Waldsterben

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Vorlage:Dieser Artikel

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Abgestorbene Fichten im Erzgebirge (1998)

Als Waldsterben (auch: neuartige Waldschäden) werden Schädigungen des Waldes bezeichnet, die seit etwa 1980 großflächig auftreten. Das Verbreitungsgebiet umfasst Mittel-, Nord- und Osteuropa. Charakteristisch ist, dass sich die Schadensbilder im Wald unabhängig von Klima, Standort und waldbaulichen Praktiken zeigen. Die Symptomatik differiert zwischen Holzarten, Regionen und Forstorten.

Typische Merkmale des geschädigten Waldes:

  • Auflichtung des Kronenbereichs aufgrund vorzeitigen Blattfalls
  • Ausbildung weniger und kleinerer Blattorgane sowie Verzweigungsanomalien,
  • geringe Reproduktionsfähigkeit des Wurzelsystems und verminderte Interaktion mit Mykorrhiza-Pilzen
  • Absterben von Feinwurzeln

Eine einzelne auslösende Ursache des Waldsterbens konnte nicht ermittelt werden. Zentral scheinen die komplexen Wirkungen verschiedener Luftschadstoffe zu sein.<ref name="Lex321">Vorlage:Literatur</ref> Neuerdings sterben vermehrt ältere Bestände und Einzelbäume zahlreicher Baumarten, was in Zusammenhang mit dem Klimawandel gesehen wird.

Hintergrund

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Völlig devastierter Waldhang im tschechischen Erzgebirge 1998 – Ursache für dieses großflächige Absterben waren die Rauchgase aus veralteten Braunkohlekraftwerken.
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„Rettet den Wald“-Denkmal, aufgestellt 1985 anlässlich des 25. Hessentags in Alsfeld

Der Begriff Waldsterben spiegelte gesellschaftlich die in den 1980er Jahren speziell in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und in der Schweiz verbreitete Besorgnis wider, dass der Waldbestand in Gefahr sei und die Wälder in naher Zukunft großflächig vom Absterben bedroht seien.<ref>Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. C. H. Beck, 1998, ISBN 3-406-50279-2, Kapitel 22, „Waldsterben“</ref> Die Besorgnis bezog sich nicht auf spezielle neue Waldschadensbilder, sondern darauf, dass die Symptomatik in Gebieten fern von nennenswerten Emissionsquellen auftrat, eine weite geographische Verbreitung einnahm und mehrere Baumarten davon betroffen waren.<ref name="Willimann" /> Dies wurde Mitte der 1970er Jahre festgestellt und seitdem insbesondere in Mittel- und Nordeuropa öffentlich angesprochen.<ref name="Willimann">Ivo Willimann, Helena Egli-Broz: Ökologie: Einführung in die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur. Compendio Bildungsmedien 2010, ISBN 978-3-715-59446-0, S. 140; online in Google Bücher</ref>

Datei:DBP 1985 1253 Rettet den Wald.jpg
Kampagne „Rettet den Wald“: Briefmarke der Deutschen Bundespost von 1985

Das Waldsterben war in den 1980er-Jahren eines der bedeutendsten Umweltthemen in den deutschsprachigen Ländern.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref> In der Bundesrepublik Deutschland hatte die Debatte um das Absterben des Waldes erhebliche politische, industriepolitische und gesellschaftliche Auswirkungen und gilt als einer der Gründe für den Aufstieg der Partei der Grünen. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre gab es quer durch die westdeutsche Gesellschaft sowie in der gesamten Parteienlandschaft einen Konsens über die Dringlichkeit und Schwere des Themas.<ref>Roland Schäfer, Birgit Metzger: Was macht eigentlich das Waldsterben? In: Patrick Masius, Ole Sparenberg, Jana Sprenger (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft. Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Göttingen 2009, S. 201–228, S. 206/208.</ref> Als Ursache stand saurer Regen im Mittelpunkt der öffentlichen Diskussion. Mögliche weitere Ursachen wie falsche Bestockung oder zeitweise Trockenheit wurden lange nicht diskutiert. Infolge der Waldsterbensdebatte wurden politische Maßnahmen ergriffen, die eine deutliche Verringerung der Emissionen bewirkten. Es lässt sich nicht sagen, wie sich der Zustand des Waldes ohne Einführung dieser Maßnahmen entwickelt hätte.<ref name="hoppenstedt" />

Aus Sichtweise der Umweltgeschichte ermöglicht die Waldsterbensdebatte einen vertieften Blick auf Gesellschaft und Politik der Bundesrepublik Deutschland der 1980er Jahre.

