Marie Juchacz

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Marie Juchacz, um 1919

Marie Juchacz ([[[:Vorlage:IPA]]]; geborene Gohlke; * 15. März 1879 in Landsberg an der Warthe; † 28. Januar 1956 in Düsseldorf) war eine deutsche Sozialreformerin, Sozialdemokratin und Frauenrechtlerin. Unter ihrer Leitung wurde am 13. Dezember 1919 die Arbeiterwohlfahrt gegründet. Nach der Einführung des passiven Wahlrechts für Frauen hielt sie am 19. Februar 1919 in der Weimarer Nationalversammlung als erste Frau eine Rede.<ref name="taz_11.11.2018" /><ref>Marie Juchacz: „Die Frauen besitzen heute das Ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen.“.Rede vom 19. Januar 1919 in Weimar. In: MDR, 22. November 2018, 34:21 Min.</ref><ref>Annette Kammerer: Für die Frauen und die Armen. AWO-Gründerin Marie Juchacz. In: Deutschlandfunk Kultur: Zeitfragen vom 11. Dezember 2019, abgerufen am 12. Dezember 2019.</ref>

Leben und Beruf

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Marie Juchacz wurde als Tochter des Zimmermanns Theodor Gohlke und seiner Frau Henriette in Landsberg an der Warthe geboren.<ref name="Striewski">Jennifer Striewski: Marie Juchacz (1879–1956), Begründerin der Arbeiterwohlfahrt. Landschaftsverband Rheinland, 8. März 2013.</ref> Nach dem Besuch der Volksschule in Landsberg an der Warthe arbeitete Juchacz ab 1893 zunächst als Dienstmädchen und kurzzeitig als Fabrikarbeiterin. Von 1896 bis 1898 war sie in der Krankenpflege tätig. Anschließend absolvierte sie eine Lehre zur Schneiderin. In diesem Beruf war sie bis 1913 tätig. Nachdem sie sich 1906 von ihrem Mann, dem Schneidermeister Bernhard Juchacz, getrennt hatte, übersiedelte sie mit den beiden Kindern nach Berlin.<ref name="Striewski" /> Während des Ersten Weltkriegs von 1914 bis 1918 arbeitete sie zusammen mit Anna Maria Schulte, ihrer Schwester Elisabeth Röhl und Else Meerfeld in der „Heimarbeitszentrale“ und war Mitglied der sogenannten „Lebensmittelkommission“.

Juchacz trat 1908 der SPD bei, mit deren Programm sie ihr älterer Bruder vertraut gemacht hatte. In kurzer Zeit entwickelte Juchacz sich zur gefragten Versammlungsrednerin. Im Jahr 1913 wurde sie in Köln Frauensekretärin für den Parteibezirk Obere Rheinprovinz, wo sie sich vor allem um die Organisation der Textilarbeiterinnen im Aachener Raum kümmerte.<ref>Marie Juchacz, geb. Gohlke. In: Daniela Weiland: Hermes Handlexikon. Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich. Econ-Taschenbuch, Düsseldorf 1983, S. 133/134.</ref> Als es 1917 zur Spaltung der Sozialdemokraten und zur Gründung der USPD kam, erhielt Marie Juchacz, die bei den Mehrheitssozialdemokraten blieb, von Friedrich Ebert die Stelle als Frauensekretärin im Zentralen Parteivorstand, die zuvor Clara Zetkin innegehabt hatte. Sie übernahm außerdem die Redaktionsleitung der Frauenzeitung Die Gleichheit. Marie Juchacz gehörte am 13. Dezember 1919 zu den Gründern der Arbeiterwohlfahrt (AWO) (Eintragung ins Berliner Vereinsregister am 3. April 1925<ref>Gründung eines e. V. in Berlin / Eintragung in das VR am 03.04.1925.</ref>) und war bis 1933 ihre erste Vorsitzende. Von 1921 bis 1931 gehörte sie dem Vorstand des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge (DV) an.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten emigrierte Juchacz im März 1933 ins Saargebiet und gründete in Saarbrücken (Bahnhofstraße 80) eine Pension für Emigranten.<ref>Werner Brill: Politischer Stadtführer. Saarbrücken 1933 bis 1945. Blattlaus-Verlag. Saarbrücken. 2021. S. 53</ref> Als 1935 die Saarabstimmung ein deutliches Votum für die Eingliederung in das nationalsozialistische Deutschland erbrachte, floh sie ins Elsass und nach Beginn des Zweiten Weltkrieges über Paris nach Marseille. 1941 floh sie mit einem Notvisum über Martinique nach New York, wo sie bis 1949 lebte. Im Exil lernte sie mit über 60 Jahren Englisch, pflegte ihren Schwager – Emil Kirschmann – und versorgte andere Flüchtlinge mit Mittagessen.<ref name="taz_11.11.2018">Johanna Roth: Frauenwahlrecht in Deutschland: Die Uroma der Demokratie. In: die tageszeitung (taz), 11. November 2018.</ref> In New York gründete sie 1945 die Arbeiterwohlfahrt USA – Hilfe für die Opfer des Nationalsozialismus, die nach Ende des Krieges mit Paketsendungen Unterstützung im zerstörten Deutschland leistete.<ref name="Striewski" />

