Liane Berkowitz

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Datei:CIC RO L Berkowitz detail.jpg
Liane Berkowitz (wahrscheinlich 1943)

Liane Berkowitz (Vorname laut Geburtsurkunde „Lianna“,<ref>Geburtsurkunde Standesamt (Berlin-)Charlottenburg, Nr. 456 vom 14. August 1948</ref> im Familien- und Freundeskreis „Lanka“ oder „Lana“ genannt,<ref>Die Briefe, die Liane Berkowitz aus dem Gefängnis an ihre Mutter schrieb, unterschrieb sie mit „Lanka“ oder „Lana“, vgl. Johannes Tuchel: Motive und Grundüberzeugungen des Widerstandes der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation. Zum Denken und Handeln von Liane Berkowitz. In: Kurt Schilde (Hrsg.): Eva Maria Buch und die „Rote Kapelle“. Erinnerungen an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, 2. Auflage Berlin 1993 (1. Auflage 1992)</ref> * 7. August 1923 in Berlin; † 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee) war eine deutsche Widerstandskämpferin der Roten Kapelle.

Leben

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Liane Berkowitz war die Tochter des Konzertmeisters und Dirigenten Wiktor Wassiljew und dessen Ehefrau, der Gesangslehrerin Katharina Jewsejenko.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Die Familie floh 1923 aus der Sowjetunion nach Berlin. Schon bald nach dem Tod des Ehemanns heiratete die Mutter Henry Berkowitz, der Liane sofort adoptierte. Berkowitz sorgte dafür, dass sie sich ab 1941 am Privatgymnasium Heilsche Abendschule auf das Abitur vorbereiten konnte.

Dort schloss sie sich dem Freundeskreis um ihre Mitschülerin Eva Rittmeister und deren Ehemann John Rittmeister an, dem auch Ursula Goetze, Otto Gollnow, Fritz Thiel und Friedrich Rehmer angehörten. Unter Anleitung von John Rittmeister entwickelte sich der Freundeskreis zu einem Zirkel von Hitlergegnern, der später mit Harro Schulze-Boysen in der Widerstandsgruppe Rote Kapelle gegen das Nazi-Regime zusammenarbeitete. Sie verlobte sich mit Friedrich Rehmer und war bei ihrer Verhaftung von ihm schwanger.

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Klebezettel der „Roten Kapelle“ als Protest gegen die Ausstellung<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Zusammen mit Otto Gollnow – ihr Verlobter war verwundet im Lazarett – klebte Berkowitz am Abend des 17. Mai 1942 ungefähr 100 Klebezettel zwischen Kurfürstendamm und Uhlandstraße. Auf den Zetteln stand: Vorlage:Zitat

Damit wollten sie gegen die Ausstellung Das Sowjet-Paradies der Reichspropagandaleitung der NSDAP protestieren.<ref>Vorlage:Literatur</ref> Außerdem wollten sie zeigen, dass der antifaschistische Widerstand in Deutschland noch immer aktiv war. Nicht sicher ist, ob bei dieser Aktion Berkowitz und Gollnow unauffällig von Harro Schulze-Boysen begleitet und beschützt wurden.

Im Rahmen der Zerschlagung der Gruppe wurde Liane Berkowitz am 26. September 1942 verhaftet und angeklagt.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Friedrich Rehmer, der im Lazarett Britz eine schwere Kriegsverletzung von der Ostfront auskurieren sollte, wurde am 29. November 1942 aus dem Krankensaal heraus verhaftet. Der Zweite Senat des Reichskriegsgerichts verurteilte am 18. Januar 1943 Berkowitz und Rehmer zusammen mit weiteren an der Klebeaktion beteiligten Freunden „wegen Beihilfe zur Vorbereitung des Hochverrats und zur Feindbegünstigung“ zum Tode.<ref>Maritta Adam-Tkalec: Im Osten benutzt, im Westen gehasst: Die wahre Geschichte der Roten Kapelle. In: Berliner Zeitung, 28. August 2022.</ref>

Als das Reichskriegsgericht bei der Urteilsüberprüfung gegenüber Adolf Hitler die Empfehlung aussprach, die schwangere Liane Berkowitz aus der Haft zu entlassen, lehnte dieser ausdrücklich ab.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Das Todesurteil ließ er durch Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel bestätigen und gegenzeichnen.

Im Frauengefängnis Barnimstraße brachte Liane Berkowitz am 12. April 1943 ihre Tochter Irina (amtlicher Name: Irene<ref>Geburtsurkunde für Irene Berkowitz, als Faksimile abgedruckt in Johannes Tuchel: "... wenn man bedenkt...", S. 396</ref>) zur Welt, die ab Juli 1943 von der Großmutter betreut wurde.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Liane Berkowitz wurde am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil geköpft;<ref>Vorlage:Literatur</ref> Friedrich Rehmer bereits am 13. Mai 1943.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Ihr Leichnam wurde dem Anatom Hermann Stieve übergeben, um für Forschungszwecke seziert zu werden. Der Beisetzungsort der Asche ist unbekannt.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Da es kein Grab gibt, ließ Liane Berkowitz’ Mutter Katharina Wassiljewa-Berkowitz (1889–1959) ihrem eigenen Grabstein die Inschrift „… Auch im Andenken an die Tochter LIANE BERKOWITZ – Geb. 1923 – Ermordet in Plötzensee am 5.8.1943“ hinzufügen.<ref>Der Grabstein befindet sich auf dem Russisch-Orthodoxen Friedhof in Berlin-Tegel (Wittestraße 37, 13509 Berlin), Abteilung 13, Reihe 7, Grabstätte 3.</ref>