Das Waldsterben weist nicht nur typische Charakteristika eines modernen Umweltproblems auf, sondern war deutlich in die damalige historische Krisensituation eingebettet. In dem Sinne sei das Waldsterben über den Umweltaspekt hinaus ein Bestandteil der Zeitgeschichte.<ref>Roland Schäfer, Birgit Metzger, in Patrick Masius, Ole Sparenberg, Jana Sprenger (Hrsg.): Was macht eigentlich das Waldsterben? Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. (PDF; 4,1 MB), Graduiertenkolleg Interdisziplinäre Umweltgeschichte, Umweltgeschichte und Umweltzukunft (2009)</ref>

Nach den Ergebnissen eines von Roderich von Detten geleiteten Forschungsprojekts zum Waldsterben sei die außerordentliche emotionale Intensität der Debatten insbesondere in der Bundesrepublik Deutschland nicht alleine von der forstbotanischen Realität her zu verstehen. Von einigen Kritikern<ref>Das sogenannte Waldsterben. Rudi Holzberger. Verlag: Eppe 2002, ISBN 3-89089-750-9, Erstauflage 1995 als Dissertation in Konstanz</ref> wurde das Waldsterben als reines Medienphänomen betrachtet,<ref name="Goet" /> welches ein übertriebenes, apokalyptisches Szenario heraufbeschworen und Alarmismus ausgelöst hätte.

Dass die Waldsterbensdebatte Ende der 2010er wieder in den Medien erschien, ist in direktem Zusammenhang mit dem Paradigma der Klimakrise zu sehen, die nun die öffentliche Diskussion beherrschte. So verkündete der Bund Deutscher Forstleute – wie das in der Zeit auch viele Länder und Kommunen machten – einen „Klimanotstand für den Wald“.<ref name="BDF">Klimakatastrophe: BDF ruft Klimanotstand für den Wald aus. In: forstwirtschaft-in-deutschland.de, 16. Juli 2019.</ref>

Begriff

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Datei:Fichtensterben Brocken Harz-20200823.JPG
Durch Borkenkäferbefall und Trockenheit abgestorbene Fichten auf dem Brocken (Harz)

Der Begriff Waldsterben ist mindestens seit 1921 nachweisbar;<ref>Vorlage:ANNO</ref> ein Zusammenhang mit der Schädigung durch Insekten wurde spätestens 1934 gesehen.<ref>Vorlage:ANNO</ref> Baumsterben ist seit dem Jahr 1897 belegt.<ref>Vorlage:ANNO</ref>

Zwischen dem Waldsterben und den frühen „Rauchschäden“ bestehen Parallelen im Schadensbild. Ende der 1970er wurden die Braunkohlevorkommen in der Bundesrepublik Deutschland, der DDR und ČSSR vermehrt genutzt. Wegen mangelndem technischen Umweltschutz entstanden Schäden, die an die Rauchschäden aus der Frühzeit der Industrialisierung erinnerten.<ref name="MB" /><ref name="hoppenstedt">waldsterben.uni-freiburg.de Und ewig sterben die Wälder Roland Schäfer – „Lamettasyndrom“ und „Säuresteppe“: Das Waldsterben und die Forstwissenschaften 1979–2007.</ref>

Neu war die Vorstellung eines sterbenden Waldorganismus – statt sterbender Einzelbäume. Die Grundlage boten holistische Konzepte wie der 1922 eingeführte Dauerwald-Begriff des Forstwissenschaftlers Alfred Möller. Bevor der Begriff Waldsterben geprägt wurde, wandelte sich die Sicht auf das Problem und machte es zu einem emotional behafteten Thema. Die kulturgeschichtliche Bedeutung des „deutschen Waldes“ und die Sorge vor einem Atomkrieg etablierten das Waldsterben als überparteiliches Kollektivsymbol.<ref>Rezension, Johannes Zechner: Rezension zu: von Detten, Roderich (Hrsg.): Das Waldsterben. Rückblick auf einen Ausnahmezustand. München 2013, in: H-Soz-u-Kult, 9. Dezember 2013.</ref>