Datei:Juchacz Kirschmann -Grab.jpg
Marie Juchacz beigesetzt im Familiengrab auf dem Kölner Südfriedhof

1949 kehrte sie aus ihrem Exil nach Deutschland zurück und wurde Ehrenvorsitzende der AWO.

Marie Juchacz wurde im Grab ihrer Schwester Elisabeth und deren Ehemann Emil Kirschmann auf dem Kölner Südfriedhof (Flur 65 Nr. 307) beerdigt. 2011 erklärte der Rat der Stadt Köln die Grabstätte zur Ehrengrabstätte.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Abgeordnete und Mitglied der Weimarer Nationalversammlung

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Als eine von 37 Frauen wurde Marie Juchacz 1919 in die Weimarer Nationalversammlung gewählt. Am 19. Februar 1919 sprach sie dort als erste Parlamentarierin nach der Erlangung des Frauenwahlrechts:<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Vorlage:Zitat

Sie gehörte als einzige Frau dem „Ausschuß zur Vorberatung des Entwurfs einer Verfassung des Deutschen Reichs“ der Nationalversammlung an.<ref>19.01.1919: Frauen dürfen zum ersten Mal wählen. In: Friedrich-Ebert-Stiftung.</ref> Von den Reichstagswahlen 1920 bis 1933 war sie Mitglied des Reichstages. Ihre Schwester Elisabeth Röhl war ebenfalls SPD-Abgeordnete in der Nationalversammlung.

Ehrungen

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Mehrere Städte benannten Straßen nach ihr, wie etwa als „Marie-Juchacz-Straße“, „Marie-Juchacz-Weg“ oder „Marie-Juchacz-Platz“ in Stuttgart<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> oder Gengenbach. In Bremerhaven wurde der Platz vor dem Auswandererhaus in „Marie-Juchacz-Platz“ benannt.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> 1969 wurde sie mit einer Briefmarke (Katalog-Nr. 596-Block 5) 50 Jahre Frauenwahlrecht geehrt und im Jahr 2003 mit einer 1-Euro-Briefmarke in der Serie Frauen der deutschen Geschichte (Katalog-Nr. 2305).

Im Reichstagsgebäude ist ein Saal, in dem der SPD-Fraktionsvorstand tagt, nach ihr benannt, ebenso der Sitzungssaal des Stadtrates von Weimar.<ref>Marie-Juchacz-Saal. In: Stadt Weimar.</ref> Die Arbeiterwohlfahrt vergibt seit 1969 die Marie-Juchacz-Plakette. Der Marie-Juchacz-Preis wird von der SPD-Bundesfraktion verliehen.