Die Tochter Irina starb am 16. Oktober 1943 im Krankenhaus Eberswalde unter ungeklärten Umständen. Wahrscheinlich wurde sie Opfer einer NS-Krankenmordaktion, möglicherweise starb sie auch wegen der Unterernährung von Liane Berkowitz während der Schwangerschaft.<ref>Johannes Tuchel: Widerstand: Weihnachten müsst Ihr richtig feiern. In: Die Zeit, Nr. 51/2007.</ref>

Liane Berkowitz war orthodoxe Christin. Gemeinsam mit ihrer Mutter besuchte sie die russisch-orthodoxe St. Wladimirs-Kirche in der Nachodstraße in Berlin-Wilmersdorf. In ihren Briefen aus dem Gefängnis zeigt sich Liane Berkowitz als fest in der christlich-orthodoxen Tradition verwurzelte, tief gläubige junge Frau.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Der katholische Gefängnisgeistliche Peter Buchholz ermöglichte ihr am Todestag den Empfang der Kommunion.<ref>Laut den Erinnerung von Pfarrer Peter Buchholz, abgedruckt in: Anton Grundlach, Albert Panzer (Hrsg.): Peter Buchholz – Seelsorger von Plötzensee. 1. Auflage. Kyrios Verlag, Meitingen bei Augsburg 1964</ref>

Die Briefe von Liane Berkowitz

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Erhalten sind die Briefe, die Liane Berkowitz zwischen dem 26. Oktober 1942 und dem 5. August 1943 aus dem Gefängnis an ihre Mutter schrieb. Es handelt sich um in deutscher Sprache verfasste „offizielle“ Briefe, die der Postzensur unterlagen, sowie um geschmuggelte Kassiber, die Liane in russischer Sprache schrieb.<ref>Die Briefe wurden zuerst veröffentlicht in: Johannes Tuchel: Motive und Grundüberzeugungen des Widerstandes … S. 108 ff. (hier in chronologischer Reihenfolge abgedruckt). Wieder veröffentlicht wurden sie (thematisch den einzelnen Kapiteln zugeordnet) in: Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt …“.</ref> Sie „zeigen nicht nur den 'Alltag' einer schwangeren Jugendlichen unter den Bedingungen eines nationalsozialistischen Gefängnisses, sie sind vielmehr Ausdruck einer Sorge, die ihrem Kind, ihrem Verlobten und ihrer Mutter gelten. Zugleich wird in diesen Briefen ein Glauben deutlich, der über ihre formale Zugehörigkeit zur russisch-orthodoxen Kirche weit hinausgeht.“<ref>Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt …“. S. 235.</ref>

Liane schreibt über ihre Erlebnisse im Gefängnis, über die Freude, die sie an Irka – wie sie ihre Tochter Irina nennt – hat, und ihre Sorgen, die sie sich ihretwegen macht, über Begegnungen mit evangelischen Gefängnispfarrern und Besuche des katholischen Gottesdienstes. Immer wieder schöpft sie Hoffnung, dass sie begnadigt wird, um dann um so verzweifelter zu erkennen, dass sie ihrer Irka nie eine richtige Mutter wird sein können und ihren Freund Friedrich Rehmer, den sie „Remus“ nennt, nie wiedersehen wird.

Aus einem Brief vom 28. Februar 1943: Vorlage:Zitat

In ihrem Abschiedsbrief, den sie kurz vor ihrer Hinrichtung am 5. August 1943 verfasste, schrieb sie: Vorlage:Zitat

Ehrungen und Gedenken

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Berliner Gedenktafel in Berlin-Schöneberg (Viktoria-Luise-Platz 1)

Literatur

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  • Claudia von Gélieu: Frauen in Haft. Gefängnis Barnimstrasse. Eine Justizgeschichte (EP 530). Elefanten-Press, Berlin 1994, ISBN 3-88520-530-0 (Nachdruck: Espresso-Verlag: ISBN 3-88520-530-0).
  • Regina Griebel, Marlies Coburger, Heinrich Scheel: Erfasst? Das Gestapo-Album zur Roten Kapelle. Eine Foto-Dokumentation. Audioscop, Halle 1992, ISBN 3-88384-044-0.
  • Gert Rosiejka: Die Rote Kapelle. ‚Landesverrat‘ als antifaschistischer Widerstand. Mit einer Einführung von Heinrich Scheel. Ergebnisse-Verlag, Hamburg 1986, ISBN 3-925622-16-0 (Ergebnisse, 33).
  • Johannes Tuchel: Motive und Grundüberzeugungen des Widerstandes der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation. Zum Denken und Handeln von Liane Berkowitz. In: Kurt Schilde (Hrsg.): Eva Maria Buch und die „Rote Kapelle“. Erinnerungen an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. 2. Auflage. Berlin 1993 (1. Auflage 1992). Eine Schrift der Bruno-und-Else-Voigt-Stiftung. Overall, Berlin 1992 (hier sind die Gefängnisbriefe und Kassiber von Liane Berkowitz abgedruckt).
  • Vera Lourié: Briefe an Dich. Erinnerungen an das russische Berlin. Hrsg. von Doris Liebermann. Schöffling Verlag Frankfurt/Main 2014.
  • Johannes Tuchel: „… wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben.“ Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandsaktionen der Berliner Roten Kapelle 1941/42. Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte, Berlin 2022, ISBN 978-3-86732-302-4.
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Einzelnachweise

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<references />

Vorlage:Normdaten

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