Fachwissenschaftlich wurde der Begriff nicht lange verwendet und bald durch neuartige Waldschäden abgelöst, wohingegen er im allgemeinen Sprachgebrauch weiterhin verankert ist.<ref name="Goet">Fast vergessene Debatten der Umweltgeschichte Was macht eigentlich das Waldsterben? Roland Schäfer, Birgit Metzger, in Masius, Patrick Sparenberg, Ole Sprenger, Jana (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Universitätsverlag Göttingen, ISBN 978-3-940344-69-4, S. 201–221.</ref>

Ab Mitte der 2010er spricht man auch von „neuartigem Baumsterben“, und der Begriff Waldsterben wurde weniger verwendet. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) grenzt das durch die Klimakrise bedingte Waldsterben der 2010er Jahre als „Waldsterben 2.0“ gegenüber dem Waldsterben der 80er Jahre ab.<ref>BUND: „Waldsterben 2.0“</ref>

Verlauf

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Entwicklung der Waldschäden in der Bundesrepublik

Die wissenschaftlichen Betrachtungen zum Waldsterben lassen sich in drei Phasen aufteilen.

Frühe 1980er Jahre

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Ab 1979 warnten die Forstwissenschaftler Bernhard Ulrich und Peter Schütt vor einem bevorstehenden bzw. stattfindenden Waldsterben und forderten eine Verbesserung der Luftreinhaltung.<ref>Vorlage:Der Spiegel</ref> Massenmedien griffen diese Warnungen auf; eine Titelgeschichte des Spiegel im November 1981 brachte dem Thema den öffentlichen Durchbruch.<ref>Spiegel, Hausmitteilung Betr.: Waldsterben 1/1994 In den Heften 47, 48 und 49 erschien ein dreiteiliger Bericht</ref><ref>Spiegel-Archiv Ausgabe 47/1981</ref>

Mitte 1983 war das Waldsterben auch als Forschungsgegenstand etabliert. Als Konsens der Ursachen etablierte sich ein Stresskomplex mit regional unterschiedlicher Gewichtung unter entscheidender Mitwirkung von Luftverunreinigungen wie dem sauren Regen. Damit wurden die durchaus unterschiedlichen und auch kontrovers diskutierten Wirkungspfade und Schadstoffe zusammengefasst. Im Jahr 1983 (kurz nach dem Amtsantritt des Kabinett Kohl I) wurde die öffentliche Debatte besonders intensiv geführt. Bei der Landtagswahl in Hessen am 25. September 1983 zogen erstmals Die Grünen in ein Landesparlament ein. Der Bundestag beschloss effektive Maßnahmen zur Luftreinhaltung, die über das Bundes-Immissionsschutzgesetz zur Luftreinhaltung von 1971 hinausgingen. Dazu zählte der Einbau von Rauchgasentschwefelungsanlagen in Kraftwerken, die die Hauptemittenten von Schwefeldioxid waren.

Die Bezeichnung „neuartige Waldschäden“ galt zunächst als Euphemismus, hat sich aber nach 1983<ref name="Schäfer/Metzger_S.210">R. Schäfer, B. Metzger: Was macht eigentlich das Waldsterben? In: P. Masius u. a. (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft: Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Universitätsverlag Göttingen, 2009, ISBN 978-3-940344-69-4, S. 210.</ref> für die festgestellten Schadensbilder etabliert. In der Forstwissenschaft wird seitdem nicht mehr von einem Waldsterben gesprochen.<ref name="Schäfer/Metzger_S.210" />

Späte 1980er Jahre

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1983/84 bis 1992 setzte eine Normalisierung des Umgangs der Forstwissenschaftler mit dem Waldsterben ein, das zunehmend weniger politisch und emotional besetzt war. In der Bundesrepublik Deutschland befand man 1984 gut ein Drittel des Waldes für geschädigt, was alle denkbaren Waldschäden subsumiert. Diese Waldschäden wurden zunehmend primär als wissenschaftliche Fragestellung behandelt, viele der vermeintlichen Waldsterbe-Symptome stellten sich als Fehldeutungen heraus; als Indikatoren für den Waldzustand verblieben hauptsächlich Kronenverlichtungen und Blatt- bzw. Nadelvergilbungen, die in jährlichen Waldzustandserhebungen und laufenden Untersuchungen quantitativ erfasst wurden. Die Beschäftigung mit den Waldschäden in der Forschung reduzierte sich danach erheblich.