Am 18. August 2017 wurde ein Denkmal für Marie Juchacz am Mehringplatz in Berlin-Kreuzberg eingeweiht. In der Nähe des Denkmals befand sich bis 1933 die Zentrale der Arbeiterwohlfahrt.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref> Die Gedenkplatte besteht aus zwei stützenden Dreiecken, die eine Mittelform tragen. Aus den dreieckigen Stahlplatten sind die Worte „Freiheit“, „Gerechtigkeit“ (links) und „Gleichheit“, „Toleranz“ und „Solidarität“ ausgeschnitten. Aus der stählernen Gedenkplatte in der Mitte sind das Geburts- und Sterbejahr, der Name und das Porträt von Marie Juchacz aus dem Stahl geschnitten. Der gestaltende Künstler Gerd Winner erklärte zu der Skulptur: „Sie vereint die Begriffe des Sozialstaates und das Gedenken an Marie Juchacz.“<ref>Vorlage:Webarchiv</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Literatur</ref><ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Einer der ersten Intercity-Express-Züge des Typs ICE 4 sollte nach Marie Juchacz benannt werden.<ref>Vorlage:Webarchiv. In: DB Inside Bahn, 27. Oktober 2017.</ref> Nachdem die geplante Benennung eines Zuges nach Anne Frank auf Kritik gestoßen war, verzichtete die Deutsche Bahn auf Zugtaufen auf den Namen von Personen, sodass die Benennung nach Marie Juchacz nicht zustande kam.<ref name="faz-20180228">Vorlage:Internetquelle</ref>

In Deutschland wurden viele verschiedene soziale Einrichtungen zu Ehren von Marie Juchacz benannt, so etwa ein Seniorenzentrum in Erzhausen,<ref>Claudia Stehle: Seniorenzentrum in Erzhausen neu eröffnet. In: Darmstädter Echo, Dienstag, 20. November 2018, S. 20.</ref> das Seniorenwohnhaus<ref>AWO-Seniorenhaus</ref> der AWO in Berlin-Lichtenrade oder das Marie-Juchacz-Zentrum der AWO in Augsburg, ein Wohnheim für chronisch mehrfachgeschädigte Alkoholabhängige (CMA).<ref>Marie-Juchacz-Zentrum. AWO Augsburg.</ref> 2019 wurde in Idstein zur Feier des 100-jährigen Bestehens der Arbeiterwohlfahrt die Kita „Marie Juchacz“ eröffnet. 2020 zeigt das Mitte Museum die Ausstellung „Marie Juchacz – Die erste Frau am Rednerpult“.<ref>Vorlage:Internetquelle</ref>

Filme und Bühne

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Rundfunk

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  • Warum kennt kaum jemand Marie Juchacz? 100 Jahre Frauenwahlrecht. Gespräch, 12. November 2018, 11:07 Min., Gast: Unda Hörner, Produktion: Deutschlandfunk Kultur, Redaktion: Fazit, Vorlage:Webarchiv
  • „Die Frauen besitzen heute das Ihnen zustehende Recht der Staatsbürgerinnen.“ Rede von Marie Juchacz in der Weimarer Nationalversammlung als erste Parlamentarierin, 19. Februar 1919, 34:21 Min., Produktion: MDR, Erstsendung: 22. Dezember 2018 bei MDR, Audio-Datei.

