgerufen am 13. April 2020.</ref>

Siehe auch

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Literatur

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  • Vorlage:RE
  • Julius Rosenbaum: Geschichte der Lustseuche im Altertume nebst ausführlichen Untersuchungen über den Venus- und Phalluskultus, Bordelle, Νούσος ϑήλεια der Skythen, Paederastie und andere geschlechtliche Ausschweifungen der Alten als Beiträge zur richtigen Erklärung ihrer Schriften dargestellt. 7. Auflage, H. Barsdorf, Berlin 1904, S. 283 f., 336–343 (Beschneidung) und 424.
  • David L. Gollaher: CIRCUMCISION – a history of the world’s most controversial surgery. Basic Books (AZ), New York 2001, ISBN 0-465-04397-6.
    • Deutsche Übersetzung: Das verletzte Geschlecht. Aufbau, 2002, ISBN 3-351-02540-8.
  • Matthias Küntzel: Kontaminiertes Terrain. bei: Perlentaucher. 8. August 2012.
  • Matthias Franz (Hrsg.): Die Beschneidung von Jungen. Ein trauriges Vermächtnis. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, ISBN 978-3-525-40455-3.
  • Clemens Berger (Hrsg.): Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen – nur ein kleiner Schnitt? Betroffene packen aus über Verlust, Schmerzen, Scham. Hamburg 2015, ISBN 978-3-7323-4012-5.
  • Vorlage:Literatur
  • Ramazan Barış Atladı, Andreas Eicker (Hrsg.): Strafbarkeit der Beschneidung von Jungen im Kindesalter? Rechtliche Würdigung der medizinisch nicht indizierten Zirkumzision vor dem Hintergrund anthropologischer und theologischer Perspektiven. Stämpfli / Kohlhammer, Bern / Stuttgart 2023, ISBN 978-3-17-043549-0.

Dokumentationen

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Vorlage:Commons Vorlage:Commonscat Vorlage:Wiktionary Vorlage:Wikinews

Einzelnachweise

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<references responsive />

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