1990er und 2000er Jahre

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In der dritten Phase, von 1992 bis in die 2000er Jahre, differenzierte sich die reine Waldschadensforschung in eine breiter angelegte Waldökosystemforschung. Trotz intensiver Forschung konnte keine abschließende Wirkungskette ermittelt werden, die gemeinsame Hauptursache wurde in Luftschadstoffen gesehen, die über große Distanzen transportiert werden.<ref name="Lex321" />

Die Schadstoffbelastung wurde nach der Abschaltung vieler ostdeutscher Braunkohlekraftwerke nach der Wiedervereinigung, die bis dahin weitgehend ohne Filteranlagen arbeiteten, nochmals reduziert. Daraufhin fiel der Gesamtausstoß von Schwefeldioxid in Deutschland von zuvor rund 7,5 Mio. Tonnen pro Jahr während der 1970er und frühen 1980er Jahre auf rund 0,5 Mio. Tonnen für die Jahre nach der Jahrtausendwende.<ref>Vorlage:Webarchiv (PDF; 1,0 MB). Universität Stuttgart, abgerufen am 27. Mai 2013.</ref> Ab Mitte der 1990er Jahre waren die fachspezifischen Publikationen zunehmend wieder an grundlagenorientierten Teilproblemen ausgerichtet, der Wald an sich und der Waldzustand verschwanden zunehmend wieder aus dem wissenschaftlichen Diskurs. 2003 erklärte die damalige Bundeslandwirtschaftsministerin Renate Künast in Übereinstimmung mit Befunden der europäischen Nachbarn das „Waldsterben“ für beendet. Der Trend zu einer negativen Entwicklung sei gestoppt. Der Zustand der Wälder habe sich stabilisiert, auch wenn nach wie vor Teile des Baumbestandes deutliche Schäden aufwiesen. Das bedeute, so das Ministerium, aber noch keine Entwarnung, weil es nach wie vor große geschädigte Bestände gebe.<ref name="rk">Waldsterben in Deutschland gestoppt WiWo, 13. Juli 2003.</ref>

Entgegen der seinerzeitigen Debatte wurde in Folge eine starke Zunahme des Waldes in Mitteleuropa im Zeitraum von 1990 bis 2015 festgestellt.<ref name="science.orf 20180514">In reichen Ländern wachsen die Wälder. science.ORF.at, 14. Mai 2018 – zu einer Studie der FAO, mit Karte Globaler Vergleich: Waldentwicklung von 1990 bis 2015.</ref> In weitgehend allen Ländern Europas lag der flächenmäßige Waldzuwachs der beiden Jahrzehnte um die Jahrtausendwende über 20 %, besonders in Ostmitteleuropa sogar über 50 %.<ref name="science.orf 20180514" />

Für die wirklich stark geschädigten Gebiete setzte hingegen auch ein Umdenken in Richtung eines Umbaus des Waldes durch Naturverjüngung ein, so wurde in einigen Naturschutzgebieten, darunter im Bayerischen Wald oder auch im Nationalpark Berchtesgaden, die Entwaldung als Chance eines ökologischen Experiments gesehen. Der Fokus verlagerte sich damit auf Pufferung der Renaturierungszonen zum forstwirtschaftlich genutzten Umland, und Folgenforschung anstatt Ursachenforschung.

Die späteren 2000er Jahre waren primär von der beherrschenden Schadenslage durch den Borkenkäfer an Fichten nach den schweren Stürmen des Jahrzehnts (Lothar 1999, dann Kyrill, Paula, Emma) geprägt. Die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich hingegen auf die Abholzung des tropischen Regenwaldes.

