Das Jahr 1830 markiert eine entscheidende Zäsur in der Indianerpolitik der Vereinigten Staaten. Hat man bisher überwiegend versucht, Verträge mit den Ureinwohnern zu schließen, bildet der in diesem Jahr beschlossene Indian Removal Act die Grundlage für die Vertreibung der Indianer in Reservate. An der Grenze zu Mexiko nehmen als Folge eines neuen Einwanderungsgesetzes Zusammenstöße zwischen US-Siedlern und mexikanischen Soldaten zu. Ohne den außenpolitischen Druck durch die spanische Kolonialmacht schwindet in dem gerade erst unabhängigen Großkolumbien der innere Zusammenhalt. Von dem Staatsverband spalten sich daher neue Staaten wie Ecuador und Venezuela ab. Weiters tritt die Verfassung des zwei Jahre zuvor gegründeten Uruguay in Kraft. Chile erlebt einen Bürgerkrieg, aus dem die konservativen Kräfte gestärkt hervorgehen.
In Afrika beginnt die französische Eroberung Algeriens. Der ägyptische Statthalter Muhammad Ali beansprucht eine erbliche Herrscherwürde über Ägypten und Syrien. Diese Politik führt in den folgenden Jahren zu einer militärischen Eskalation im Nahen Osten mit dem Osmanischen Reich.
Südostasien gerät gegenüber europäischen Kolonialmächten in die Defensive. Während die Niederlande einen Aufstand in Java niederschlagen können und ihre Herrschaft festigen, baut in China die britische East India Company ihren illegalen Schmuggelhandel mit Opium weiter aus.
In technischer Hinsicht nimmt vor allem in Großbritannien der Ausbau des Eisenbahnnetzes neue Größendimensionen an.
5./13. Juli: Bei den Parlamentswahlen werden die oppositionellen Liberalen gestärkt und gewinnen 52 Sitze dazu.
25. Juli: König Karl X. von Frankreich unterzeichnet im Schloss Saint-Cloud die Juliordonnanzen. Er ordnet darin an, die Pressezensur einzuführen und den Wahlzensus nach oben zu setzen. Damit sind etwa 75 % der bisherigen Wähler nicht mehr wahlberechtigt. Die Verordnungen werden am nächsten Morgen veröffentlicht.
27. Juli: In Paris beginnt als Reaktion auf die Juliordonnanzen die Julirevolution von Handwerkern, Arbeitern und Studenten gegen die Restaurationspolitik der Bourbonen. Es kommt zu Barrikadenkämpfen. Der König verreist inzwischen auf seinen Landsitz auf Schloss Rambouillet. Am 29. Juli ziehen sich die königlichen Truppen, die in dieser Zeit keine Anweisungen erhalten haben, aus Paris zurück. Ministerpräsident Jules de Polignac flieht aus der Stadt.
2. August: König Karl X. verzichtet zugunsten seines Enkels Henri d’Artois auf den Thron. Die Thronfolge des Neunjährigen wird vom Parlament jedoch nicht anerkannt, nur eine kleine Fraktion von Legitimisten unterstützt seinen Thronanspruch.
7. August: Das Parlament proklamiert Louis-Philippe, den Herzog von Orléans, zum König der Franzosen. Adolphe Thiers und François Guizot gehören zu den entschiedenen Fürsprechern dieser Entscheidung.
9. August: Der Herzog von Orléans nimmt als Louis-Philippe I. die ihm angetragene Königskrone an. Die vom Großbürgertum dominierte sogenannte Julimonarchie beginnt.
16. August: Karl X. schifft sich nach England ein.
30. August: In Aachen äußert sich sozialer Protest über vor allem durch das Trucksystem hervorgerufene miserable Lebensbedingungen in Unruhen. Die Bürgerwehr stellt „Ruhe und Ordnung“ wieder her.
16. September: Nach der willkürlichen Verhaftung mehrerer Schneidergesellen bricht in Berlin die Schneiderrevolution aus. Sie wird bis zum 20. September gewaltsam vom Militär niedergeschlagen.
24. bis 28. Dezember: Während der Münchner Weihnachtstumulte kommt es zu mehreren Zusammenstößen zwischen Studenten und Handwerksburschen einerseits sowie Soldaten der Münchner Garnison und bürgerlicher Landwehr andererseits. Der Anlass der Auseinandersetzungen ist die temporäre Verhaftung zweier Studenten. Die Professoren Friedrich Thiersch und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling können am 29. Dezember mäßigend auf die Studentenschaft einwirken. Harsche Bestrafungen durch König Ludwig I. von Bayern wie kollektive Universitäts- und Stadtverweise werden nach wenigen Tagen wieder aufgehoben.
Ab September gibt es in den meisten Schweizer Kantonen Volksaufstände, welche die aristokratischen Regimes stürzen und in rund der Hälfte der Kantone bis 1831 zu liberalen Verfassungen führen.