Veröffentlichungen

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  • Der kommende Friede. W. Moeser, Berlin 1919, Vorlage:DNB.
  • Praktische Winke für die sozialdemokratische Frauenbewegung. Hrsg. vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Berlin 1921, Vorlage:DNB.
  • Ottilie Baader: Ein steiniger Weg. Lebenserinnerungen einer Sozialistin. Mit einem Vorwort von Marie Juchacz. J. H. W. Dietz Verlag Nachf., Berlin 1921, Vorlage:DNB.
  • Marie Juchacz, Johanna Heymann: Die Arbeiterwohlfahrt. Voraussetzungen und Entwicklung. J. H. W. Dietz Nachf., Berlin 1924, Vorlage:DNB.
  • Geburtenfrage – Sexualberatung eine Aufgabe der Arbeiterwohlfahrt. In: Arbeiterwohlfahrt, 4 (1929), Heft 23, S. 730–734. fes.de
  • Stimmen gegen den § 218. In: Der sozialistische Arzt, 1931, 7. Jahrgang, Heft 4 (April), S. 102–103; Vorlage:Archive.org.
  • Zum 31. Juli 1932. In: Arbeiterwohlfahrt, 7 (1932), Heft 14, S. 417–418. fes.de
  • Sie lebten für eine bessere Welt. Lebensbilder führender Frauen des 19. und 20. Jahrhunderts. J. H. W. Dietz Verlag Nachf., Berlin / Hannover 1955, Vorlage:DNB.

Literatur

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  • Lydia Struck: „Mir geht so vieles durch den Kopf und durchs Herz.“ Marie Juchacz. Briefe und Gedanken zum Neuanfang der AWO. Hrsg. von AWO Bundesverband. Berlin 2014 (= Schriftenreihe zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt).
  • Walter Hammer: Hohes Haus in Henkers Hand. Rückschau auf die Hitlerzeit, auf Leidensweg und Opfergang deutscher Parlamentarier. 2., durchgearbeitete und erweiterte Auflage. Europäische Verlags-Anstalt, Frankfurt am Main 1956.
  • Marie Juchacz. In: Franz Osterroth und Dieter Schuster: Chronik der deutschen Sozialdemokratie. Band 1: Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges. J. H. W. Dietz Verlag Nachf., Bonn und Berlin 1960, S. 150–151.
  • Juchacz (geb. Gohlke), Marie. In: Wilhelm Kosch: Biographisches Staatshandbuch. Lexikon der Politik, Presse und Publizistik. Fortgeführt von Eugen Kuri. Zweiter Band. A. Francke Verlag, Bern und München 1963, S. 615.
  • Birgit Leske: Juchacz, Marie. In: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Biographisches Lexikon. Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 233–234.
  • Vorlage:NDB
  • Lotte Lemke: Marie Juchacz. Gründerin der Arbeiterwohlfahrt 1879–1956. Auer, Donauwörth 1979.
  • Martin Schumacher (Hrsg.): M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3., erheblich erweiterte und überarbeitete Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
  • Brigitte Domrurath: Juchacz, Marie. In: Manfred Asendorf, Rolf von Bokel (Hrsg.): Demokratische Wege. Deutsche Lebensläufe aus fünf Jahrhunderten. J. B. Metzler, Stuttgart / Weimar 1997, ISBN 3-476-01244-1, S. 312–313.
  • Vorlage:Literatur
  • Lydia Struck: „Darüber muss noch gesprochen werden“ AWO-Frauen und ihre Beiträge zur Gleichstellungspolitik Hrsg. von AWO Bundesverband. Berlin 2015, ISBN 978-3-9815319-0-9, S. 42–53 (= Schriftenreihe zur Geschichte der Arbeiterwohlfahrt).
  • Gisela Notz: Die Exilerfahrungen von Marie Juchacz. In: Ariadne. Forum für Frauen- und Geschlechtergeschichte, 2017, Heft 72, S. 44–51.
  • Eckhard Hansen, Florian Tennstedt (Hrsg.) u. a.: Biographisches Lexikon zur Geschichte der deutschen Sozialpolitik 1871 bis 1945. Band 2: Sozialpolitiker in der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus 1919 bis 1945. Kassel University Press, Kassel 2018, ISBN 978-3-7376-0474-1, S. 90 f.; uni-kassel.de (PDF; 3,9 MB).
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Vorlage:Commonscat

Einzelnachweise

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<references />

Vorlage:Normdaten

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