2010er Jahre

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In den späteren 2010er Jahren flammte die Debatte um ein allgemeines Waldsterben wieder auf.<ref>So etwa: Der ewige Patient. Der Wald ist nicht tot, aber er leidet (20 Jahre Waldsterben). Jörg-Andreas Krüger, auf nabu.de, o. D.;
Es betrifft ganz Deutschland: Das große Waldsterben. In: Focus. online, 1. August 2019;
Deutschland beklagt das «Waldsterben 2.0», aber wie schlecht geht es dem Wald wirklich?. In: Neue Zürcher Zeitung. online, 6. August 2019.</ref> Nach dem Hitzesommer 2003 häuften sich in den 2010ern durch die Globale Erwärmung die Hitzewellen und Monate und Saisons nie dagewesener Wärme, auch in den kühleren Jahreszeiten, mitsamt abnorm warmen und niederschlagsarmen Wintern. Durch die Kombination von Trockenstress, hoher Sommerhitze und die Veränderung der Regionalklimate kommt es neben großflächigen Schäden durch Sturm und Borkenkäfer auch zu Symptomen an einzelnen Hauptbaumarten wie Eichen, Buchen, Kiefern, Tannen und durch neuartige Infektionen an Eschen (Eschentriebsterben) oder Ahorn (Rußrindenkrankheit).<ref name="focus 20190401">Heißzeit, Schädlinge, Dauer-Dürre: Unsere Bäume sterben – und es ist noch schlimmer als in den 1980ern. In: Focus. online, 1. April 2019 (Stellungnahme des Bund Deutscher Forstleute).</ref> Die Mortalität hat sich in Mitteleuropa seit den 1980ern verdoppelt, betroffen sind tendenziell ältere und größere Exemplare,<ref name="Senf etal 2018">Vorlage:Literatur – dazu auch:
Nach dem Waldsterben kommt das Baumsterben. science.ORF.at, 26. November 2018;
Neues Baumsterben in Mitteleuropa? scinexx.de, 27. November 2018.</ref> deshalb hält das Thünen-Institut den Begriff Waldsterben im aktuellen Fall für irreführend.<ref>Waldschäden durch Trockenheit und Hitze, Thünen-Institut, 27. Mai 2022</ref> Insgesamt wird hierbei die Ursache in einem allgemeinen „Klimastress“ gesehen<ref name="Senf etal 2018" /> und einem noch immer nicht hinreichend bekannten Zusammenwirken an Einzelfaktoren. Inwieweit schon das Waldsterben der 1980er Jahre eine Folge der beginnenden menschgemachten Klimaerwärmung war, respektive das zeitgenössische Waldsterben eine Folge der ersten Phase, ist Gegenstand aktueller Forschung. So wird ein Zusammenhang mit moderneren Einschlagformen, vom Kahlschlag hin zur vermehrten Einzelbaumentnahme, vermutet,<ref name="Senf etal 2018" /> aber auch in verpassten Chancen zum Umbau des Waldes in Richtung artenreicherer und somit stressresistenter Bestände.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

2020er Jahre

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In den 2020er Jahren konnte nach und nach der Schadensumsfang der vorausgegangenen Jahre eingeordnet werden. Sehr trockene Jahre 2018 bis 2021 in Deutschland und Mitteleuropa und die dadurch geförderte Borkenkäferplage sorgte für ein Absterben von mehr als 300.000 Hektar Wald, was etwa 2,5 % der deutschen Waldfläche bzw. der Fläche des Saarlands entspricht. In Mitteleuropa insgesamt sind 300 Millionen Kubikmeter Holz geschädigt. Besonders Fichten als Flachwurzler sind durch die bis zu 2 Meter in den Boden tief reichende Trockenheit betroffen.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Das Umweltbundesamt (UBA) wies im Januar 2024 darauf hin, dass die Kronenverlichtung nur zum Teil und bedingt als Indikator zum Waldsterben geeignet ist: „Die noch nie so hohen Absterberaten der Fichte im Jahr 2020, wie in den Ergebnissen der Waldzustandserhebung 2020 dokumentiert, gaben jedoch einen Hinweis darauf. Sie sind im Jahr 2021 rückläufig bei weiterhin hohem Niveau.“<ref name="Umweltbundesamt Kronenverlichtung 2024 Januar" />

Vorlage:Siehe auch

Forschungsgeschichte

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Die im Laufe der Debatte groß angelegten und großzügig geförderten Forschungsprojekte kamen in den 1990er Jahren zu einem meist wenig beachteten Abschluss, der kaum öffentlich debattiert wurde.<ref name="Goet" /> Die umweltgeschichtliche Forschung spricht deswegen auch von einer fast vergessenen Umweltdebatte.<ref name="Goet" /> Ulrich äußerte sich 1995 skeptisch über seine 15 Jahre zuvor veröffentlichte Hypothese vom Waldsterben.<ref>Vorlage:Literatur</ref>