Datei:Freiaemtersturm.jpgHeinrich Fischer sammelt vor seinem Wirtshaus in Merenschwand die ersten Freiwilligen für den Zug nach Aarau.
29. November: In Warschau beginnt, orientiert am Beispiel der französischen Julirevolution, der Novemberaufstand in Polen gegen die russische Herrschaft. Eine Gruppe von Verschwörern, unter ihnen Ludwik Mierosławski, greift den Belvedere-Palast an, mit dem Ziel den faktischen Vizekönig Konstantin Pawlowitsch Romanow, den Bruder des Zaren, zu töten. Der schlecht geplante Anschlag misslingt, die russischen Truppen und Großfürst Konstantin Pawlowitsch Romanow ziehen sich jedoch überrascht aus Polen zurück. Nun beginnen sich auch hohe polnische Offiziere und führende Politiker am Aufstand zu beteiligen. Die Fürsten Franciszek Ksawery Drucki-Lubecki und Adam Jerzy Czartoryski versuchen die Unruhen zu beenden und verhandeln mit dem Großfürsten.
3. Dezember: Eine vorläufige Regierung unter Beteiligung des Historikers Joachim Lelewel wird gegründet. Józef Chłopicki wird Oberbefehlshaber der Armee.
5. Dezember: Józef Chłopicki wird zum Diktator ernannt und am 18. Dezember vom Sejm in dieser Position bestätigt. Chłopicki glaubt nicht an einen polnischen Sieg und versucht daher in Verhandlungen mit dem Russischen Zaren Konzessionen für Polen zu erreichen.
12. Dezember: Das Osmanische Reich erkennt die faktische Eigenständigkeit Serbiens an, die Miloš Obrenović erkämpft hat. Völkerrechtlich wird das Land jedoch erst 1878 unabhängig.
14. Juni: Französische Truppen unter dem Befehl des Comte de Bourmont landen im heutigen Algerien und beginnen mit der Eroberung des Landes. Sie rücken zuerst gegen Algier vor.
5. Juli: Frankreich kann mit seinen Truppen das bekämpfte Algier einnehmen, was den Auftakt zur weiteren Eroberung Algeriens bildet.
1. Oktober: In Nordafrika stellt die französische Kolonialarmee das erste Zuaven-Korps auf. Die Söldner zeichnen sich durch ihre Tapferkeit aus.
27. September: Auf Basis des Indian Removal Act schließen die USA mit den Choctaw den Vertrag von Dancing Rabbit Creek. Mit Abschluss des Vertrages tauschen die Choctaw rund 45.000 Quadratkilometer ihres angestammten Siedlungsgebietes im heutigen Bundesstaat Mississippi gegen 61.000 Quadratkilometer im Indianer-Territorium im heutigen Oklahoma ein. Die Choctaw werden damit zur ersten der Fünf zivilisierten Nationen, die von der Regierung nach Oklahoma umgesiedelt werden. Diese Umsiedlung, die etwa 2500 Choctaw das Leben kosten wird, wird als Pfad der Tränen bekannt.
11. September: In Ecuador, das im Mai aus Großkolumbien ausgeschieden ist, wählt das Parlament Juan José Flores in Riobamba zum ersten Präsidenten des Landes. Obwohl er schon am 24. August zum provisorischen Präsidenten ernannt worden ist, tritt er sein Amt offiziell erst am 22. September an.
15. September: Die 64 km lange Liverpool and Manchester Railway (L&MR) wird für den regulären Verkehr eröffnet. Acht von Lokomotiven gezogene Züge verkehren auf der Strecke. Im BahnhofParkside wird dabei der Politiker William Huskisson am Eröffnungstag von der Lokomotive The Rocket überfahren. Er ist das erste prominente Todesopfer eines Eisenbahnunfalls. Die L&MR ist die erste Eisenbahnstrecke der Welt, auf der sämtliche Züge nach festem Fahrplan und mit Dampflokomotiven verkehren. Wenige Wochen nach Eröffnung fahren die ersten Ausflugszüge und Postzüge. Der erste Güterzug fährt allerdings erst im Dezember, nachdem die leistungsstärkere Lokomotive Planet in Betrieb gesetzt worden ist.
2. November: In der Salem-Gazette erscheint die anonyme KurzgeschichteThe Battle-Omen, die möglicherweise aus der Feder von Nathaniel Hawthorne stammt.
11. März: Die Oper I Capuleti e i Montecchi(Die Capulets und die Montague) von Vincenzo Bellini wird am Teatro La Fenice in Venedig uraufgeführt. Das Libretto wurde von Felice Romani auf Grundlage diverser italienischer Quellen verfasst, darunter Matteo Bandellos Novelle La sfortunata morte di due infelicissimi amanti(Der tragische Tod zweier unglücklicher Liebender), die auch William Shakespeare für sein Drama Romeo und Julia, das zu dieser Zeit in Italien nahezu unbekannt ist, als Vorlage gedient hat. Bellini hat für sein Werk Stücke aus seiner im Vorjahr durchgefallenen Oper Zaira verwendet.