Nach Angaben der Wochenzeitung „Die Zeit“ hatte die Bundesrepublik von 1982 bis 1998 allein für die Waldschadensforschung 367 Millionen Mark ausgegeben, 180 Millionen Mark für die Waldökosystemforschung. Eine unbekannte Summe wurde für die statistischen Erhebungen zum Waldzustandsbericht ausgegeben, die von 1984 bis 2003 durchgeführt wurden. Gemäß den Angaben von Roland Schäfer und Birgit Metzger nennt das Umweltbundesamt mehr als 850 Forschungsvorhaben, die zwischen 1982 und 1992 mit insgesamt 465 Mio. DM gefördert wurden.<ref>R. Schäfer, B. Metzger: Was macht eigentlich das Waldsterben? In: P. Masius u. a. (Hrsg.): Umweltgeschichte und Umweltzukunft: Zur gesellschaftlichen Relevanz einer jungen Disziplin. Universitätsverlag Göttingen, 2009, ISBN 978-3-940344-69-4, S. 204.</ref>

Status Waldzustand bis 2009

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Im Jahr 2000 waren nach dem offiziellen Waldzustandsbericht von Deutschland noch rund 35 Prozent aller Waldbäume ohne erkennbare Schäden,<ref>Bundesarbeitskreis Wald: Waldzustand in Deutschland und Europa weiter verschlechtert – Erholung des Waldes in den neuen Bundesländern zu Ende, Pressemitteilung zum Waldschadensbericht 2000, 29. November 2000.</ref> im Jahr 2004 waren es nur noch 28 Prozent, während 65 Prozent in die Warnstufe fielen und knapp ein Drittel deutliche Schäden hatten.<ref>scinexx : Wald stirbt mehr denn je: Deutscher Waldzustandsbericht 2004 mit alarmierender Bilanz, abgerufen am 20. Oktober 2014.</ref> Nach dem Waldzustandsbericht 2009 wiesen im Durchschnitt aller Baumarten 27 Prozent deutliche Kronenverlichtungen auf, wobei einige Regionen und einzelne Baumarten weit stärker betroffen waren. Nur 36 Prozent der Bäume wiesen keine Verlichtung auf.<ref>Ergebnisse der Waldzustandserhebung 2009. Vorlage:Webarchiv</ref>

Die Waldsterbensdebatte als Forschungsthema

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Von 2006 bis 2010 gab es an der Universität Freiburg ein zeithistorisch geleitetes DFG-Projekt mit dem Titel Waldsterben – Und ewig sterben die Wälder.<ref>DFG-Projektseite: Waldsterben – Und ewig sterben die Wälder</ref> Der Titel spielt bewusst auf den Roman Und ewig singen die Wälder an.<ref name="ond">SWR Interview mit Roderich von Detten: Der Wald stirbt seit über 25 Jahren SWR online 2008.</ref> Demnach war die wissenschaftliche Auseinandersetzung zwar Voraussetzung, um immissionsbedingte Waldschäden bewusst zu machen, jedoch ihr Einfluss auf die gesellschaftliche Deutung dieser Erkenntnisse gering. In die öffentliche Deutung spielten Hintergründe wie der Prozess der Urbanisierung und Motorisierung, die zunehmende Freizeit, die spezifisch deutsche völkisch mystische Aufladung des Waldes,<ref name="blubo" /> die Autarkiepolitik der Nationalsozialisten sowie die Durchsetzung sozialhygienischer Deutungsmuster Anfang des 20. Jahrhunderts hinein.<ref name="MB" /> Schäfer und Metzger hingegen messen den Stellungnahmen von Wissenschaftlern und Forstpraktikern eine große Relevanz für die öffentliche und politische Debatte bei, auch über die ersten Schadensmeldungen hinaus.<ref name="Goet" /> Die Betrachtung legt zudem nahe, dass eine Deutung über Verwissenschaftlichungsprozesse mit Vorsicht zu behandeln ist.<ref name="MB" /> Bei der Wendung zu einer Interpretation einzelner Waldschäden als gesellschaftsrelevantem Umweltproblem hatten Experten nur wenig Einfluss und ‚die Wissenschaft‘ war keineswegs treibende Kraft. Das viel diskutierte Konzept der Wissensgesellschaft sei dabei kaum anzuwenden.<ref name="MB">waldsterben.uni-freiburg.de Und ewig sterben die Wälder Teilprojekt I, Zusammenfassung zu Martin Bemmann – „Beschädigte Vegetation“ und „Sterbende Wälder“. Zur Entstehung eines Umweltproblems in Deutschland, 1893–1970, Dissertation, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg 2010.</ref>