26. Dezember: Die Oper Anna Bolena von Gaetano Donizetti auf das Libretto von Felice Romani hat ihre Uraufführung am Teatro Carcano in Mailand. Mit diesem Werk schafft Donizetti seinen Durchbruch in Mailand.
5. September: Im Wiener Vorort Obermeidling wird in Anwesenheit des Kaiserpaares das Vergnügungsetablissement Tivoli mit Rutschbahn eröffnet. Das Orchester von Johann Strauss (Vater) erhält vom Lokal ein festes Engagement.
In Japan findet eine Wallfahrt zu den Ise-Schreinen statt. Obwohl solche Pilgerreisen sich etwa alle 60 Jahren wiederholen, gehört diejenige von 1830 zu den drei größten ihrer Art in der japanischen Edo-Zeit. Angeblich machen sich 5 Millionen Pilger auf den Weg nach Ise. In durchschnittlichen Jahren waren es lediglich 300.000 bis 400.000 Personen.<ref>Klaus Antoni: Die Tokugawa-Zeit verstand zu erben. Zu den Ise-Wallfahrten der Edo-Zeit. In: Stanca Scholz-Cionca (Hrsg.), Wasser–Spuren. Festschrift für Wolfram Naumann zum 65. Geburtstag. Harrassowitz, Darmstadt 1998, S. 34–60, hier S. 38.</ref>
In Asien und Europa steht das Jahr 1830 im Zeichen einer Cholerapandemie. Da sich die russischen Behörden zu spät zu Quarantäne- und Isolationsmaßnahmen durchringen, springt die Cholera im Spätsommer auf Moskau über. Damit ist klar, dass eine weitere Ausbreitung der Pandemie nicht mehr zu stoppen ist.<ref>Kirsten Mörters: Hurra, Cholera! – Die Cholera-Unruhen in St. Petersburg im Sommer 1831, in: Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.), Volksaufstände in Russland. Von der Zeit der Wirren bis zur Grünen Revolution gegen die Sowjetherrschaft. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, S. 397–425, hier S. 400–401.</ref> Wahrscheinlich exportieren russische Truppen, die der Zar gegen die polnische Novemberrevolution entsendet, die Seuche weiter nach Westen. In Russland selbst bzw. in der Stadt Tambow kommt es im November aufgrund einer bereits 3 Monate andauernden Quarantäne zu einem Aufstand der Bevölkerung. Die Kämpfe halten drei Tage lang an. Etwa 200 Menschen sterben.<ref>Kirsten Mörters: Hurra, Cholera! – Die Cholera-Unruhen in St. Petersburg im Sommer 1831, in: Heinz-Dietrich Löwe (Hrsg.), Volksaufstände in Russland. Von der Zeit der Wirren bis zur Grünen Revolution gegen die Sowjetherrschaft. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, S. 397–425, hier S. 402.</ref>
Datei:Eduard Gurk - Leopoldstadt, Jägerzeile, am 2 März 1830.jpgDas Wiener Hochwasser vom Februar 1830 bildet den historischen Hintergrund zur Wasserfarbenansicht von Eduard Gurk. Zu erkennen ist die überflutete Jägerzeile in der Leopoldstadt. Das Bild entstand um 1830 und wird heute in einem Wiener Kunstmuseum, der Albertina, ausgestellt.
Bei der Cholerabekämpfung in Preußen setzt sich die Position des Direktors der Charité durch: Johann Nepomuk Rust ist ein Anhänger der Ansteckungstheorie. Er zweifelt daran, dass klimatische Faktoren für die Ausbreitung der Cholera verantwortlich sein sollten. Auf seine Anregung hin wird die ostpreußische Grenze militärisch abgeriegelt. Zur besseren Kontrolle der Einreise werden zusätzliche Wachhäuser auf Hügeln erbaut. Es entstehen ebenfalls Anlagen, in denen über mehrere Wochen hinweg der Gesundheitszustand von Einreisenden aus den Risikogebieten überprüft werden kann. Auch Güter werden eine gewisse Zeit in der Quarantäne einbehalten und mit Chlor desinfiziert. Die Maßnahmen helfen tatsächlich die weitere Ausbreitung zu verzögern.<ref>Stefan Winkle: Geißeln der Menschheit. Kulturgeschichte der Seuchen. 3. erw. Ausgabe, Artemis & Winkler, Düsseldorf 2005, S. 171.</ref> In Wien wird die Cholera durch ein historisches Hochwasser begünstigt: Die fehlende Kanalisation der Wiener Vorstädte bietet eine günstige bakterielle Grundlage. In der Stadt kostet die Seuche rund 2.000 Menschen das Leben.<ref>Ermar Junker: Vom Amulett zur Vorsorgemedizin. Der Kampf gegen Seuchen in Wien im Wandel der Zeiten. Literas, Graz 2000, S. 57.</ref>