Internationales

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Datei:ETH-BIB Com L33-0268-0002-0007 Walddemo Bern 1984.tif
Kundgebung gegen das Waldsterben in Bern (Schweiz) am 5. Mai 1984

Obwohl die Waldschäden längst nicht nur in Mitteleuropa auftraten, sondern fast ganz Europa sowie Nordamerika betroffen waren, wurde das Waldsterben in der Bundesrepublik Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz besonders intensiv debattiert,<ref>beobachter.ch: Panikstimmung im Forst</ref><ref>Was wurde aus dem Waldsterben? – Österreich – Report (ORF) – 5. Juli 2011.</ref> während das in benachbarten Ländern weniger geschah. In der Forschung untersucht wurden insbesondere die unterschiedliche Rezeption des spezifisch westdeutschen Waldsterbensdiskurses in der DDR wie auch in Frankreich. In Frankreich traten zum Teil ebenfalls Schäden auf, auch wenn sie wegen der in den meisten Teilen des Landes weitaus geringeren Belastung durch Schwefeldioxid und andere Rauchgase schwächer ausgeprägt waren als in den deutschen Mittelgebirgen. Dennoch wurde unter den Schlagwörtern dépérissement des forêts (wörtlich etwa: „Waldverkümmerung“) und le mal des forêts („Krankheit der Wälder“) eine in vieler Hinsicht vergleichbare Debatte geführt.<ref>Vgl. Laurent Schmit: „Le Waldsterben“. Die Debatte über Sauren Regen und Waldschäden in Frankreich. Teilstudie 5 des DFG-Projekts „Und ewig sterben die Wälder“".</ref>

1999 wurden mit dem Orkan Lothar Wald und Waldschäden in Frankreich noch einmal zu einem öffentlichen Thema. Dabei wurde deutlich mehr auf die Eigentümerstruktur und die Nutzungsform abgehoben als auf eine Mythologisierung des Waldes an sich.<ref name="blubo">Tagungsbericht Und ewig sterben die Wälder. Das deutsche "Waldsterben" in multidisziplinärer Perspektive, Veranstalter: Freiburger Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Historischen Seminars (Franz-Josef Brüggemeier, Jens Ivo Engels) und das Freiburger Institut für Forstökonomie (Gerhard Oesten, Roderich von Detten) Datum, Ort: 13.–15. Juni 2007, Freiburg</ref> Die französische Öffentlichkeit thematisierte im Gefolge die tradierten, monopolistischen Besitzstrukturen stärker als die Schadensbilder, die vor allem unter dem Aspekt wirtschaftlicher Auswirkungen thematisiert wurden.<ref>DFG-Projekt Waldsterben. Internetseite der Universität Freiburg. Abgerufen am 29. Mai 2013.</ref> Das Wort le waldsterben ging als Fremdwort ins Französische ein (Germanismus).

Der französische Historiker Michel Dupuy vertritt die These, dass die oppositionelle Umweltbewegung, die vor allem auf Grund der Luftverschmutzung entstanden sei, durch ihre politische Arbeit maßgeblich zum Untergang der DDR beigetragen habe.<ref>Tagungsbericht: Und ewig sterben die Wälder. Das deutsche „Waldsterben“ in multidisziplinärer Perspektive. 13.–15. Juni 2007, Freiburg, in: H-Soz-u-Kult, 26. Juli 2007, hsozkult.geschichte.hu-berlin.de, Dupuy.</ref>

Organisationen

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Siehe auch

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Literatur

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Vorlage:Commonscat Vorlage:Wiktionary

Einzelnachweise

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<references responsive> <ref name="Umweltbundesamt Kronenverlichtung 2024 Januar"> Vorlage:Internetquelle </ref> </references>

Vorlage:Normdaten